Kinderschutzbund-Präsident Heinz Hilgers: "619 Euro vom Staat für jedes Kind"

Interview mit dem Kinderschutzbund-Präsidenten: "619 Euro vom Staat für jedes Kind"

Kinderschutzbund-Präsident Heinz Hilgers fordert im Interview mit unserer Redaktion eine Grundsicherung für Kinder. Sonst sei ein Viertel der Mädchen und Jungen später auf Staatshilfe angewiesen.

Herr Hilgers, Union und SPD planen Verbesserungen für Kinder und Familien. Ist das der große Wurf?

Heinz Hilgers Im Vergleich zu allen vorherigen Koalitionsverhandlungen verabreden Union und SPD diesmal eine bessere Politik für Kinder: Kinderrechte ins Grundgesetz, Rechtsanspruch auf Ganztagsbetreuung in der Grundschule, Lockerung des Kooperationsverbotes zur finanziellen Unterstützung der Länder durch den Bund beim Ausbau von Bildungs- und Betreuungsangeboten und Ausstattung der Schulen. Ökonomisch vernünftig ist auch der Ansatz zur Förderung einkommensschwacher Familien. Der Kinderzuschlag wird erhöht, so dass gemeinsam mit dem Kindergeld das Existenzminimum von 399 Euro gedeckt wird und diese Leistung bei steigendem Einkommen langsam abgeschmolzen wird.

Also alles bestens?

Hilgers Natürlich nicht. Denn das alles wird nicht verhindern, dass circa 25 Prozent der heutigen Kinder als Erwachsene auf Hilfen des Staates angewiesen sein werden, weil sie jetzt keine ausreichende Förderung, Bildung und Betreuung bekommen. Obendrein sind die Bürokratie und Kontrolle beim sogenannten Bildungs- und Teilhabepaket gigantisch. Der Versuch, die Eltern zu sanktionieren, führt aber zu Kollateralschäden für die Kinder.

Was wäre aus ihrer Sicht sinnvoller?

Hilgers Man könnte Bildungspaket, Sozialgeld und Kinderzuschlag abschaffen und dafür unbürokratisch und automatisch eine Kindergrundsicherung von 619 Euro monatlich auszahlen. Das wäre zwar insgesamt teurer als die jetzt geplanten Angebote – es wäre aber eine Zukunftsinvestition. Denn die jetzige Kindergeneration wird im Erwachsenenalter nicht nur für ihre eigenen Kinder und all die vielen Rentner aufkommen müssen, sondern auch noch für circa ein Viertel ihrer Generation, die Leistungsempfänger sein werden. Das ist eine ökonomische und soziale Katastrophe.

Was muss auf dem Arbeitsmarkt geschehen?

Hilgers Der Mindestlohn müsste um drei Euro pro Kind aufgestockt werden. Vom Mindestlohn können nur Ledige leben, deren Wohnung nicht zu teuer ist. Und Arbeitgeber zahlen Millionen Menschen auch noch weniger als den Mindestlohn und verstoßen damit gegen das Gesetz. Weil es sich lohnt. Sie bezahlten 2017 dafür 4,2 Millionen Euro Bußgeld und nahmen dadurch allerdings Milliarden Euro ein. Das hat nichts mehr mit sozialer Marktwirtschaft zu tun.

  • Job und Familie : Kinder bevorzugen partnerschaftliche Erziehung

Der Fall eines von seiner Mutter sexuell vermarkteten neunjährigen Jungen erschüttert die Republik. Kann die Politik Konsequenzen ziehen?

Hilgers Dieser Fall sprengt jede Vorstellungskraft, und ich habe mit meinen nahezu 70 Jahren schon viel gesehen und gehört. Niemand von uns kann sich das Leid vorstellen, das der mehr als 100 Mal vergewaltigte Junge erlitten hat. Das wird ihn sein Leben lang begleiten. Würde unser Grundgesetz dem Kindeswohl Vorrang einräumen, hätten die Gerichte in diesem Fall sicherlich anders entschieden, und das Kind hätte besser geschützt werden können.

Wie ist es um die Würde der Kinder in Deutschland bestellt?

Hilgers Ganz allgemein gesprochen ist der gesellschaftliche Umgang roher und rauer geworden. Überall nur Wettbewerb, Tempo, Stress, Jagd auf ökomische Vorteile bei gleichzeitiger vielfacher Vernachlässigung des Kindeswohls. Im Jahr 2000 lebten von 15,6 Millionen Kindern circa 1,5 Millionen Mädchen und Jungen in Deutschland von Sozialleistungen. Heute haben wir 13 Millionen Kinder, darunter 2,7 Millionen aus armen Verhältnissen. Globalisierung und digitale Revolution machen die Herausforderungen noch größer. Und es ist nicht so einfach, wie es der FDP-Chef Christian Lindner sagt: Digitalisierung first, Bedenken second.

Was muss geschehen?

Hilgers Der Gesellschaft muss bewusst werden, dass Freiheit und Verantwortung gerade auseinanderfallen. Sie muss eine Antwort auf diesen Missstand finden. Ein Beispiel: In keinem anderen Land ziehen Eltern, Lehrer, Fachkräfte, Erzieher so übereinander her wie in Deutschland. Das bekommen die Kinder natürlich mit. Kinder brauchen aber Orientierung, Vorbilder, Verlässlichkeit, Loyalität, Zeit. Stärken müssen gefördert, Schwächen minimiert werden. Die Deutschen sollten lockerer werden, weniger verbissen Erfolgen nachjagen. Ich halte es mit Karl Valentin: "Erziehung hat keinen Zweck. Kinder machen uns eh alles nach."

Kristina Dunz führte das Gespräch.

(kd)