Joschka Fischers Gespür für die Krise: Neues Buch "Scheitert Europa?"

Buchvorstellung in Berlin: Herr Fischers Gespür für die Krise

Ein halbes Dutzend Kamerateams, gut 100 Journalisten aus der ganzen Welt: Wenn Ex-Außenminister Joschka Fischer (Grüne) zum Termin lädt, bereitet ihm die Medienlandschaft der Hauptstadt auch neun Jahre nach seinem Ausscheiden aus dem Bundeskabinett den großen Bahnhof.

Fischer hatte gerufen, um pünktlich zum Verkaufsstart die Werbetrommel für sein Buch "Scheitert Europa?" zu rühren. Auf 160 Seiten analysiert er, der laut Kladdentext "als Außenminister der rot-grünen Koalition von 1998 bis 2005 maßgeblich am europäischen Einigungsprozess beteiligt war", die verschiedenen aktuellen Krisenherde und konstatiert eine politische Stagnation in Europa. Doch Fischer wäre nicht Fischer, beließe er es lediglich beim Analysieren.

Der 66-Jährige, der heute als Unternehmensberater und Lobbyist sein Geld verdient, präsentiert gleich auch noch eine "überraschende strategische Alternative", von der er überzeugt ist, dass sich mit dieser das finanzpolitisch ins Trudeln geratene Europa wieder stabilisieren lassen könnte. "Die Vereinigten Staaten von Europa nach Vorbild der Schweizer Förderation" nennt Fischer sein Patentrezept, das nach seiner Überzeugung den auf der Stelle tretenden europäischen Einigungsprozess wieder ins Rollen bringen könnte. Fischer plädiert für eine größere Legitimation des Europaparlaments und Stärkung nationaler Identität: "Die Leute müssen sich ja irgendwo zu Hause fühlen".

In punkto Schuldenkrise schlägt er eine Schuldenstreichung vor. Denn nur dadurch könnten auch die Parlamente in Athen oder Lissabon ihren Souveränitätsverlust, verursacht durch die strengen finanzpolitischen Vorgaben und Kontrollen von Außen — und gerade aus Deutschland — wieder ausgleichen. Schließlich hätte auch Nachkriegsdeutschland durch die Londoner Schuldenkonferenz 1952/53 von einem Schuldenschnitt profitiert.

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Dann gerät Fischer ins wohl kalkulierte Plaudern, als er zum Rundumschlag in der europäischen Außenpolitik ausholt. Die politische Uneinigkeit Europas und die daraus resultierende Schwäche sei für Putin eine Einladung gewesen, das seinerseits kriselnde Russland durch Vergrößerung seines Territoriums in der Ukraine wieder als Weltmacht zur Geltung zu bringen.

Angesprochen auf die Rolle der Türkei in der aktuellen Krise in Syrien bedauert Fischer, dass man die — unter ihm — angeschobene Annäherung der Türken an die EU aufgegeben habe. "Ich meine damit keine Beitrittsverhandlungen" erläutert er weltmännisch, "sondern ein sehr viel besseres Verhältnis zu einem zugegebenermaßen sehr schwierigen Partner".

Als die Präsentation beendet ist, bestürmen ihn etliche Journalisten, für die er eine ganze Weile geduldig sein Buch signiert. "Und sonst so? Geht's gut?", fragt einer. Fischer blickt kurz auf, ein spitzbübisches Lächeln huscht über sein Gesicht: "Also ich kann mich jedenfalls nicht beklagen."

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