Joachim Gauck: Es gibt keinen Schlussstrich unter KZ Auschwitz

Gedenken im Bundestag : Es gibt keinen Schlussstrich unter Auschwitz

Der Bundestag gedenkt der NS-Opfer. Joachim Gauck widerspricht dem Wunsch der Deutschen, den Holocaust hinter sich zu lassen.

Bundespräsident Joachim Gauck hat bei der Gedenkstunde zur Befreiung des Vernichtungslagers Auschwitz im Bundestag keine einfache Aufgabe. Bisher hatten im Bundestag am 27. Januar meist Überlebende und Widerstandskämpfer damit beeindruckt, dass sie ihre Geschichte erzählten. Zuletzt sprachen Schriftsteller wie Daniil Granin, Inge Deutschkron oder der Literaturkritiker Marcel Reich-Ranicki. Zu Auschwitz ist schon vieles gesagt. Im Jahr 2015 ist Gauck selbst Hauptredner des Gedenkens. "Es gibt keine deutsche Identität ohne Auschwitz", stellt der 75-Jährige klar. Spontan brandet Beifall auf.

81 Prozent der Deutschen möchten die Geschichte der Judenverfolgung einer aktuellen Bertelsmann-Studie zufolge hinter sich lassen. Sowohl Gauck als auch Bundestagspräsident Norbert Lammert erteilen diesem Wunsch eine Absage. Mit einem persönlichen Bekenntnis erklärt Gauck die zeitlose Bedeutung von Auschwitz. "Solange ich lebe, werde ich darunter leiden, dass die deutsche Nation mit ihrer so achtenswerten Kultur zu den ungeheuerlichsten Menschheitsverbrechen fähig war", sagt er nachdrücklich.

Selbst eine "überzeugende Deutung des Kulturbruchs" wäre nicht imstande, "mein Herz und meinen Verstand zur Ruhe zu bringen". Gauck fährt fort: "Da ist ein Bruch eingewebt in die Textur unserer nationalen Identität, der im Bewusstsein quälend lebendig bleibt." Wer "in der Wahrheit" leben wollte, sagt Gauck, werde das nie leugnen. Das Ritual des Auschwitz-Gedenkens ist von Routine bis heute weit entfernt.

70 Jahre nach der Befreiung des Lagers durch die sowjetische Armee ist das Parlament zu der Sondersitzung zusammengekommen. Die Besucherränge sind bis zum letzten Platz gefüllt. Viele Besucher tragen die traditionelle jüdische Kippa.

Gauck leitet aus der Vergangenheit eine moralische Pflicht für die Gegenwart ab. "Schützt und bewahrt die Mitmenschlichkeit. Schützt und bewahrt die Rechte eines jeden Menschen", fordert er. Dies gilt aus seiner Sicht "gerade in Zeiten, in denen wir uns in Deutschland erneut auf das Miteinander unterschiedlicher Kulturen und Religionen zu verständigen haben".

Auch Bundestagspräsident Lammert stellt in seiner Begrüßung fest, dass die Nachgeborenen zwar nicht "für die schreckliche Vergangenheit unseres Landes verantwortlich sind" - für den Umgang mit ihr aber schon. Die Erinnerung an den Holocaust ist aus seiner Sicht heute von "universeller Bedeutung". Trotzdem haben die Deutschen aus seiner Sicht eine "ganz besondere Verantwortung für das Schicksal der Juden und unser Verhältnis zum Staat Israel".

Bevor Gauck spricht, spielt ein Klarinettist einen Satz aus dem "Quartett für das Ende der Zeit" von Olivier Messiaen, das 1940 von Kriegsgefangenen im Lager Görlitz uraufgeführt wurde. Der sonst hektische Parlamentsbetrieb hält einen Moment gemeinschaftlich inne.

Gauck vollzieht auch die lange Geschichte der Aufarbeitung nach. "Gedenktage führen eine Gesellschaft zusammen in der Reflexion über die gemeinsame Geschichte", sagt er. Der Bundespräsident wählt deutliche Worte. Er nennt es "beschämend", dass aus den Opfern von einst in der Nachkriegszeit "Bittsteller" wurden. "Die Bevölkerung der jungen Bundesrepublik kannte wenig Mitgefühl mit den Opfern nationalsozialistischer Gewalt", sagt er. Erst in den 70er Jahren lernten die Westdeutschen langsam zu akzeptieren, "dass es auch ganz normale Männer und Frauen gewesen waren, die ihre Menschlichkeit, ihr Gewissen und ihre Moral verloren hatten". Die DDR dagegen habe vielen Schuldigen die kritische Selbstreflektion erspart, weil sie sich nicht als Nachfolgestaat der nationalsozialistischen Diktatur verstand.

Gauck weiß um die Gefahr der Routine. "Gedenktage können zu einem Ritual erstarren, zu einer leeren Hülle, gefüllt mit den stets gleichen Beschwörungsformeln", warnt er. Er fragt provozierend, ob Deutschland imstande wäre, derartige Verbrechen heute zu beenden und zu ahnden. Der oft nach Auschwitz zitierte Ausspruch "Nie wieder" bleibt aus seiner Sicht trotz der empfundenen Ohnmacht "als innerer Kompass" unverzichtbar.

(RP)