KBV-Chef Andreas Gassen „Karl Lauterbachs Warnungen und Appelle sind überzogen“

Interview | Berlin · Der Chef der Kassenärztlichen Bundesvereinigung über die aktuelle Krankheitswelle, das Verschwinden von Krankenhäusern und Arztpraxen im kommenden Jahr und seinen Frust über die geplante Cannabis-Legalisierung.

Andreas Gassen, Vorstandsvorsitzender der Kassenärztlichen Bundesvereinigung (KBV)

Andreas Gassen, Vorstandsvorsitzender der Kassenärztlichen Bundesvereinigung (KBV)

Foto: dpa/Bernd von Jutrczenka

Gassen Karl Lauterbach kann nicht aus seiner Haut. Ich halte seine Warnungen und Appelle in der Dringlichkeit für überzogen. Wir haben schließlich keine pandemische Lage mehr.

Aber die Zahlen steigen doch stark.

Gassen Das will ich auch nicht bestreiten. Aber wir haben früher auch nicht wegen Erkältungen oder der Grippe überall zum Maskentragen und zum Verzicht auf Weihnachtsfeiern in Innenräumen geraten. Was Sinn macht, ist die Impfung gegen Corona und Grippe für alle Älteren und Risikogruppen. Und wer immungeschwächt ist, sollte beim Einkaufen oder im öffentlichen Nahverkehr Maske tragen.

Was ist mit dem Argument, dass Corona nach den Worten des Ministers eben keine übliche Erkältung ist, sondern die Gesundheit dauerhaft schwächen kann?

Gassen Es ist richtig, dass es Long-Covid-Fälle gibt, teils auch sehr schwere. Aber gemessen an der Gesamtbevölkerung sind das Einzelfälle. Das ist für jeden Betroffenen furchtbar, sollte aber nicht alle in Panik versetzen. Was wäre denn die Alternative? Dass man aus Angst vor einer für den Einzelnen sehr unwahrscheinlichen, nachhaltigen Gesundheitsschädigung jetzt ab dem Herbst bis Ostern nur noch Maske trägt? Wer das möchte, kann das ja tun. Ich denke einfach, dass Karl Lauterbach und ich in einigen Punkten unterschiedliche Sichtweisen haben.

Die Wartezimmer sind auch wegen anderer Infekte derzeit sehr voll. Kommen die Arztpraxen mittlerweile an Belastungsgrenzen?

Gassen Wenn Erkältungs- und Grippewellen durchs Land rollen, ist das jedes Mal eine enorme Belastung für die Praxen. Kritisch wird es meist aber vor allem dann, wenn Mitarbeiter erkranken und ausfallen. Das beobachten wir schon, dass dieser Effekt immer mehr Praxen betrifft.

Es gibt Berichte über geringere Grippe-Impfquoten als vor Corona. Nehmen Sie bei Patienten eine gewachsene Skepsis gegenüber Impfstoffen wahr?

Gassen Die Grippe-Impfquoten waren noch nie zufriedenstellend. Aktuell sind sie aber gefühlt noch einmal besonders niedrig. Gleichwohl verwundert es mich nicht, dass heute mehr Menschen zögern. Denn als die Corona-Impfstoffe kamen, wurden Sorgen über deren Sicherheit und Verträglichkeit von Medizinern und Politikern weggewischt. Dabei gab und gibt es natürlich Impfschäden bei einzelnen Personen, die genau wie Long-Covid-Fälle zum Gesamtbild gehören. Es war nicht seriös, Ängste der Menschen einfach abzutun. Das rächt sich jetzt möglicherweise und das bedaure ich. Denn so drohen wir auch die Risikogruppen zu verlieren. Und die positiven Effekte der Impfungen überwiegen für diese Gruppen bei Weitem, sowohl bei Corona als auch bei der Grippe.

Im Zuge der Krankenhausreform wird vor einem Kliniksterben in Deutschland gewarnt. Wie ist die Situation bei den Praxen? Droht da auch eine Schließungswelle aus bestimmten Gründen?

Gassen Ich rechne fest damit, dass im kommenden Jahr viele Krankenhäuser in die Insolvenz rutschen und geschlossen werden. Es gibt zwar derzeit auch zu viele Kliniken, aber diese Entwicklung will auf diesem Weg niemand, weil es zu einem völlig ungeordneten Krankenhaussterben führen wird. Bei den niedergelassenen Ärzten sind es andere Effekte. Ich rechne aber auch da mit einem beginnenden breiten Niedergang in 2024.

Inwiefern?

