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Karlspreis 2018: Macrons Utopie und Merkels Realismus

Karlspreis-Verleihung : Macrons Utopie und Merkels Realismus

Karlspreis 2018: Emmanuel Macron für seine Vision von Europa ausgezeichnet

Frankreichs Präsident Macron erhält den Karlspreis 2018 als „Hoffnungsträger“ für ein neues Europa. Kanzlerin Merkel lobt in ihrer Laudatio den „Zauber Europas“, den der junge Präsident versprüht. Doch ihre inhaltliche Antwort bleibt vage. Das deutsch-französische Tandem muss sich noch finden.

Es sind zwei Persönlichkeiten, die unterschiedlicher kaum sein können, die am Donnerstagmittag im Festsaal des Aachener Rathauses über die Zukunft Europas sprechen. Frankreichs Präsident Emmanuel Macron tritt ans Rednerpult, und es scheint, als verleihe ihm die schwere goldene Kette mit dem Karlspreis-Orden eine besondere sprachliche Gravität. „Wir müssen für etwas eintreten, das größer ist als wir selbst“, sagt er und ballt die Faust. Der Traum von der Einheit Europas müsse immer wieder neu erarbeitet werden, ruft Macron. „Sonst wird er sterben.“

Pathos, das kann der Präsident. Aber dahinter ist auch Leidenschaft und Überzeugung zu spüren. Europa müsse sich grundlegend reformieren, alte Tabus dabei aufgebrochen werden. Man müsse weg von „Routine“, von „Trippelschritten“ und der „Verwaltung“ Europas. Die aktuelle Krise, in der sich die USA mit der Aufkündigung des Iran-Abkommens von Europa abwenden wie seit dem Irak-Krieg nicht mehr, ist für Macron genau der richtige Zeitpunkt, um die „europäische Souveränität“ anzupacken, die er in vielen seiner Reden fordert. „Wir brauchen eine Vision für 30 Jahre. Wir müssen unserer Geschichte gerecht werden“, sagt Macron, und der Applaus im historischen Krönungssaal des Aachener Rathauses ist lang.

„Frankreich hat sich geändert“

Der Präsident wiederholt seine Idee von einem Europa der Kultur und der Universitäten, einer einheitlichen Außen-, Bildungs-, Finanz- und Sicherheitspolitik. Die Demagogen und Nationalisten führten eine klare Sprache, warnt der Präsident. „Wer Europa will, muss genauso klar sein.“ Offensiv geht er auf die Sorgen vieler Deutscher vor einer Finanzpolitik nach dem Gusto Frankreichs auf. Ja, die Euro-Zone brauche eine engere Zusammenarbeit, auch ein eigenes Budget für Investitionen. Aber Frankreich wolle nicht das Land der Defizite sein. „Frankreich hat sich geändert.“ Frankreich wolle Europa um „Europas Willen“, nicht für Frankreich. Und wenn der Karlspreis an ihn nicht als Aufforderung gemeint sei, zu warten, dann müsse man „jetzt“ loslegen. Macron blickt zur Bundeskanzlerin, die hinter ihm auf der Bühne sitzt. Die Adressatin seiner Worte. „Europa ist eine Utopie, aber wenn wir daran arbeiten, kann sie Realismus werden“, sagt der französische Präsident. Der Visionär Macron, die Realistin Merkel. So sieht er es. Und viele im Saal wohl auch.

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Am Vorabend der Karlspreis-Verleihung, beim Ehrendinner mit Staats-und Regierungschefs aus ganz Europa, war die Frage, ob die Bundeskanzlerin die Verleihung des europäischsten aller Preise für eine starke Antwort auf Macrons Reformideen nutzen würde, heiß diskutiert. Und was tut die Kanzlerin? Sie antwortet. Nur eben anders. Nüchterner. Vorsichtiger, aber, das muss man auch sagen, nicht ohne europäischen Ehrgeiz.

