Kevin Kühnert und Tilman Kuban: Jung, nett und voller Sehnsucht nach Unterscheidbarkeit

Tilman Kuban und Kevin Kühnert : Jung, nett und voller Sehnsucht nach Unterscheidbarkeit

Haben CDU und SPD noch eine Zukunft als Volksparteien? Ihre Nachwuchsstars Kevin Kühnert und Tilman Kuban sind skeptisch. Ein abendlicher Dialog, der mit einem klaren Unentschieden endet.

Wenn sich die wichtigsten Leute der Parteijugend von CDU und SPD Gedanken über die Zukunft der Volksparteien machen, dann mag das noch vor zehn Jahren ein interessanter Abend mit Blick auf eine Selbstverständlichkeit gewesen sein. An diesem Montag machen im großen Saal der Berliner Landes-CDU Tilman Kuban, der Chef der Jungen Union, und Kevin Kühnert, der Chef der Jusos, von Anfang an klar, dass ihre Mutterparteien nicht mehr vor Kraft strotzen. Die aktuelle Sonntagsfrage sieht die CDU in Berlin bei 18 Prozent, die SPD bei 15 Prozent. Wer langfristig nicht mehr zusammen bekomme, mache sich auf die Dauer lächerlich, wenn er sich weiterhin als Volkspartei verstehe, sagt Kühnert unumwunden gleich zu Beginn.

Die Analyse der Ursachen geht bei beiden Jungpolitikern in die gleiche Richtung: Die beiden Volksparteien seien sich in ihrem Erscheinungsbild zu ähnlich. Früher stand ein Herbert Wehner für die SPD und ein Franz Josef Strauß für die Union - und beide ließen sich in ihrer gegenseitigen Polarisierung kaum übertreffen, erklärt Kuban. Und Kühnert ergänzt, heute hätten AfD und Grüne die Polarisierung übernommen, während Union und SPD in einer zu langen Phase großer Koalitionen zu einheitlich wahrgenommen würden.

Und es gebe eine Fülle weiterer Versäumnisse, sind sich wieder beide einig: Zum Beispiel, Projekte konkret zu machen, für die es sich auch langfristig lohne, in einer Partei mitzuarbeiten, erläutert Kuban. Bei Kühnert ist es der Kontakt mit der eigenen Klientel. Es sei ein Fehler gewesen, bei den Koalitionsverhandlungen 2018 den Familiennachzug für subsidiär geschützte Flüchtlinge als Top-Thema aufzuführen. Als eine Ursache sieht Kühnert auch die verloren gegangene Bindungswirkung in die politischen Ränder hinein. Früher hätten Union und SPD auch Bevölkerungsteile mit „unappetitlichen“ Vorstellungen eingebunden.

„Ich bin Vereinsmeier durch und durch“, bekennt Kühnert während der Debatte. Foto: dpa/Carsten Koall

Braucht es eine Kabinettsumbildung?, wollen Zuschauer wissen. „Gute Idee von Markus Söder“, sagt Kuban, will aber keine Namen nennen. Wie war das noch gleich mit der Absicht, konkreter zu werden? Ist die Strategie von Saskia Esken und Norbert Walter-Borjans besser als die von Sigmar Gabriel, lautet eine andere Frage aus dem Publikum. Kühnerts Antwort: Was Gabriel morgens aufgerufen habe, habe er sich meistens selbst ausgedacht, was seine Nach-Nachfolger heute kommunizierten, entspreche dem SPD-Programm. Also näher an der Klientel? Manches verwirre auch, unterstreicht Kühnert und verweist auf die von der Volkspartei links der Mitte gestreuten Zweifel an der Sicherheit der Sozialsysteme ohne zusätzliche Vorsorge, während gleichzeitig die Volkspartei rechts der Mitte den Atomausstieg einleite.

„Ich bin Vereinsmeier durch und durch“, bekennt Kühnert auf die Frage, ob er heute wieder in die SPD eintreten würde. Wenn nur ein Prozent in einer Partei seien, deute das auf eine zu bequeme Gesellschaft hin. „Es gibt im Moment keine andere Partei, die sich in existenziellen Fragen für das Kollektiv und nicht für den Einzelnen entscheidet“, lautet Kühnerts Begründung, sich auch heute wieder für die Sozialdemokratie zu entscheiden. Und Kuban? Er hat Unterschriften für einen Nachtzug in seiner Region gesammelt und ist so zur Jungen Union gekommen. „Wir sind die Partei, die für Fördern und Fordern steht“, lautet die Begründung von Kuban für sein Bekenntnis zur CDU und sieht sich an seine Zeit als Fußballtrainer erinnert. „Ich will mit an der Zukunftsagenda bauen“, sagt er.

Und was ist mit der Zukunft der Volksparteien? Wie kommen sie aus dem Tief wieder heraus? Kühnert lobt die Mitgliederbeteiligung beim Urwahlprozess des neuen Spitzenteams der SPD und berichtet von guten Erfahrungen mit Mitgliederbeiräten. „Eine charismatische Persönlichkeit an der Spitze zu haben, ist nie verkehrt“, meint Kuban. Ende des Jahre werde man sich unter diesem Leitgedanken darauf verständigen, wer für die Union Kanzlerkandidat werden solle. Und dabei werde man mehr Unterscheidbarkeit anstreben: Wenn die SPD auf mehr Karl Marx und die CDU auf mehr Ludwig Erhard setze, könne das schon gelingen, lautet Kubans Empfehlung. Kevin Kühnert will es auch sprachlich klarer machen. Andere Parteien sollten nicht länger als „Mitbewerber“ bezeichnet werden, das klinge nach „Murmelspiel“. Zwar nicht von Feind, aber doch von Gegner zu sprechen, komme der Sache schon näher.

So wollen sie es selbst auch halten. Wie im Fußball. Nach dem Besuch des Jusos bei der CDU gebe es sicher ein Rückspiel, meint Kühnert, nachdem er erfahren hat, dass Kuban noch nie zur SPD eingeladen worden sei. Er habe keine Angst davor, antwortet Kuban. Das mag auch daran liegen, dass die Zuschauer den Beifall gerecht verteilten. Ein klares Unentschieden. Beide Kontrahenten gleich stark. Oder mit Blick auf die Umfragen: gleich schwach.