Generation Z Die Jugend von heute – Sinnsuche statt Jobsuche

Analyse · Arbeiten, um zu leben und nicht umgekehrt – Menschen zwischen 18 und 25 Jahren gelten manch Älteren als zu faul, zu anspruchsvoll und zu verweichlicht. Dabei ist ihre Arbeitsmoral nicht nur gesünder, sondern auch die logische Folge der Vergangenheit.

 Azubis gesucht: Gerade im Handwerk sind zum Ausbildungsstart wieder viele Stellen offen geblieben.

Azubis gesucht: Gerade im Handwerk sind zum Ausbildungsstart wieder viele Stellen offen geblieben.

Foto: dpa/Marcus Brandt

Sie lieben den Luxus, haben schlechte Manieren und verachten die Autorität. So sprach schon Sokrates über die jungen Leute, rund 400 Jahre vor Christus, und bis heute scheinen sich einige Vorurteile hartnäckig zu halten. Über die Millennials, die Generation Y, also die zwischen 1980 und 2000 Geborenen, hieß es: Sie seien faul, neigten zu Selbstmitleid und seien besessen von Selfies und Superfood. Gegen ihre Nachfolger, die Generation Z, wird ebenso gewettert: onlinesüchtig, selbstverliebt, arbeitsscheu und vor allem auf ihre Freizeit fokussiert sei die „Generation Greta“, die lieber mit „Fridays for Future“-Gruppen auf die Straße gehe, als im Schulunterricht zu sitzen.

Die Jugend von heute habe sich zu einer gefühligen Gesellschaft entwickelt, mäkelte Talkshowmaster Markus Lanz zusammen mit Richard David Precht im Frühjahr auf einem Podium. Ein Ausschnitt davon ging dieser Tage auf Twitter viral. „Das ist so eine Hafermilchgesellschaft, so eine Agavendicksafttruppe, die wirklich die ganze Zeit auf der Suche nach der idealen Work-Life-Balance ist“, sagte Lanz über die Generation Z. Philosoph und Podcast-Partner Precht fügte hinzu: „Nahezu alle jungen Leute gehen ins Leben mit der Vorstellung, das Leben ist ein Wunschkonzert.“ Beim ersten leisen Gegenwind schmissen sie dann die Flinte ins Korn. In der Generation seiner Eltern und Großeltern dagegen hätten sich 90 Prozent der arbeitenden Menschen die Sinnfrage gar nicht gestellt, so Precht auf der Veranstaltung „Zukunft Handwerk“. Ausgerechnet.

Abgesehen davon, dass der Vater Prechts (Jahrgang 1933) und vor allem sein Großvater angesichts zweier Weltkriege grundlegend anderen Lebensumständen ausgesetzt waren, ist eine Veranstaltung des Handwerks ein wahrlich zynischer Ort, um sich über faule Jugendliche zu echauffieren. Gelten Handwerksberufe eben gerade nicht als bequemste und finanzträchtigste Ausbildungswege. Doch natürlich fällt auch in diesem Jahr zum Ausbildungsstart der große Nachwuchsmangel dort ins Gewicht: Von insgesamt 256.000 unbesetzten Ausbildungsplätzen Ende Juli klafft im Handwerk mit etwa 36.000 freien Stellen (Stand Ende Juni) eine der größten Lücken. Aber auch in Branchen wie der Lagerwirtschaft, in Metallberufen, im Bau, im Lebensmittelbereich, in der Gastro und im Handel fehlen Azubis. Demgegenüber stehen laut Bundesagentur für Arbeit immer noch rund 147.000 Bewerberinnen und Bewerber, die für dieses Jahr noch keine Stelle gefunden haben.

