Aktuelle Stunde im Bundestag Dramatische Situation an deutschen Kinderkliniken

Berlin · Befindet sich Deutschland bereits in einer Kinderklinik-Notlage? Die Politik jedenfalls will jetzt Notfallmaßnahmen aufsetzen – und notfalls Operationen bei Erwachsenen aussetzen. Die Lage ist ernst.

 Auch Kinderarztpraxen sind am Limit.

Auch Kinderarztpraxen sind am Limit.

Foto: dpa/Sebastian Gollnow

Die schlimme Situation in den Kinderkliniken in Deutschland zieht immer weitere politische Kreise. Das Bundesgesundheitsministerium plant aufgrund der Situation weitere Unterstützung für überlastete Kinderarztpraxen und Kinderstationen. In Kinderkliniken könnten zusätzliche Honorarkräfte in der Pflege angeworben werden und seien dann zu hundert Prozent abrechenbar, hieß es am Donnerstag aus dem Ministerium.

Für Ärzte und Ärztinnen in Kinderpraxen sollen zudem Mehrleistungen nach festen Preisen komplett honoriert werden - ohne Abschläge wegen Budgets mit Obergrenzen. Um die Kinderheilkunde für Ärzte attraktiver zu machen, soll dieser Bereich auch dauerhaft von Vergütungsbudgets ausgenommen werden.

Viele Kinderpraxen und Kinderstationen sind aktuell extrem überfüllt. Experten berichten unter anderem von einer Welle an Infektionen mit dem Respiratorischen Synzytial-Virus (RSV), das für Babys gefährlich sein kann.

Falls bisherige Maßnahmen nicht reichen sollten, wäre auch denkbar, verschiebbare Eingriffe in der Erwachsenenmedizin für eine begrenzte Zeit ganz auszusetzen. Noch werde diese Situation nicht gesehen, dies könnte aber sofort veranlasst werden.

Es werde alles getan, um diese Krise für die Kinder zu überwinden, hieß es aus dem Ministerium weiter. Bereits eingeleitete Maßnahmen hätten auch schon gewirkt - etwa das Aussetzen von Mindest-Personalvorgaben, um Pflegekräfte für bestimmte Standardaufgaben in Kinderstationen umzusteuern.

Gesundheitsminister Karl Lauterbach (SPD) begründete die Maßnahmen am Donnerstagnachmittag in einer aktuellen Stunde des Bundestags. Die Lage in den Kinderkliniken gebe „Anlass zur Sorge“, es gebe eine „akute Gefährdung“ der Versorgung.

Auch die Praxen arbeiteten am Rande der Überlastung. Man sei mit den Kliniken in direktem Kontakt, die beschlossenen Maßnahmen sollten jetzt schnell greifen. „Wir werden alles tun, um die Situation zu verbessern. Wir lassen kein Kind zurück“

Der pflegepolitische Sprecher der Linksfraktion, Ates Gürpinar, übte harsche Kritik. Die Situation sei absehbar gewesen, nichts sei passiert. Die Zustände seien untragbar, die Kliniken jenseits der Kapazitätsgrenze. Es seien in der Vergangenheit einfach zu viele Betten im Klinikbereich abgebaut worden. „Das Profitsystem hat im Gesundheitsbereich nichts verloren.“

Doch auch in den für die Erwachsenenbetreuung zuständigen Krankenhäusern steht es schlecht. Aufgrund einer hohen Anzahl an Krankenfällen bei Ärzten und Pflegekräften haben Kliniken bundesweit Personalengpässe und müssen teilweise Operationen verschieben oder sogar absagen.

Etliche Krankenhäuser in Bayern, Hessen, Nordrhein-Westfalen und Bremen berichten von einer angespannten personellen Situation. Die Berliner Charité etwa gab aus dem Grund am Mittwoch bekannt, dass alle verschiebbaren Operationen bis Jahresende abgesagt würden.

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