Comedian über Bildungsnotstand Sind Lehrer faul, Herr Schröder?

Interview · Schule ist in Deutschland ein Krisenthema. Nicht für Johannes Schröder, der war Lehrer und füllt mit seiner Bildungs-Comedy große Hallen. Sind Lehrer faul, Schüler digital verdummt, Eltern desinteressiert? Antworten von „Herrn Schröder“.

 Der Lehrer und Comedian Johannes Schröder

Der Lehrer und Comedian Johannes Schröder

Foto: JSchroeder/robertmaschke

Seit Sie mit Bildungs-Comedy auf der Bühne stehen, sind Sie als Lehrer beurlaubt. Sie haben es also geschafft – der Hölle entkommen?

Schröder (lacht) Nein, es war nicht die Hölle. Und was ich jetzt mache, sehe ich nur als Auszeit, als Nebenweg. Ich habe sehr gern unterrichtet. Im Klassenzimmer war bei mir immer gute Stimmung. Das Lehrerzimmer ist der schwierigere Ort.

Ich dachte immer, das Lehrerzimmer ist der Backstage-Bereich für Lehrer, also ein Rückzugsraum, um sich zu erholen. Was kann da schwierig sein?

Schröder Ja, das Lehrerzimmer ist Backstage, da hält man sich auf kurz vor dem nächsten Auftritt in der Klasse. Aber es ist auch ein Ort, wo viel geklagt wird. Da macht sich die Erschöpfung breit. Im Klassenzimmer spürt man eher Jugendlichkeit, Frische, das geballte gesellschaftliche Leben. Im Lehrerzimmer geht es um Klausuren, Elterngespräche, Gesamtlehrerkonferenz, Notenlisten. Es lastet viel Druck auf den Lehrern. Aber im Lehrerzimmer helfen sie einander auch, trösten einander, sind ein eingeschworenes Team, um mit den fundamentalen Herausforderungen im Bildungssystem fertig zu werden. Da trifft sich eine große Selbsthilfegruppe. Von draußen hört man das Klopfen der Schüler, das wirkt wie Vietnam-Flashbacks, bevor es wieder hinausgeht.

Man könnte Ihren Erfolg als Lehrer-Comedian als Indiz für den schlimmen Zustand des deutschen Bildungssystems werten: Vielen, die mit dem Kosmos Schule zutun haben, bleibt anscheinend nur noch das Lachen.

Schröder Lachen hilft auf jeden Fall. Ich habe das gesamte Leben an der Schule sehr intensiv wahrgenommen und bringe das aus meiner Sicht eins zu eins auf die Bühne. Die Arbeit mit Eltern zum Beispiel fand ich immer spannend. Auch Elternsprechtage habe ich gemocht. Sehr erhellend, wenn man dann mal die Eltern kennenlernt mit ihren hochbegabten Kindern Caspar, David und Friedrich. Da kann man seine Schlüsse ziehen. Den administrativen Teil von Schule fand ich immer anstrengend. Eine Reform jagt die andere. Digitalisierung, ewig lange Lehrerkonferenzen, vier, fünf Stunden, da geht man mit dickem Kopf raus und fragt sich, wie man alles stemmen soll. Der Druck wird von oben nach unten weitergereicht, vom Bildungsministerium über die Konferenzen bis zu den Lehrern, die den Druck dann manchmal auch noch ungefiltert an die Schüler weitergeben.

Wäre also viel geholfen, wenn die Politik die Lehrkräfte einfach mal in Ruhe ließe. Nächste Reform fällt aus. Mehr Eigenverantwortung für die Schulen?

Schröder Damit wäre viel gewonnen. Das „Kultusmysterium“ müsste den Lehrerinnen und Lehrern mehr vertrauen: Macht es so, wie ihr es eventuell doch am besten wisst. Tatsächlich wird jeder Lehrer, der auf irgendeine Stelle befördert werden will, beurteilt wie ein Schüler.

