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"Loses Netzwerk autonomer Zellen": Islamistischer Terrorismus ändert sein Gesicht

"Loses Netzwerk autonomer Zellen" : Islamistischer Terrorismus ändert sein Gesicht

Wiesbaden (rpo). Die Struktur des islamistischen Terrorismus hat sich nach seit den Anschlägen vom 11. September 2001 grundlegend verändert. Zu dieser Einschätzung kommt das Bundeskriminalamt.

Früher habe die von Osama bin Laden geführte Al-Kaida-Gruppe von oben hierarchisch ein Netzwerk organisiert, sagte BKA-Präsident Jörg Ziercke in einem Interview der Nachrichtenagentur AP. Das habe sich weitgehend aufgelöst. "Wir haben es nun mit einem nur noch losen Netzwerk autonomer, regionaler Zellen zu tun, die zwar nicht unmittelbar miteinander zusammenhängen, aber einer gemeinsamen Ideologie anhängen", fügte er hinzu.

Diese Zellen zögen auch Leute aus dem kleinen und mittleren kriminellen Milieu heran, die logistische Aufgaben übernähmen. "Diese Kontakte kommen häufig bei Aufenthalten in Haftanstalten zu Stande", sagte der BKA-Präsident. Das biete der Polizei auch neue Chancen zur Aufklärung. "Solche Kriminelle sind schon länger verwurzelt in dem Land, in dem sie wohnen. Sie hinterlassen zum Teil mehr und andere Spuren, die man analysieren und rückverfolgen kann." So seien etwa die Anschläge in Madrid teilweise über Drogen- und Waffenhandel finanziert worden.

Auch die anhaltende Serie von Terroranschlägen im Irak beschäftigt das Bundeskriminalamt. Es gebe Schätzungen, dass aus ganz Europa 1.500 Personen in den Irak gereist seien, um dort zu kämpfen - wie viele davon aus Deutschland, könne er nicht sagen. "Wir bereiten uns derzeit darauf vor, dass - wenn diese Leute zurückkehren - wir sie als Gefährder einstufen und intensiv beobachten müssen."

"Sorge treibt uns um"

Das Anfang Dezember in Berlin vereitelte Attentat von Islamisten auf den irakischen Ministerpräsidenten Ajad Allawi bewertete Ziercke als erfolgreichen Einsatz. An dem seit einem Jahr laufenden Strafverfolgungsverfahren waren neben dem BKA auch die Länderpolizeien Bayerns, Berlins und Baden-Württembergs beteiligt. Die Zusammenarbeit habe gut geklappt, sagte er. An der Sicherheitslage habe sich aber nichts geändert. "Dieses Bedrohungsszenario erhöht nicht das Risiko von Terroranschlägen in Deutschland, sondern zeigt nur, dass wir auf einem hohen Stand der Gefährdung weiterleben."

Zur Terrorprävention in Deutschland sagte Ziercke: "Die Sorge treibt uns um, dass wir Informationen haben könnten, die wir sogar in unseren Akten haben, und dennoch ein Anschlag passiert." Deshalb müssten die Sicherheitsbehörden dem Netzwerk des Terrors ein Netzwerk an Informationen entgegenstellen. Eine gute Voraussetzung sei das in Berlin-Treptow eingerichtete Analyse- und Lagezentrum zur Abwehr des Terrorismus, in dem Informationen aus Deutschland und der Welt zusammengeführt und bewertet werden sollen.

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Die in den Jahren 2001 und 2002 durchgeführte Rasterfahndung nach mutmaßlichen Schläfern bezeichnete Ziercke als Erfolg, auch wenn es wenig spektakuläre Fahndungserfolge gegeben habe. "Die Rasterfahndung hat für Verunsicherung in der Szene gesorgt", betonte er. Einige Personen hätten deshalb offenbar aus Furcht vor Entdeckung Deutschland verlassen.

Rotes Kreuz fordert Bund-Länder-Zentrum

Der Präsident des Deutschen Roten Kreuzes (DRK), Rudolf Seiters, sieht Deutschland für den Fall von Terroranschlägen und anderen größeren Katastrophenfällen nicht ausreichend gerüstet. In diesem Bereich gebe es "Handlungsbedarf", sagte der ehemalige Bundesinnenminister der "Neuen Osnabrücker Zeitung". Die gegenwärtige Grauzone bei den Kompetenzen von Bund, Ländern und Gemeinden müsse beseitigt werden. Notwendig sei eine Zusammenlegung des Zivil- und Katastrophenschutzes sowie die Einrichtung eines gemeinsamen Einsatzzentrums von Bund und Ländern.

(ap)