1. Politik
  2. Deutschland

Kinder in der Corona-Pandemie: Alena Buyx spricht über deren Belastung

Ethikrats-Vorsitzende Alena Buyx : „Familien und die jüngere Generation sind enorm belastet worden“

Die Vorsitzende des Ethikrats, Alena Buyx, spricht über Impfungen bei den Jüngsten der Gesellschaft und mangelnde Anerkennung für deren solidarische Leistung während der Pandemie.

Alena Buyx spricht über die zu erwartende Impfbereitschaft bei Kindern und Jugendlichen und besondere Risiken in der Spätphase der Pandemie. Je länger diese andauert, desto mehr kommen aus Sicht der Ethikrats-Vorsitzenden die besonderen Belastungen für die jüngere Generation und Familien zum Vorschein. Im Interview erklärt sie, was sie sich für diese gesellschaftlichen Gruppen wünschen würde.

Wie stehen Sie zum Vorstoß von Familienministerin Franziska Giffey, Kinder und Jugendliche vorrangig zu impfen, sobald ein Impfstoff für diese Gruppe zugelassen ist?

Buyx Wenn alle Risikogruppen ein Angebot zur Impfung erhalten haben, kann die bisherige Priorisierung auslaufen. Dann sollte rasch und proaktiv dort geimpft werden, wo es immer noch, oder neue, erhöhte Risiken einer Ansteckung gibt. Impfmobile in besonders betroffenen Stadtvierteln etwa, aber auch niedrigschwellige Impfangebote für die jüngere Generation. Denn je stärker die älteren Menschen geschützt sind, desto mehr wird sich die Pandemie in der Spätphase in den noch ungeimpften Gruppen abspielen, also bei den Jüngeren. Noch gibt es aber keine in Europa zugelassenen Impfstoffe für Kinder und Jugendliche.

Wie schätzen Sie die Impfbereitschaft unter Kindern und Jugendlichen ein, zumal die Eltern diese Entscheidung (mit-)treffen werden?

Buyx Die Impfbereitschaft wird vermutlich nicht so hoch sein wie bei der älteren Generation. Aber es wird viele Familien geben, die sehr gern zugreifen werden, wenn die Impfstoffe zugelassen und die Erfahrungen aus Ländern wie USA, Israel und Kanada ausgewertet sind, wo bereits jetzt Jugendliche ab 12 geimpft werden.

Wie sollte dem begegnet werden?

Buyx Das passt zur ethischen Argumentation: Es gibt zwar auch schwere Verläufe und Long Covid bei Kindern und Jugendlichen, aber insgesamt sind die Risiken durch Covid-19 in dieser Gruppe niedriger als bei älteren Menschen. Das heißt, es gibt ein Eigenschutzargument für die Impfung, aber es ist etwas schwächer. Gleichzeitig würde die Impfung auch dazu beitragen, dass die Schulen sicherer werden, also der Gruppenschutz besser wird, und natürlich würde auch der Gemeinschaftsschutz insgesamt zunehmen. Das Nutzen-Risiko-Verhältnis ist also bei Kindern und Jugendlichen anders als bei älteren Menschen, aber wenn sich die bisher positiven Daten aus den Studien erhärten, dennoch positiv. Sehr wichtig: diese Impfung muss eine individuelle Entscheidung sein, die Eltern mit ihren Kindern und idealerweise nach Beratung durch ihre Kinderärztin treffen.

  • Vielen Kindern und Jugendlichen geht es
    Bedrückende Prognose : Die Zahl der Schulabbrecher steigt
  • Vor dem Computer im abgedunkelten Zimmer
    Schule und Corona : Die vernachlässigten Verlierer der Pandemie
  • Mit dem Geld sollen Ferienaktionen an
    Projekte in der Alten Feuerwache : Stadt erhält Fördergeld für „Corona-Ferien“

Die Bundesregierung hält weiter an dem Versprechen fest, allen Erwachsenen bis Ende des dritten Quartals, womöglich schon früher, ein „Impfangebot“ zu machen. Wie beurteilen Sie es, dass die Jüngsten der Gesellschaft hier von Anfang an ausgeklammert wurden?

Buyx Die Studien an Kindern und Jugendlichen haben später begonnen, als die an Erwachsenen. Deshalb ist es ganz folgerichtig, dass beim Impfen nicht von vornherein mit Kindern geplant wurde – man hat einfach in Europa noch keinen Impfstoff für die unter 16-Jährigen und es muss ja sorgfältig geprüft werden. Jetzt sind die Studien-Daten und auch die ersten Impf-Erfahrungen aber wohl so gut, dass man nun den Blick auf Kinder und Jugendliche richten sollte, zumal sich die spätere Phase der Pandemie eben besonders in den noch ungeimpften Gruppen abspielen wird.

Werden Kinder, Jugendliche und ihre Familien politisch ausreichend berücksichtigt?

Buyx Familien und die jüngere Generation sind durch die Pandemie enorm belastet worden und das zeigt sich umso stärker, je länger diese dauert. Das ist weniger die direkte Bedrohung durch das Virus wie bei älteren Menschen und Risikogruppen, sondern es sind die psychische und ökonomische Belastung, die Verluste und Versäumnisse bei Bildung, sozialer Entwicklung, Berufsanfang usw. usf.

Was würden Sie hier erwarten?

Buyx Ich wünsche mir da mehr Anerkennung für diese solidarische Leistung, mehr konkrete Angebote, und auch viel Rücksicht durch jene, die jetzt schon geschützt sind. Zugleich brauchen wir dringend kreative und umfassende Initiativen und Programme, wie man zukünftig in der jüngeren Generation unterstützen, kompensieren, ausgleichen kann.