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Staatsbesuch in Griechenland: Joachim Gauck als Versöhner in Athen

Staatsbesuch in Griechenland : Joachim Gauck als Versöhner in Athen

Der Bundespräsident steht für ein vom Grundgesetz bewusst verzwergtes Staatsorgan. Was kann so jemand beim Staatsbesuch bewirken? Er kann die Atmosphäre zwischen den Völkern aufhellen. Das ist nicht gering zu achten.

Bundespräsident Joachim Gauck reist heute mit seiner Lebensgefährtin Daniela Schadt für drei Tage nach Griechenland. Staatsbesuch. Der letzte dieser Art fand im Jahr 2000 statt, damals hieß unser Staatsoberhaupt Johannes Rau.

"Na und", modisch: "So what", werden nicht wenige Deutsche (und wohl noch mehr Griechen) sagen, "Bundespräsident in Athen, was bringt das außer Gesten und goldenen Worten?" Und, frei nach Kanzler Helmut Kohls unsterblichem Diktum: "Ist denn wirklich Entscheidendes darunter, was bei einem solchen Staatsbesuch hinten rauskommt?"

Wenn ein deutscher erster Mann fürs Zeremonielle in Hellas die dortige protokollarische Nummer eins, Staatspräsident Karolos Papoulias, zum Austausch diplomatischer, also nicht zwingend ehrlicher Freundlichkeiten trifft, dann hält niemand den Atem an; das tun auch nicht diejenigen in Berlin und Athen, die politische Macht besitzen, die Bundeskanzlerin etwa oder Ministerpräsident Antonis Samaras.

Legt Gauck also zu wenig Gewicht auf die politische Waage? Zur Wahrheit gehört, dass Gaucks unmittelbare Amtsvorgänger, Horst Köhler (2004—2010) und Christian Wulff (2010—2012), mangels politischer Prägekraft hier und da die Frage provozierten, ob es eigentlich so schlimm um die Bundesrepublik stünde, wenn es das vom Grundgesetz bewusst verzwergte Staatsorgan "Bundespräsident" nicht gäbe. Gauck übernahm vor zwei Jahren ein leicht entwertetes Amt. Der Goldrand blätterte, und bei Worten aus Bellevue spitzte kaum jemand die Ohren.

Doch Vorsicht vor fixem Daumensenken über dem Amt und dem elften Mann im politischen Oberstübchen der Republik — und übrigens seinen zehn Vorgängern. Erstens waren darunter herausragende Persönlichkeiten der Res publica wie Theodor Heuss (1949—1959) und Gustav Heinemann (1969—1974) oder Richard von Weizsäcker (1984—1994) und Roman Herzog (1994—1999). Und zweitens haben sich alle Bundespräsidenten mit ihren persönlichen Möglichkeiten um die Bundesrepublik Deutschland verdient gemacht, man denke an den gerade in Nordrhein-Westfalen unvergessenen rheinisch-bergischen Johannes Rau (1999—2004).

Natürlich ist es von unvergleichbar größerem, weil messbarem Gewicht, wenn aus Deutschland Kanzlerin Angela Merkel oder ihr Bundesfinanzminister Wolfgang Schäuble nach Griechenland reist, oder wenn dort gar die Troika aus Europäischer Kommission, Europäischer Zentralbank (EZB) und Internationalem Währungsfonds nach dem Rechten sieht.

Aber man unterschätze nie die Bedeutung des Atmosphärischen, Zwischenmenschlichen in der Politik, nicht in der Innenpolitik und erst recht im Umgang der Völker und ihrer obersten Repräsentanten miteinander. Wenn es dem 74 Jahre alten Bundespräsidenten gelänge, seinen um zehn Jahre älteren Amtskollegen in Athen für sich und damit für Deutschland einzunehmen, verspräche das außenpolitischen Gewinn. Besonders für die Berliner Akteure, die im Unterschied zu Gauck via EU und EZB konkrete Macht ausüben bei den Therapiebemühungen am finanziell schwer erkrankten Patienten Hellas.

Dieser nicht schuldlos Erkrankte sendet angeblich erste zarte Signale einer Besserung aus. Wer jedoch mit Menschen in Griechenland spricht, die Arbeitslosigkeit, unbeschäftigte Jugendliche, verschlossene Geschäfte, ungenügend ausstaffierte Kliniken und nach wie vor korrupte Verwaltungsgestalten bis hinab zu bestechlichen Dorf-Bürgermeistern erleiden, der ahnt, dass noch nichts wirklich gut ist in dem kleinen Land. Es stöhnt und ächzt und hält nach Schuldigen Ausschau. Bei sich selbst die Schuld zu suchen, ist den meisten Menschen nicht gegeben. Warum sollten die Griechen, die die abendländische Kultur wie kaum eine Nation befruchtet haben und nun am Stock gehen, eine Ausnahme bilden?

Gauck kommt in ein Land, das vor eineinhalb Jahren auf dem Höhepunkt antideutschen Zorns teilweise in Worten und Bildern eine unhellenische Primitivität an den Tag legte: Merkel mit Hitler-Bärtchen, Merkel in SS-Uniform, Verbrennen der deutschen Flagge, wüste Beschimpfungen der ach so mächtigen, sich ihrer Macht irgendwie schämenden Euro-Ordnungsmacht Deutschland — eine Palette des Ungehörigen und des Unsinns.

Es heißt, Gauck werde anders als Merkel nicht massenhaft angepöbelt werden. Auch Griechenlands sozialistischer Staatspräsident wird nicht noch einmal seinen antideutschen Gefühlen freien Lauf lassen. Er, der in Köln studierte und für die Deutsche Welle gearbeitet hat, polterte Anfang 2012: "Ich akzeptiere es nicht, dass mein Land von Herrn Schäuble beleidigt wird." Schäuble hatte betont, dass Griechenland kein Fass ohne Boden werden dürfe und dass es Hilfen nur bei zugleich strengen Kontrollen geben dürfe. Papoulias gehört der Generation an, welche die deutsche Besatzung seines Landes (1941—1944) und deren Schandtaten erlitten hat, die mitbekommen hat, wie in Ligiades am 3. Oktober 1943 mehr als 80 Griechen, darunter war die Hälfte im Kindesalter, ermordet wurden.

Heute kommt ein europäischer Deutscher und ein deutscher Europäer nach Athen, eine fleischgewordene deutsche Entwarnung. Am Mahnmal in Ligiades werden Gauck, einfühlsam, wie er als ehemaliger Pastor sein kann, passende Worte des Gedenkens an das Grauen einfallen. Er wird mit jungen Griechen, mit Existenzgründern reden. Selbst den radikalen Parteiführer Alexis Tsipras lässt der Gast aus Berlin nicht links liegen. Das Zukunftsträchtigste der Staatsvisite wird Gaucks Rede über Erbe und Zukunft Europas sein. Die Rede hält er im Akropolis-Museum. In Blickweite zum geschichtsträchtigsten Teil Athens: Einst hatte die Hakenkreuz-Flagge die Akropolis geschändet.

Hier geht es zur Infostrecke: Herausragende Sätze aus Gaucks erster Rede

(RP)