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Kanzlerin Merkel spricht mit Pflegebedürftigen über die Corona-Zeit

Kanzlerin Merkel spricht mit Pflegebedürftigen über die Corona-Zeit : "Die Einsamkeit war das Schlimmste"

Was bedeutet Corona in der Pflege wirklich? Angst, Einsamkeit, Masken und überarbeitetes Personal, aber auch Zusammenhalt, Kreativität und gegenseitige Wertschätzung. Kanzlerin Angela Merkel (CDU) traf sich am Donnerstag virtuell mit Pflegekräften und Pflegebedürftigen.

Es ist das zweite von vier geplanten Treffen der Reihe „Die Bundeskanzlerin im Gespräch“, dem so genannten Bürgerdialog.

Merkel hatte die Pflegekräfte bereits zu Beginn der Pandemie als systemrelevant eingestuft - was ihr bei der Veranstaltung bestätigt wurde. Pflegebedürftige, ob in ambulanter oder stationärer Pflege, berichten der Regierungschefin von ihrer Einsamkeit und Abgeschnittenheit während der Pandemie - und dass ihr einziger Zugang zum Leben „da draußen“ der Pfleger oder die Pflegerin war. „Wir waren Prellbock für alles“, beschreibt eine Altenpflegerin die erste Corona-Welle und bittet um Anerkennung und mehr Personal. Man habe mit Kreativität für die Bewohner vielesbesser gestalten können, aber sie und ihre Kollegen seien kräftemäßig am Limit.

Ein Pfleger aus Paderborn sagt, das einstige System von Bundeswehr- und Zivildienst sei „gar nicht verkehrt“ gewesen, weil über den Weg viele Leute für Pflegeberufe gewonnen werden konnten. Er weist dabei ebenfalls auf den Personalmangel in der Branche hin.

Die Kanzlerin betont, sie könne sich einen Rechtsanspruch für junge Bürger auf ein Freiwilliges Soziales Jahr vorstellen, um mehr Nachwuchs für die Pflege zu gewinnen. Wer es machen wolle, solle es auch machen können. Und die 66 Jahre alte Regierungschefin mahnt zu mehr Miteinander - gerade mit Blick auf die jüngere Generation. Sie rief die Jugend auf, in der Pandemie ein Herz für die zu haben, die das aufgebaut hätten, was sie heute genießen könnten - „dass wir in einem ganz guten Land leben“. Eine Seniorin, die im Wohnheim zuhause ist, erzählt, wie abgehängt sie sich fühlt. „Wir wollen nicht immer als Schlusslicht dastehen“, bemerkt sie mit Blick auf die allgemeine Debatte. „Wir gehen durch eine schwere Zeit", bekräftigt Merkel. Wie in der Familie komme auch die Gesellschaft am besten durch eine solche Zeit, wenn sie zusammenhalte. „Es liegen noch schwere Wintermonate vor uns", prophezeit die Kanzlerin. Aber die positive Nachricht sei die Aussicht auf einen Impfstoff. Man könne nur die Daumen drücken, dass die Wissenschaft ordentlich arbeite: „Im Frühjahr könnte man schon mehr wissen.“ Darauf freue sie sich auch, erklärt daraufhin eine Rentnerin. Aber sie habe die Zeit im Frühjahr als „Gefängnis ohne Gitter“ empfunden und Angst davor, dass es wieder so kommen könne. „Die Einsamkeit war das Schlimmste", sagt sie. Merkel betont, sie hoffe, dass der Einsatz von Schnelltests mehr Sicherheit in Pflegeheimen bringe und die Menschen ihre Angehörigen wieder regelmäßig sehen könnten. Doch sie macht auch klar, dass die Pandemie noch einen schweren Winter bringen werde. Ein Mann aus Aalen beschreibt, wie er seine 91-jährige demente Mutter daheim gepflegt habe im Frühjahr, weil die ambulante Tagespflege geschlossen hatte. Er bittet die Kanzlerin inständig, eine erneute Schließung dieser Einrichtungen zu verhindern. Merkel verspricht, sich diesen Punkt für alle kommenden Verhandlungen gut zu merken.

Eine Bewohnerin einer Seniorenresidenz auf der Schwäbischen Alb erzählt der Kanzlerin: „Ich wohne in einem Matriarchat: die Chefin ist eine Frau, die Stellvertreterin, die Pflegekräfte - und die Bundeskanzlerin auch.“ Es müsse ja nicht schlecht sein, wenn Frauen etwas zu sagen haben, erwidert Merkel und verabschiedet sich mit den Worten: „Grüßen Sie alle Frauen im Matriarchat.“

Der Auftakt des Dialog-Formats in der Pandemie war vor einer Woche und hatte die Ausbildung zum Thema, außerdem soll es noch Gespräche zu den Themen Polizeidienst und Studium geben. Die Teilnehmer des Gesprächs am Donnerstag waren von Wohlfahrtsverbänden wie der Caritas, der Arbeiterwohlfahrt und dem Roten Kreuz ausgewählt worden.

(mün)