Schule und damit die Lehrkräfte sollen alles richten, was gesellschaftlich schiefläuft, und nebenher bei Pisa gewinnen. Gleichzeitig wird ihnen unterstellt, sie seien faul. Was stimmt?

Schröder Es ist wahnsinnig schwierig, in diesem Beruf einen gesunden Mittelweg zu finden. Es ist nun mal ein idealistischer Beruf, viele Lehrkräfte arbeiten nah an der Verausgabung. Sie nehmen das Schulleben intensiv wahr, teilen das Leben der Schüler, gehen in die Konflikte hinein. Viele werden ja Pädagogen, weil sie Biografien begleiten und eventuell zum Positiven verändern wollen. Das ist herausfordernd. Das Fatale ist, dass der Beruf die Möglichkeit bietet, faul zu sein, man kann sich als Beamter ausklinken, hat eine sichere Stelle, ist auf Lebenszeit unkündbar. Für manche ist das verführerisch. Wenn Lehrkräfte verbeamtet werden, freiern sie das. Man hat dann „lebenslänglich“. Ich habe das auch gefeiert.

Ist der Beamtenstatus nötig, um gute Lehrkräfte zu gewinnen oder ist er nicht mehr zeitgemäß?

Schröder In der Welt heutiger Schüler scheint nichts mehr sicher. Ihre Zukunft ist allen möglichen Veränderungen unterworfen. Und die treffen dann auf Lehrkräfte mit einem ungeheuren Sicherheitsbedürfnis, das durch den Beamtenstatus gestillt wird. Das ist natürlich ein ungeheures Missverhältnis. Darum ist der Beamtenstatus wohl nicht mehr zeitgemäß. Ich glaube, dass es Schülern guttut, wenn sie Lehrer vor sich haben, die was ausprobiert haben, die vielleicht gescheitert sind, Umwege gegangen sind. Solche Menschen vermitteln, dass das Leben keine lineare Entwicklung nehmen muss.

Bräuchte es auch andere Fächer, um besser auf ein Leben mit vielen Unwägbarkeiten vorzubereiten? Medienerziehung, Ernährung, Steuererklärung machen – sollte so etwas unterricht werden?

Schröder Ich glaube nicht, dass wir die falschen Fächer unterrichten. Ich glaube, das ist eher eine Frage der Methoden. Lesen, schreiben, rechnen, dafür kann man gar nicht genug tun. Genauso wichtig finde ich den gesamten künstlerischen Bereich. Wenn man erlebt, wie Kinder sich etwa im Musikunterricht entwickeln, begreift man das. Wir richten unser Denken zu sehr auf die Messbarkeit von Inhalten. Lehrer müssen ja Noten geben. Im Lehrerzimmer heißt es ständig: Ich muss noch Noten machen. Dann lässt man eine Grammatikarbeit oder ein Diktat schreiben, weil man die schnell korrigieren kann. Man muss ja Noten machen. Ich habe meine Notenlisten immer als Letzter abgegeben. Der Notendruck lässt den Unterricht verkümmern. Das ist uninspirierend und wird den Schülern nicht gerecht. Es hilft ihnen nicht bei ihrer Persönlichkeitsentwicklung. Man konzentriert sich bei den Inhalten auf das Messbare. Aber das Messbare ist nicht unbedingt das Wesentliche.

Sie haben auch Theater unterrichtet.

Schröder Mit Begeisterung. Nirgends habe ich den Kindern so viel mitgegeben wie in der Theater AG. Plötzlich lesen sie einen Text und fragen sich nicht mehr, warum. Sie wollen ihn ja präsentieren. Sie haben Sprachinput, lernen, auf die Bühne zu gehen, sich selbst kennenzulernen, den Text zu spüren. Und plötzlich treten Schüler mit Ideen hervor, von denen man im Unterricht vorher noch nie etwas gehört hat.