Ist sich die Jugend zu schade, richtig zu malochen? Diese Schlussfolgerung ist zu simple. Zwar scheinen immer mehr ihren Berufseinstieg über ein Studium zu wählen, faul oder verwöhnt sind die Studierenden heute aber schon aus zwei Gründen nicht: Seit der Einführung des Bachelor- /Mastersystems ist das Uni-Leben derart verschult, dass die großen Spielräume, das süße Studileben oft gar nicht mehr möglich sind. Zum anderen sind die Lebenshaltungskosten derart gestiegen, dass viele zusätzlich arbeiten müssen, um sich das Studium zu finanzieren – oder sie entscheiden, gleich in der Heimat bleiben. In Nordrhein-Westfalen etwa lebt die Hälfte aller aktuell Studierenden noch im Elternhaus. Und von allen Studierenden in Deutschland entscheidet sich aktuell jede/r Zweite, einen Masterstudiengang dranzuhängen. Die Jugend von heute, so könnte man es betrachten, ist in Teilen besonders fleißig, sicherheitsbedürftig und setzt auf eine bestmögliche Ausbildung.

Dass das nicht zwingend ein akademischer Weg sein muss, darüber mag es an Aufklärung mangeln. Für Unternehmen mit Fachkräftemangel gibt es sicher noch Potenzial, sich der Generation zu nähern, gerade in Sozialen Medien. Dass der Berufswunsch Influencer bei den Digital Natives besonders präsent ist, wundert Experten nicht. „Viele junge Menschen möchten ihr Geld als Content Creators verdienen“, sagt Barbara Engels vom Institut der deutschen Wirtschaft (IW) in Köln. Schon 2018 nahmen 56 Prozent von 1010 befragten Social-Media-Nutzern ab 14 Jahren den Beruf des Influencers als normalen Beruf wahr. Ein Drittel gab an, selbst als Influencer erfolgreich sein zu wollen. Von der Generation Z sei inzwischen fast ein Drittel nach eigenen Angaben Content Creator in Vollzeit oder möchte es werden, sechs Prozent verdienten 2021 so bereits ihren Lebensunterhalt, erklärt Ökonomin Engels, die zu diesem Thema forscht. „Das Berufsbild entspricht nicht den traditionellen Vorstellungen, es ist allerdings eine Illusion, dass Influencer ein einfacher Job ist“, sagt Engels. „Sie sind im Grunde 24/7 im Dienst, müssen strategisch planen, immer präsent sein. Es ist auch ein harter Kampf um Aufmerksamkeit.“ Laut der Forschung der Expertin gibt es bei mehr als einer halben Million mittelgroßen Influencern in Deutschland bereits eine Marktsättigung. Das heißt: Für jedes neue erfolgreiche Influencerprofil verschwindet ein anderes.

Der Job soll dem eigenen Leben angepasst werden und nicht umgekehrt – das geht nicht nur als Influencer scheinbar besonders gut. Nach dieser Maxime scheinen Generation Y und Z ihre Zukunft zu planen. Flexibilität, Freizeitausgleich und Zeit für Freunde, Familie und Interessen sind Faktoren, nach denen entschieden wird. Den Sinn seines Lebens nicht allein an die Karriere knüpfen. Das ist in Ordnung so, weil Gesundheit – physisch wie psychisch – die Basis für ein langes Arbeitsleben ist. Homeoffice, Gleitzeit, Vier-Tage-Vereinbarungen: Wenn die „new work“-Welt das hergibt, warum dann nicht nutzen? Die Pandemie hat gezeigt, was sich bewegen lässt, in den meisten Fällen ohne Verlust der Arbeitsqualität, aber mit Effizienzgewinn.

Die jungen Generationen sind heute früh konfrontiert mit dem Zukunftsdilemma, dem Paradoxon der Perspektiven: Es beginnt in der Schule, in der die Digitalisierung hakt, es geht weiter nach der Schule mit vermeintlicher Vielfalt der Möglichkeiten – deren Verwirklichung immer schwieriger wird. Finanzielle Sorgen sind da nur ein Grund. Dass das Leben kein Wunschkonzert ist, das jedenfalls ist der Jugend von heute sicher früh klar.

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