Joachim Gauck ehrt Hans-Dietrich Genscher beim Staatsakt in Bonn

Staatsakt für Hans-Dietrich Genscher: "So zäh wie das Leder eines Cowboystiefels"

Es war kein Hauch, es war ein kräftiger Luftzug der Bonner Republik, der am Sonntag durch das Land wehte. Zum Staatsakt für den verstorbenen Ex-Außenminister Hans-Dietrich Genscher kamen im alten Plenum des früheren Bundestages in Bonn, heute ein modernes Kongresszentrum, Staatschefs, Minister, Freunde, Weggefährten und viele Persönlichkeiten aus Gesellschaft und Wirtschaft zusammen.

Durch die großen Fenster des luftigen Baus hatten die 1000 Trauergäste den Rhein stets im Blick. So wollte es Genscher, der bis zu seinem Tod in Wachtberg-Pech, knapp jenseits der Bonner Stadtgrenze, wohnte.

Kanzlerin Angela Merkel und ihr Vorgänger Gerhard Schröder waren gekommen (Schröder saß dort, wo einst die FDP ihren Platz hatte). Bundespräsident Joachim Gauck und seine Vorgänger Christian Wulff, Horst Köhler und Roman Herzog ebenso, dazu Bundestagspräsident Norbert Lammert und Verfassungsgerichtspräsident Andreas Voßkuhle, Finanzminister Wolfgang Schäuble und Außenminister Frank-Walter Steinmeier. Natürlich NRW-Ministerpräsidentin Hannelore Kraft und FDP-Chef Christian Lindner. Aus dem Ausland die Ex-Außenminister Roland Dumas (Frankreich) und James Baker (USA).

"Ein heroischer Staatsmann"

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Es war Baker, der Genscher persönlich und warmherzig besonders wirkungsvoll würdigte. "Ein heroischer Staatsmann und einer von Amerikas besten Freunden seit dem Weltkrieg", betonte der 85-Jährige, der zur Zeit der Wiedervereinigung im Amt war. Baker erinnerte an dessen größte Stunde, die Verhandlungen zur Deutschen Einheit. Genscher habe klargemacht, dass der Einigungsplan mit den Alliierten nur zwei plus vier, nicht vier plus zwei heißen könne. Die Botschaft: Die Einheit ist eine Sache der Deutschen. "Er war so zäh wie das Leder eines texanischen Cowboystiefels", so Baker. Er sei ein "Titan unter den Diplomaten Europas" gewesen.

Takt, Rücksichtnahme und ein innerer Kompass seien das Wesen Genschers gewesen, ergänzte Bundespräsident Joachim Gauck in seiner Ansprache. Da nickten viele frühere Weggefährten. Aus dem letzten Kabinett Kohl/Genscher waren immerhin zehn Minister gekommen, darunter auch Genschers Nachfolger Klaus Kinkel, Wolfgang Schäuble (bis zum Attentat 1991 Innenminister im vierten Kabinett von Helmut Kohl), Rudolf Seiters (Innenminister), Sabine Leutheusser-Schnarrenberger (Justiz), Friedrich Bohl (Kanzleramt), Carl-Dieter Spranger (Entwicklung), Karl Hans Laermann (Bildung), Gerda Hasselfeldt (Gesundheit), Norbert Blüm (Arbeit) und Angela Merkel (Jugend).

"Wir alle können uns ein Deutschland ohne ihn nur schwer vorstellen", hatte Präsident Gauck gesagt. Am Ende des würdevollen Staatsakts hatten die Trauergäste dann doch eher das Gefühl, dass das so gar nicht sein wird. Deutschland behält Genscher. Sein Wirken bleibt. Da passte es, dass die Streicher der Bonner Philharmonie zum Abschluss Beethovens "Ode an die Freude" erklingen ließen, die Europahymne. Die Welt, aus der Genscher gegangen ist, ist auch dank ihm eine bessere geworden.

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