Wir leben in einem Wirtschaftssystem, das viele Innovationen hervorbringt, um Dinge bequemer zu machen. Das bringt ökonomischen Erfolg. Lernen ist aber Mühe. Muss Schule darauf nicht beharren?

Schröder Ja. So altmodisch das klingen mag. Gerade grundlegende Kulturtechniken wie Lesen, Schreiben, Fremdsprachen basieren auf Drill. Ich halte zum Beispiel nichts von der Methode „Schreiben nach Gehör“. Man muss erst Regeln lernen, ehe man frei drauflos schreiben kann. Grammatik und Rechtschreibung funktionieren wie Verkehrsregeln, damit man nicht ständig überlegen muss, wie man etwas schreiben könnte. Regeln muss man aber üben. Genau wie Vokabeln. Das ist Drill. Geht nicht ohne.

Warum können Kinder Hausaufgaben heute nicht mehr alleine machen?

Schröder Weil es in der heutigen Zeit für Kinder – wie Erwachsene eine zunehmende Herausforderung ist, länger bei einer Sache zu bleiben. Hausaufgaben verstärken die soziale Ungleichheit, es macht nämlich einen Unterschied, ob es zu Hause Mama oder Papa gibt, die gelegentlich danach schauen, ob das Kind auch arbeitet oder mit dem Handy spielt. Wenn Kinder ein sicheres Umfeld haben, ein Zimmer, in dem sie sich konzentrieren können, einen Schreibtisch, dann kann das mit den Hausaufgaben auch alleine klappen. Aber da gibt es eben große Unterschiede in den Familien. Mit den Hausaufgaben lagert die Schule also etwas nach außen, was sie nicht wirklich kontrollieren kann. Die mediale Reizüberflutung verschärft das Problem. Es gibt nun mal diese Lust, ans Handy zu gehen und sich zu zerstreuen. Darum ist Medienerziehung tatsächlich sehr wichtig.

Lehrkräfte müssen in die Konfrontation gehen, haben Sie eben gesagt. Drücken sich Eltern davor?

Schröder Nein, das sehe ich nicht. Ich sehe eher Eltern, die selbst extrem unter Stress stehen, die mit ein oder zwei Jobs kämpfen und mit den medialen Angeboten überfordert sind. Partnerschaften gehen auseinander, Menschen bleiben alleinerziehend zurück, müssen Besuche des getrennten Partners ermöglichen, das Organisieren des Alltags wird immer anstrengender. Da laufen viele Eltern ihren erzieherischen Pflichten hinterher. Das ist aber nicht ihre Schuld, das ist ein Faktum. Schulddenken hilft sowieso nicht weiter, das erhöht nur noch den Druck. Größte erzieherische Aufgabe für Lehrkräfte wie Eltern ist es, in die analoge Kommunikation zu gehen, im hier und jetzt zu schauen, einander wahrzunehmen und Fragen zu klären.

Gibt es für Sie einen Weg an die Schule zurück?

Schröder Natürlich! Ich habe weiterhin viel Kontakt zu Schulen und Institutionen, die Schule begleiten. Ich kann mir gut vorstellen, wieder als Lehrer zu arbeiten. Wenn ich Schüler im Publikum habe, erfreu ich mich immer daran, wie erfrischend unbestechlich und ehrlich sie sind. Junge Leute sind unsere gesellschaftliche Erneuerung. Sie zu erleben und durch sie die gesellschaftliche Entwicklung zu bezeugen, wird für mich immer spannend sein. Aber ich muss zugeben, dass ich es gerade auch genieße, mich nicht mehr im engen Lehrerkosmos zu bewegen.

Sie müssen keine Notenlisten mehr abgeben.

Schröder Genau. Und ich habe auf meiner Bühnenreise sehr viele neue Leute und Berufe kennengelernt, davon könnte ich Schülern viel erzählen.

Meistgelesen
Neueste Artikel
Zum Thema
Aus dem Ressort