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Profile der Selbstmordattentäter von New York und London: Jeder kann Terrorist werden

Profile der Selbstmordattentäter von New York und London : Jeder kann Terrorist werden

Berlin (RP). "Al Qaida muss sich um den Nachwuchs keine Sorgen machen", meint der Psychiater Marc Sagemann, der sich mit dem Profil der Selbstmordattentäter von New York und London beschäftigt hat: Im Prinzip könne jeder zum Radikalen, zum Terroristen werden. Dennoch gebe es Parallelen zwischen den Attentätern.

Wie wird ein Mensch zum Selbstmordattentäter? Was treibt einen jungen Mann dazu, sich in eine Bombe zu verwandeln und wahllos unschuldige Mitmenschen in den Tod zu reißen? Die Antwort klingt äußerst beunruhigend: "Jeder kann zum Selbstmordattentäter werden", sagt der Psychologe Ariel Merari aus Tel Aviv, der sich vor allem mit den Attentätern aus den Palästinenser-Gebieten beschäftigt hat.

Zwei Reportagen, die am späten Abend auf Arte liefen, suchten dennoch nach Anhaltspunkten und Gemeinsamkeiten, was die Täter trieb, die in Europa und den USA Anschläge verübt haben. Im Mittelpunkt der einen Dokumentation standen die vier Attentäter von London, Einwanderer der zweiten Generation aus geordneten Verhältnissen. Mit Zacarias Moussaoui, der wegen Beteiligung an den Terroranschlägen vom 11. September 2001 in den USA zu lebenslanger Haft verurteilt wurde, befasste sich der zweite Film.

Obwohl der Psychologe Merari grundsätzlich jeden Menschen dazu befähigt hält, eine solche Wahnsinnstat zu begehen, lässt sich ein Profil der Täter zeichnen: Sie sind jung, muslimisch, männlich. Sie sind nicht von Kindesbeinen an religiös, sondern haben sich vielmehr als junge Erwachsene radikalisiert. Ihre neue Religiosität scheint mehr Ausdruck als Ursache ihres Extremismus zu sein. Als Einwanderer der zweiten Generation waren sie integriert, führten ein bürgerliches Leben und fühlten sich doch merkwürdig fremd in ihrer Heimat. Die zweite Generation der Einwanderer leide unter "kultureller Entfremdung", erklärt der Gerichtspsychiater Marc Sagemann.

Die vier Londoner Attentäter, die als Freunde begannen und als Verschwörer endeten, werden als Beispiel gezeigt, wie überall auf der Welt radikale Terrorgruppen ohne Einfluss von außen entstehen können. "Al Qaida muss sich um seinen Nachwuchs keine Sorgen machen", sagt Sagemann.

Auch der Terrorist Zacaria Moussaoui ist ein Beleg für diese These. Er hat sich dem Netzwerk als Helfer, Mitglied und Täter angeboten, nicht umgekehrt. Von allen gewaltbereiten Extremisten nehme al Qaida nur etwa 30 Prozent. Moussaoui gehörte dazu. Er nahm für mehr als 30000 Euro Flugstunden in Amerika. Das Geld dafür wurde aus Deutschland überwiesen. Doch Moussaoui verhielt sich derart auffällig, dass er noch vor dem 11. September 2001 in den USA geschnappt wurde.

Auch Moussaoui hat sich erst als erwachsener Mann radikalisiert. Aufgewachsen ist er als Kind marokkanischer Eltern in Frankreich. Er stammt aus zerrütteten Verhältnissen. Sein Vater war Trinker und hat die Mutter geschlagen. Nachdem sich die Mutter vom Vater getrennt hatte, gelang es ihr, ein bürgerliches Leben mit Einfamilienhaus aufzubauen. Moussaoui besuchte das Gymnasium und hatte Freunde. "Er trank Alkohol, er kiffte. Da war nichts Religiöses, nichts Extremistisches" erzählt ein Jugendfreund. Zum Studieren zog Moussaoui von Frankreich nach London, wo er strenger Moslem und politisch radikal wurde.

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Im Prozess verweigerte er jede Anwaltshilfe und verfluchte Amerika. "Ich bin al Qaida", schleuderte er den Geschworenen entgegen. Der Gerichtspsychiater Sagemann diagnostizierte Schizophrenie bei Moussaoui. Unklar ist, wann die psychische Erkrankung ausgebrochen ist. Er wird lebenslänglich hinter Gittern bleiben.

(Rheinische Post)