Jens Spahn (CDU): Porträt über den Widersacher von Angela Merkel

Rauflustig, unbequem, konservativ : Jens Spahn ist Merkels Widersacher

Jens Spahn – das ist die Ungeduld in Person. Und er pflegt das Bild des selbstbewussten Rebellen. Die CDU würde er nach rechts führen.

Die Nationalflagge soll um das Symbol des Bierkrugs erweitert werden. So lautet das fiktive Gesetz, das die Zwölftklässler des Grundkurses Sozialwissenschaften beim „Planspiel Gesetzgebung“ einbringen sollen. 1997: Schüler aus Ahaus in Westfalen sind auf Exkursion im Bonner Bundesrat. Nun müssen sie einen Kanzler finden, der das Gesetz einbringt. Alle Finger zeigen auf den großgewachsenen Jungen mit Brille: Jens Spahn. Er ist der politische Kopf. Der rhetorisch Versierteste. Der 17-Jährige, der im Streit um ein Atomzwischenlager scharfe Leserbriefe an die Lokalzeitung schreibt. Der Sachbücher liest, wenn andere auf dem Bolzplatz kicken. Dieser Jens Spahn erklärt nun am Rednerpult die Schnapsidee mit dem Bierkrug. „Bundeskanzler, was sonst?“, texten Mitschüler über ein Abiturfoto Spahns.

20 Jahre später tritt Jens Spahn für den Vorsitz der CDU Deutschlands an. Gegen den Willen der Kanzlerin, die den rauflustigen und aufmüpfigen Konservativen nur widerwillig ins Kabinett holte, um die Junge Union zu besänftigen. Gegen den Willen auch seines Landeschefs Armin Laschet. Favorit ist Jens Spahn jedenfalls nicht. Zu sehr polarisiert der Konservative, der sich gerne meinungsstark zu Themen wie Hartz IV, Islam oder Rente äußert. Im privaten Umfeld humorvoll und sensibel, wirkt Spahn bei öffentlichen Auftritten oft schneidig und kühl. Seine Körpergröße von 1,91 Metern passt zum Bild des selbstbewussten Rebellen. „Bekannt bin ich, beliebt muss ich noch werden“, räumt Spahn selbst ein.

Wohl auch, weil in der Partei viele schon gegen ihn eine Schlacht verloren haben. Der Satz Erwin Teufels „Das Amt muss zum  Mann kommen, nicht der Mann zum Amt“ gilt für Spahn nicht. Wer führen will, muss auch den Kopf aus dem Fenster stecken. So denkt er. Die Kampfkandidatur ist die Konstante in seiner Karriere.

Gegen den Willen der Altvorderen im Kreis Borken macht Spahn den Weg frei für seine Bundestagskandidatur 2002. Er wird der jüngste direkt gewählte Abgeordnete und baut sich geschickt eine Machtbasis auf. „Sein Kampfname war Ungeduld“, erinnert sich sein Vertrauter Markus Jasper. Im Bundestag ist Spahn nicht lange Hinterbänkler. 2009 tritt er gegen den Favoriten der Parteiführung als Sprecher für Gesundheitspolitik an – und gewinnt.

  • Annegret Kramp-Karrenbauer im Porträt : Sie kann, sie will und sie wird

Als Angela Merkel 2013 einen Gesundheitsminister braucht, nominiert sie aber ihren Getreuen Hermann Gröhe. Spahn ist enttäuscht und beginnt, eigene Netzwerke und Truppen aufzubauen. Er verbündet sich mit dem Junge-Union-Chef Philipp Mißfelder und dem Wirtschaftspolitiker Carsten Linnemann. Er gründet einen Westfalen-Verein, wird Mitglied bei der Atlantikbrücke und Nachwuchsstar beim Davoser Wirtschaftsforum. Er lädt mit seinem Mann, dem „Bunte“-Journalisten Daniel Funke, Freunde und Weggefährte zu privaten Adventsfeiern und profiliert sich als Ordnungspolitiker. Wolfgang Schäuble wird auf ihn aufmerksam, fördert ihn, auch als Spahn gegen den Willen der Parteiführung 2014 ins Präsidium gewählt wird.

In der Flüchtlingskrise avanciert Spahn zum Gegenspieler Merkels, spricht früher als andere von einer „Art Staatsversagen“. Die Zuwanderung aus muslimischen Ländern sieht er kritisch, fordert ein Burka-Verbot und beklagt den „Allmachtsanspruch“ des konservativen Islam, auch weil er selbst als Homosexueller Anfeindungen erlebt.

Die Partei würde Spahn nach rechts führen, „also zurück in die Mitte“, wie er es sieht. Debattenfreudiger soll sie werden. Hat er Chancen? Kramp-Karrenbauer, die abwägende und populäre Generalsekretärin, ist die Favoritin. Die mögliche Kandidatur von Merz, dem ausgewiesenen Wirtschaftspolitiker, hilft Spahn nicht. Zu ähnlich ist das Profil der beiden Nordrhein-Westfalen. Spahn hat Unterstützer in der JU, im Wirtschaftsflügel, in konservativen Teilen des Landes. Versuchen will er es. Das Rüstzeug für Spitzenämter hat Spahn selbst aus der Sicht seiner Gegner.

Am Ende muss er den Parteitag überzeugen. 2016 gelang ihm das, als er die Delegierten dazu brachte, gegen den Willen der Parteichefin die doppelte Staatsbürgerschaft abzulehnen. Im Bonner Bundesrat 1997 gelang es nicht. Das Gesetz, den Bierkrug in die Nationalflagge zu integrieren, wurde abgelehnt.

Mehr von RP ONLINE