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Rosenmontagszüge: Karneval in Zeiten der Krise

Rosenmontagszüge : Karneval in Zeiten der Krise

Köln (RPO). Schlechtes Wetter hin, Wirtschaftskrise her: Am Rosenmontag ließen sich Millionen Jecken den Spaß an der jecken Zeit nicht vermiesen. Die Mottozüge in den Metropolen Köln, Düsseldorf und Mainz zeigten sich dabei gewohnt politisch. Milliarden Euro für die Wirtschaft, der neue Präsident der USA sowie die Holocaust-Debatte um Bischof Williamson waren die großen Themen. Und eine nackte Kanzlerin gab es auch.

Zwar hatten die Kölner ihrer zeitweilig für Aufregung sorgenden, splitternackten Kanzlerin-Figur schließlich noch einen knappen schwarz-rot-goldenen Bikini aufgemalt. Doch dafür präsentierten die Düsseldorfer Karnevalisten die CDU-Chefin prompt auf einem Wagen als nackte "kapitulierende Wölfin". An ihren Zitzen säugte die Figur die hungrigen Kinder Abwrackprämie, Konjunkturpaket und Bankenhilfe.

Die Kölner Wagenbauer thematisierten die Krise unter anderem mit der Symbolfigur der Vereinigten Staaten, "Uncle Sam", der sich vergeblich den umstürzenden Wolkenkratzern der Autohersteller und Banken in den Weg zu stellen versucht. Auf einem anderen Wagen bildeten die Bundesbürger unter dem Slogan "Wir sind das Netz" das Auffangnetz für einen Banker, der ohne Hosen auf einem Drahtseil balancierte. In Mainz war Kanzlerin Merkel als Lebensretterin dargestellt, die untergehenden Banken den Rettungsring zuwirft. Bankenchefs wurden als Bettler verspottet, die sich vom deutschen Michel Geld geben lassen.

In Düsseldorf suchte derweil ein breit grinsender Unternehmer Zuflucht unter einem prunkvoll verzierten Rettungsschirm - während sein kreidebleicher Kollege aus dem Mittelstand sich lediglich mit einem Schirm-Gerippe zufrieden geben musste. Ein jämmerliches Bild gab auch ein riesiger Dinosaurier namens Raubtierkapitalismus ab: Erschöpft am Boden liegend, bat er auf einem Schild dringend um eine kleine Billiarden-Spende. Was Düsseldorf in der "Fünften Jahreszeit" 2009 zu bieten hat, finden Sie in unserem Special.

Mainzer Narren zeigten entschärften Motivwagen

Auch Papst Benedikt XVI. wurde im Düsseldorfer Zug nicht verschont: Das Oberhaupt der katholischen Kirche reichte auf einem Mottowagen dem als Teufel dargestellten Bischof und Holocaust-Leugner Richard Williamson die Hand. Auf dessen Flügeln prankte in großen Lettern das Wort "Antisemitismus".

Ein anderer Wagen mit Kirchenbezug war am Montag hingegen in entschärfter Version zu sehen: In Anspielung auf die EU-Pläne zur Einführung sogenannter Nacktscanner an Flughäfen hatten die Mainzer Narren eine halbnackte Nonne bei einer Grenzkontrolle präsentiert. Nach Protesten der katholischen Kirche war nun dort, wo ursprünglich die Brüste der Nonne zu sehen waren, nur noch das Wort "Bildstörung" zu lesen.

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Als erste hatten sich am Morgen um 10.30 Uhr in Köln mehr als 10.000 aktive Teilnehmer vom Chlodwigplatz aus auf den gut 6,5 Kilometer langen Zugweg durch die Innenstadt gemacht - mit rund 100 Fest-, Prunk- und Persiflagewagen sowie 124 Musikkapellen. Zu dem Zug unter dem Motto "Unser Fastelovend - himmlisch jeck" wurden bis zu eine Million Zuschauer erwartet, auf die ein Regen von mehr als 150 Tonnen Süßigkeiten, 700.000 Tafeln Schokolade, 220.000 Schachteln Pralinen und Tausenden Stoffpuppen niedergehen sollte.

Gute Laune trotz des Regens

Um 11.11 Uhr startete dann zu den Klängen des Narhallamarsches der sieben Kilometer lange Mainzer Rosenmontagszug, bei dem mehr als 9.700 Teilnehmer aus 24 Vereinen und 25 närrischen Garden durch die Straßen zogen. Unter ihnen waren mehr als 3.400 Musiker, 189 Reiter sowie 110 Fahnenschwenker und Schwellkoppträger. Bis zum Nachmittag jubelten hier rund eine halbe Million Karnevalsfans den Wagen zu. Als letzter der drei großen Rosenmontagszüge setzte sich pünktlich um 13.35 Uhr der Zug in Düsseldorf in Bewegung: Bei Regen starteten die mehr als 70 Motivwagen und 5.500 Teilnehmer am Rheinufer unter dem Motto "Do bes de platt" auf ihren 6,5 Kilometer langen Zugweg.

Mit Bier und fröhlichem Gesang hielten sich die Jecken auch bei niedrigen Temperaturen warm und wetteiferten um die von den Wagen fliegenden Kamelle. "Ich komme aus Baden-Württemberg und besuche hier Freunde", sagte der in ein plüschiges Hasenkostüm gekleidete Jochen Heyns am Rande des Düsseldorfer Zuges: "Ich versuche immer, das auf Karneval zu legen. Ein tolles Erlebnis." Noch überzeugter vom jecken Treiben zeigten sich nur echte Düsseldorfer: "Wir sind seit Jahrzehnten dabei", erzählten Günter und Sieglinde Wohlau. "Und die geben sich mit den Wagen hier immer unheimlich viel Mühe." Entsprechend lohne sich das Kommen bei jedem Wetter, fügten sie hinzu: "Ob es regnet oder schneit."

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(DDP)