IW-Studie zur Langzeitarbeitslosigkeit „Effektivstes Mittel gegen Kinderarmut sind vernünftige Jobs für die Eltern“

Exklusiv | Berlin · Eine Studie des Instituts der deutschen Wirtschaft stützt in der Debatte um die Kindergrundsicherung die Positionen von Finanzminister Christian Lindner. Am wirksamsten werde Kinderarmut durch den gezielten Abbau von Langzeitarbeitslosigkeit bei Migranten und Alleinerziehenden bekämpft, sagt der Autor der Studie.

 Arbeitslosigkeit der Eltern und Kinderarmut stehen im engen Zusammenhang. Statt zu kürzen, müsste der Bund hier deutlich mehr investieren, sagen Ökonomen.

Arbeitslosigkeit der Eltern und Kinderarmut stehen im engen Zusammenhang. Statt zu kürzen, müsste der Bund hier deutlich mehr investieren, sagen Ökonomen.

Foto: dpa

In der Debatte um die Kindergrundsicherung hat das arbeitgebernahe Institut der deutschen Wirtschaft (IW) die Bundesregierung aufgefordert, die Langzeitarbeitslosigkeit als Hauptursache von Kinderarmut stärker in den Blick zu nehmen. „Armut in Deutschland hat in ganz starkem Maße mit der Arbeitslosigkeit zu tun: Mehr als 60 Prozent der Arbeitslosen sind armutsgefährdet und verfügen über weniger als 60 Prozent des mittleren Einkommens“, sagte IW-Arbeitsmarktexperte Holger Schäfer unserer Redaktion.

„Bei den Erwerbstätigen sind dagegen weniger als zehn Prozent armutsgefährdet. Das effektivste Mittel gegen Kinderarmut ist daher, dass die Eltern vernünftige Jobs haben.“ In der Debatte um die Kindergrundsicherung sei es „eminent wichtig darauf zu achten, dass durch höhere Transferleistungen nicht der Anreiz zur Arbeitsaufnahme verringert wird. Es wäre absurd, wenn durch die Kindergrundsicherung das wichtigste Mittel zur Armutsbekämpfung, nämlich das Erzielen eines eigenen Erwerbseinkommens, konterkariert werden würde“, warnte Schäfer.

Die Ampel-Regierung plant die Einführung einer neuen Sozialleistung zum 1. Januar 2025, der Kindergrundsicherung. Dabei sollen Kindergeld, Kinderzuschlag für einkommensschwache Familien, der Kinder-Regelsatz im Bürgergeld sowie voraussichtlich weitere Zuschläge zu einer Leistung zusammengefasst werden. Arme und einkommensschwache Familien sollen nach dem Willen von Familienministerin Lisa Paus (Grüne) mehr staatliche Unterstützung erhalten. Finanzminister Christian Lindner (FDP) ist dagegen skeptisch, ob höhere Sozialleistungen Kinderarmut wirksam bekämpfen würden. Er hatte in diesem Zusammenhang auch auf den seit 2015 deutlich gestiegenen Anteil von zugewanderten Kindern im Bürgergeld verwiesen und sich damit heftige Kritik von Sozialverbänden, SPD und Grünen eingehandelt. Kinderarmut habe etwas mit Zuwanderung zu tun, sagte Lindner.

Laut einer noch unveröffentlichten IW-Studie verfügen 61 Prozent der insgesamt 900.000 Langzeitarbeitslosen über keine abgeschlossene Berufsausbildung. Ein Drittel sind demnach Ausländer und zehn Prozent Alleinerziehende, so die Studie, die sich auf aktuelle Daten der Bundesagentur für Arbeit beruft.

IW-Forscher Schäfer forderte die Ampel auf, die Ursachen der Kinderarmut konsequenter anzugehen, statt mit der Kindergrundsicherung nur Symptome zu lindern. „Ausländer im Bürgergeld sind im Schnitt sehr viel jünger als die Deutschen im Bürgergeld“, sagte er. Sie hätten oft noch minderjährige Kinder. Programme, die darauf abzielten, Menschen ohne deutschen Pass in dauerhafte und besser bezahlte Jobs zu bringen, seien daher der wichtigste Ansatzpunkt gegen Kinderarmut. „Die meisten Maßnahmen für Zugewanderte – etwa Sprachtrainings und Weiterbildungen – bringen in der Regel sehr gute Fortschritte. Es kommen dadurch nachweislich mehr Ausländer in eine dauerhafte Arbeit“, betonte Schäfer. Ähnlich hatte sich Lindner geäußert.

Auch Alleinerziehende seien überdurchschnittlich oft langzeitarbeitslos, so Schäfer. Das liege vor allem an fehlenden Betreuungsmöglichkeiten für die Kinder. „Wenn die Politik genau bei diesen Punkten ansetzen würde, müsste sie über die Kindergrundsicherung gar nicht nachdenken. Von Kürzungen bei Sprachtrainings und Weiterbildungsangeboten für Bürgergeld-Empfänger sollte die Politik unbedingt absehen“, warnte er mit Blick auf darauf bezogene Kürzungspläne des Arbeitsministeriums im Bundeshaushalt 2024.

SPD-Fraktionsvize Sönke Rix kritisierte dagegen Finanzminister Christian Lindner in der Debatte um die Kindergrundsicherung. „Wenn der Finanzminister plötzlich wieder den kompletten Ansatz in Frage stellt, ist das schon verwunderlich. Ganz deutlich: Das ist eine Debatte, die längst entschieden ist“, sagte Rix unserer Redaktion. „Wir haben uns in der Koalition gemeinsam auf die Kindergrundsicherung verständigt. Sie wird kommen und sie ist auch das richtige Instrument.“

Kinderarmut gebe es in vielen Formen. „Die Gründe reichen weit über den Bezug von Sozialleistungen wie dem Bürgergeld hinaus: Arbeitslosigkeit der Eltern, niedrige Löhne, unsichere Jobs, Alleinerziehende, familiäre Krisen oder Bildungsungleichheit. Das sind Fakten, die auch dem Finanzminister bekannt sind“, sagte Rix. Die Kindergrundsicherung habe ein klares Ziel: verdeckte Kinderarmut zu bekämpfen. „Denn eben nicht alle Familien in finanzieller Not greifen auf Transferleistungen wie das Bürgergeld zurück. Diese unsichtbare Armut hinterlässt dennoch deutliche Spuren bei den Kindern“, so Rix.

Die Kinderarmutsgefährdung könne nicht einfach ignoriert werden. „Wenn der Finanzminister und seine Partei nur eine bestimmte Gruppe adressieren wollen, erzeugt das Unrecht und Diskriminierung. Eine Gesellschaft, die einseitige Prioritäten setzt und andere außen vor lässt, riskiert, den gesellschaftlichen Kitt zu zerreißen“, warnte Rix.

Die Kindergrundsicherung müsse sich an drei zentralen Zielen ausrichten: „Um vor Kinderarmut zu schützen und Kindern bessere Teilhabechancen zu ermöglichen, muss mehr Geld direkt bei den Kindern ankommen. Verdeckte Armut muss aufgedeckt und behoben werden. Und für Familien muss es leichter werden, die ihnen zustehenden Leistungen auch in Anspruch zu nehmen“, forderte Rix.

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