„Europa lebt von der Leidenschaft“

Emmanuel Macron bekomme zurecht“ den Preis, lobt die Kanzlerin. „Er weiß, was Europa im Innersten zusammenhält“. Und er habe „klare Vorstellungen, wie sich Europa weiterentwickeln solle. Macron bringe „Begeisterungsfähigkeit für Europa“ mit. Dann wird Merkel persönlich. Sie spüre den „Zauber Europas“, wenn sie mit ihm zusammen sei, sagt die Kanzlerin und betont den Friedensaspekt, verweist auf den Geburtsort Macrons, Amiens im Norden Frankreichs, im Ersten Weltkrieg heftig umkämpft. Eine Stadt, in der „eine ganze Generation in Schützengräben verblutete“. Europa habe Frieden und Freiheit, Demokratie und Rechtsstaatlichkeit gebracht. Und nur die europäische Einigung sei in der Lage, diese Errungenschaften in der Zukunft zu sichern.

Man sei sich ja auch vielfach einig, betont Merkel. Das gemeinsame Asylsystem, die Sicherung der Außengrenzen, die europäische Wissensregion und die Stärkung der Wettbewerbsfähigkeit. Nur beim Geld , das gibt sie zu, ist es „schwierig.“ Merkel spricht leise, ihre Rede wird nicht wie bei Macron von Applaus unterbrochen. „Ja, Europa lebt von der Leidenschaft“, sagt sie, und es wirkt, als wolle sie sich entschuldigen, dass sie bei dem Thema irgendwie die falsche Ansprechpartnerin ist. Man komme aus „unterschiedlichen Richtungen“, aber doch immer zu einem gemeinsamen Weg. Und, immerhin: „Wir brauchen einen Aufbruch in Europa.“

Es ist eine kluge Rede, aber der Funke springt nicht über. Ex-Außenminister Joschka Fischer mäkelt anschließend über die „gewohnt nüchterne, wenig überraschende Art“, aber immerhin sieht er „Signale der Öffnung“. FDP-Chef Christian Lindner twittert, dass Merkel es verpasst habe, „konkrete Antworten auf die konkreten Vorschläge“ zu geben. Und der deutsch-französische Publizist Alfred Grosser spöttelt. Die Kanzlerin habe ihre Ideen für ein starkes Europa „geschickt verheimlicht“.

Kein schlechtes Omen

Trotzdem ist diese Karlspreis-Verleihung auch ein Hort der europapolitischen Optimisten gewesen. Beim Dinner zu Ehren des Karlspreisträgers, in den Diskussionsforen am Rande der Verleihung. Immer wieder ist es die weltpolitische Unordnung, der unberechenbare US-Präsident, die Störfeuer der Autokraten, die die Vertreter Europas und frühere Karlspreisträger, von Ratspräsident Donald Tusk über die litauische Präsidentin Dalia Grybauskaite bis zu Martin Schulz zur Schlussfolgerung kommen lässt: „Wenn nicht jetzt, wann dann?“

Und dass das deutsch-französische Tandem Merkel und Macron persönlich so unterschiedlich ist, muss kein schlechtes Omen sein. Man denke an den 22. Januar 1963, die Kathedrale von Reims. Da machte sich schon mal ein ungleiches Paar auf, Europa zu einen. Charles de Gaulle und Konrad Adenauer unterzeichneten den deutsch-französischen Freundschaftsvertrag. Der leidenschaftliche General war damals ebenfalls voller Pathos: „Übervoll ist mein Herz und dankbar mein Gemüt“, sagte er. Der nüchterne Adenauer brachte nur einen Satz heraus: „Herr General, Sie haben es so gut gesagt, dass ich dem nichts hinzufügen könnte." Adenauer und de Gaulle haben das Fundament einer beispiellose Aussöhnungsgeschichte gelegt. Warum sollen Merkel und Macron nicht die Erneuerung Europas gelingen? Eine wirkliche Alternative dazu, das wurde in Aachen deutlich, gibt es nicht.

(brö)