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Treffen mit der Kanzlerin: Karl-Theodor zu Guttenberg beflügelt wieder Fantasien

Treffen mit der Kanzlerin : Karl-Theodor zu Guttenberg beflügelt wieder Fantasien

Bundeskanzlerin Merkel gewährte ihrem 2011 gefallenen Kabinett-Star eine einstündige "Audienz". Es ging um die gefährdeten transatlantischen Beziehungen und nicht um ein politisches Comeback des akademischen Sünders.

Die einstündige Audienz (diese Dauer bleibt beim Papst im Vatikan nur höchsten Staats- und Kurienpersönlichkeiten vorbehalten), die Angela Merkel ihrem immer noch die Fantasie beflügelnden Kurzzeit-Wirtschafts- und Verteidigungsminister Karl-Theodor zu Guttenberg gewährte, war kein verkapptes Beichtgespräch. Deshalb wäre auch ein Merkel'sches "Ego te absolvo" für den akademischen Sünder als deplatziert empfunden worden.

Immerhin bestätigte der Sprecher der Bundesregierung, dass es die Begegnung am Dienstag gegeben habe. Über den Inhalt wurde der Mantel des Schweigens gebreitet — das, aber nur das erinnert an ein Beichtgespräch zwischen der bürgerlichen Protestantin und dem adeligen Katholiken. Der lebt seit seinem Rücktritt von allen politischen Ämtern im März 2011 zusammen mit Ehefrau Stephanie, einer Bismarck-Ururenkelin, und den beiden Töchtern in Greenwich, Connecticut, vor den Toren New Yorks. Man beschloss, eine Auszeit von der deutschen Politik und sonstigen Widrigkeiten rund um den schuldhaft eingebüßten Titel eines "Doktors der Rechte" zu nehmen.

Guttenberg, ein verlässlicher, beredter Transatlantiker und kundiger Außen- und Sicherheitspolitiker, sah es persönlich zunächst nicht ungern, dass der Atlantik zwischen Alter und Neuer Welt breiter wird. Das verschaffte ihm Distanz zu den heulenden Wölfen daheim, die ihm noch 2010 wie jubeljaulende Hofhunde zu Füßen gelegen hatten.

Politisch beklagt der Außen- und Sicherheitspolitik-Experte des renommierten Center for Strategic and International Studies die gefühlte Vertiefung des atlantischen Grabens, vor allem nach der unverfrorenen Lauschattacke der Weltmacht auf Merkels Handy. In ihrem Gesprächspartner wird die erboste Merkel einen transatlantischen Bruder im Geiste gesucht haben. Guttenberg, der eine Entschuldigung von US-Präsident Obama bei der Kanzlerin fordert, vertritt wie diese eine Außenpolitik nach der Devise "Was immer du tust, handle klug und bedenke das Ende". Merkel (CDU) und Guttenberg (CSU) werden auch bedacht haben, dass die deutsche Amerika-Politik sich an langfristigen Interessen orientieren muss und nicht an Soloeinlagen eines grünen Linken wie Hans-Christian Ströbele, dem Amerika-Abneigung zur Lebensgefährtin wurde.

Guttenberg hat die Lauschangriffe des US-Geheimdienstes NSA gegen das Mobiltelefon der Bundeskanzlerin scharf kritisiert. So schrieb er, es gebe wahrscheinlich nichts Destruktiveres für freundschaftliche Beziehungen zwischen demokratischen Staaten als ein Verhalten eines Partners, das zu einem Gesichtsverlust des anderen Partners zu Hause führe. Die USA hätten zudem in Merkel eine ihrer engsten Verbündeten in der Nato und in Afghanistan überwacht.

Die Frage, wer welchen Job in der großen Koalition bekommt, schwebt stets über den aktuellen Verhandlungsrunden in Berlin. Aus diesem Grund ließ die Nachricht aufhorchen, dass Guttenberg in Berlin sei. Mit der Kabinetts-Planung soll der Besuch am Dienstag nichts zu tun gehabt haben. Die Frage eines Comebacks des 41-Jährigen als Minister stehe nicht an, sagte Regierungssprecher Steffen Seibert. Aus Bayern hieß es, die CSU komme prima ohne Gutenberg klar, sein Hiersein treibe niemandem den Blutdruck nach oben.

(qua)