Gassen Es gibt drei Hauptprobleme. Erstens kommen langsam sehr viele Praxisinhaber ins Rentenalter und längst nicht alle finden Nachfolger. Zweitens kämpfen alle Praxen mit den immer belastenderen Budgetgrenzen. Statistisch arbeiten die meisten niedergelassenen Ärzte ab dem 15. November bei gesetzlich versicherten Patienten umsonst, weil dann die Budgets der Kassen in der Regel aufgebraucht sind. Es ist dringend erforderlich, dass die Länder die Budgetierung endlich aufheben, damit Ärzte ihr Angebot über das Jahr verteilt nicht runterschrauben, was aus meiner Sicht sonst die unvermeidbare Folge wäre. Dann gäbe es noch längere Wartezeiten und weniger Versorgung.

Und drittens?

Gassen Drittens ist der Aufwand für bürokratische Abläufe enorm. Daran wird leider auch die elektronische Patientenakte oder das E-Rezept nichts ändern. Ganz im Gegenteil. Denn die Umsetzung wird in der Praxis an oft schlechter Software scheitern. Karl Lauterbach sollte die sündhaft teuren Digitalisierungsprojekte der Ampel wie die elektronische Patientenakte einstampfen. Wir brauchen hier einen echten Neustart mit einfachen funktionalen Lösungen statt dem aktuell geplanten Technikirrsinn.

Es wird doch für Patienten angeblich einfache Bedienmöglichkeiten am Smartphone geben.

Gassen Das glaube ich erst, wenn ich es gesehen habe. Und in den Praxen ist man weit entfernt von anwenderfreundlichen Programmen. Sie helfen nicht bei der Effizienz, sondern kosten zusätzliche Zeit. Das ist doch absurd.

Wie kann es gelingen, Praxen und Rettungsstellen zu entlasten, sodass schnellere Termine und eine bessere Versorgung gelingen?

Gassen Es gibt eine vergleichsweise kleine Zahl an Menschen, die gern und oft ohne akute Beschwerden den ärztlichen Bereitschaftsdienst der Praxen oder die Notaufnahmen in Krankenhäuser nutzen. Diese relativ kleine Zahl von Menschen reicht aus, um das ganze System der Notfallversorgung unnötigerweise an die Belastungsgrenzen zu bringen. Es gibt dafür keine Sanktionierung seitens der Kassen, das wäre ja mit Aufwand für die Kassen verbunden und auch Politik schweigt dazu und fabuliert vom subjektiven Notfall. Es muss viel stärker für einen Sinneswandel bei den Menschen geworben werden: Nur wer akute Schmerzen oder akute Beschwerden hat, gehört ins Krankenhaus oder in den ärztlichen Bereitschaftsdienst.

Klingt wenig erfolgversprechend.

Gassen Ich denke, dass die Telefonnummer 116117 immer noch zu wenigen Menschen bekannt ist, unter der auch schon viele Anliegen geklärt werden können. Außerdem muss es für die Nummer, die bisher von den Praxen selbst finanziert wird, für eine hochverfügbare Erreichbarkeit rund um die Uhr an allen Wochentagen eine Vorhaltefinanzierung geben.

Wie bewerten Sie aus medizinischer Sicht die Pläne für die Cannabis-Legalisierung in Deutschland?

Gassen Ich halte das bestenfalls für Klientelpolitik und kenne keinen Arzt, der das gut findet. Um es kurz zu machen: Wer Cannabis legalisiert, darf nicht so tun, als würde so der Zugang für Minderjährige schwieriger. Heute haben noch ein paar Jugendliche Angst, damit erwischt zu werden. Künftig wird der Besitz völlig normal sein, die einschränkenden Vorgaben, die das Gesetz vorsieht, wird niemand kontrollieren können. Ich rechne fest damit, dass wir nach der Reform mehr junge Konsumenten haben werden.

Der Gesundheitsminister betont oft, dass regelmäßiger Konsum vor dem 25. Lebensjahr das Gehirn irreparabel schädigen kann.

Gassen Da hat er recht. Umso weniger verstehe ich die Pläne der Ampel, weil die Droge künftig noch leichter weitergegeben werden kann. Es ist doch eine Platitüde, dass ein Joint harmloser wäre als ein Bier oder eine Zigarette. Alles drei sind Dinge, die nichts in Händen von Minderjährigen zu suchen haben.

Welche Erwartungen haben Sie an die zweite Halbzeit dieser Ampel-Wahlperiode?

Gassen Leider keine großen mehr. Ganz im Ernst. Alle wesentlichen Projekte hängen in der Luft. Krankenhausreform, Notfallreform, Ambulantisierung, Entbürokratisierung und so weiter, und so weiter. Die Einbindung der Akteure in diesen Bereichen ist schlicht unzureichend, Bedenken werden weggewischt – so wird das nichts werden. Um das zu ändern, müsste Herr Lauterbach jetzt umdenken und zusammen mit den Akteuren des Gesundheitswesens, die die Versorgung aufrecht erhalten, die nächsten gesetzgeberischen Schritte abstimmen und dann praxisorientiert und nicht ideologisch getrieben umsetzen.