Unter Merkel: Karriere-Knick für Friedrich Merz

Unter Merkel : Karriere-Knick für Friedrich Merz

Berlin (rpo). Friedrich Merz avanciert zu so etwas wie dem "Verlierer des Jahres". Zwar hatte der CDU-Politiker bei der Bundestagswahl sein Direktmandat im Hochsauerlandkreis mit 57,7 Prozent bravourös zurückerobert, im neuen Bundestag aber muss er wohl mit einem Platz in den hinteren Reihem Vorlieb nehmen.

Für den einst gefeierten CDU-Star hat die designierte Bundeskanzlerin Angela Merkel nämlich offensichtlich keinen Platz in ihrer Führungsriege vorgesehen. Die Ministerposten sind bereits vergeben, als Staatssekretär ist er zumindest bisher nicht im Gespräch. Soweit bekannt, spielt der Finanzexperte auch in den Arbeitsgruppen der Koalitionsverhandlungen keine Rolle.

In der Fraktion ist Volker Kauder für den Vorsitz vorgesehen. Dass Merz sich für ein Amt unterhalb dieses Niveaus interessiert, darf bezweifelt werden. Vieles deutet darauf hin, dass der Karriere-Knick des Friedrich Merz von längerer Dauer sein wird als er selbst wahrscheinlich kalkuliert hat. Er könnte so lange dauern, wie Merkel in der CDU und der Bundesregierung das Sagen hat.

Dass es soweit gekommen ist, daran hat der eigenwillige, als Diva geltende Sauerländer selbst kräftig mitgearbeitet. Zuletzt war das der Fall, als er just in der kritischen Phase, in der Merkel ihren Anspruch auf das Kanzleramt durchsetzen musste, die CDU-Chefin öffentlich für das unerwartet schlechte Abschneiden der Union bei der Wahl verantwortlich machte.

Zwar nannte Merz in der "Wirtschaftswoche" den Namen Merkel nicht, aber jeder wusste, wer gemeint war, als er formulierte: "Das Potenzial der Union kommt in den Erststimmen mit 40,8 Prozent zum Ausdruck. Nur 36,2 Prozent bei den Zweitstimmen sind eine überdeutliche Antwort der Wähler an Wahlprogramm und personelles Angebot der Union." Nachdem Merz durch einen engagierten und loyalen Wahlkampf die Hoffnung genährt hatte, er ließe sich wieder integrieren, muss der Artikel auf Merkel wie eine kalte Dusche gewirkt haben.

Als zerrüttet galt das Verhältnis zwischen Merz und Merkel schon von dem Moment an, als die CDU-Vorsitzende den bei den Unionsabgeordneten sehr beliebten Volljuristen nach der knapp verlorenen Bundestagswahl 2002 vom Fraktionsvorsitz verdrängte. Dennoch arbeitete der Geschasste zunächst an prominenter Stelle weiter mit, wurde stellvertretender Fraktionschef und zog in das CDU-Präsidium ein.

2003 beschloss die CDU ein von Merz erarbeitetes und von Merkel hoch gelobtes Steuerkonzept mit radikalen Vereinfachungen und dem Anspruch, dass die Steuererklärung künftig auf einem Bierdeckel Platz hat. Die Verhandlungen mit der CSU überstand das Merz'sche Konzept allerdings nicht ohne Blessuren - der Bierdeckel wurde immer größer.

Vielleicht war es das, was das Frust-Fass zum Überlaufen brachte - jedenfalls legte Merz zum Jahresende 2004 den stellvertretenden Fraktionsvorsitz nieder und räumte seinen Platz im Präsidium. Merkel fühlte sich von Merz im Stich gelassen, und seither spielte er in ihren personellen Überlegungen keine Rolle mehr. Daran konnten laute Rufe führender Unionspolitiker nach einer Rückkehr von Merz ebenso wenig ändern wie Merz-freundliche Schlagzeilen der Boulevardpresse.

Damit hat die politische Karriere des scharfzüngigen Analytikers rund fünfeinhalb Jahre nach ihrem Höhepunkt ihren vorläufigen Tiefstand erreicht. Am 29. Februar 2000 war Merz zum Chef der Unionsfraktion im Bundestag gewählt worden, nachdem sein Förderer Wolfgang Schäuble im Zuge der Spendenaffäre um Altkanzler Helmut Kohl zurücktreten musste. Zu diesem Zeitpunkt war Merz gerade einmal 44 Jahre alt und saß erst seit sechs Jahren im Bundestag.

Geboren am 11. November 1955 in Brilon im Sauerland, hatte der Jurist seine Berufslaufbahn nach dem Studium in Bonn als Richter in Saarbrücken begonnen und dann eine steile politische Karriere hingelegt. Von 1989 bis 1994 saß er im Europaparlament, danach zog Merz in den Bundestag ein, wo er sich schnell als Finanzexperte einen Namen machte.

Rhetorische Fähigkeiten gefürchtet

Während Merkel nach dem Sturz von Schäuble den Parteivorsitz übernahm, verschaffte sich Merz als Fraktionschef Ansehen. Seine rhetorischen Fähigkeiten wurden im Bundestag ebenso geschätzt wie von den Regierungsfraktionen gefürchtet. Wenn er auf Reden von Finanzminister Hans Eichel (SPD) antwortete, gingen SPD und Grüne in Deckung.

Als Kanzlerkandidat Edmund Stoiber (CSU) ihn vor der Bundestagswahl 2002 in sein "Kompetenzteam" holte, galt als sicher, dass Merz im Fall eines Wahlsieges Finanzminister würde. Doch es kam alles anders: Die Union verlor die Wahl knapp, und Merkel zwang Merz gegen dessen erbitterten Widerstand zum Abschied vom Fraktionsvorsitz.

In Köln ist der schlanke Zweimetermann immer noch Mitglied einer Rechtsanwaltskanzlei. Zusammen mit seiner Ehefrau Charlotte, einer Arbeitsrichterin, hat Merz drei Kinder: Philippe, Carola und Constanze. "Nur wer sich ändert, bleibt bestehen", lautet der Titel eines Buches aus seiner Feder. Ob und wie er diese Erkenntnis auf sich selbst anwendet, wird die Zukunft zeigen.

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(ap)
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