Michel Friedman über Richard David Precht „So ein Satz ist nicht zu heilen, außer man sagt, er war ein Fehler“

Interview | Düsseldorf · Der wachsende Antisemitismus bereitet dem Publizisten Sorge. Er mahnt die Deutschen, aus dem Bequemlichkeitsschlaf zu erwachen und sich auf eine gewandelte Welt einzustellen. Zu Richard David Prechts jüngster Aussage über orthodoxe Juden hat er eine klare Meinung.

Der Publizist Michel Friedman bei der Frankfurter Buchmesse.

Der Publizist Michel Friedman bei der Frankfurter Buchmesse.

Foto: dpa/Hannes P Albert

Schlaraffenland Deutschland ist abgebrannt, lautet die Diagnose des Publizisten Michel Friedman in seinem aktuellen Buch. Er will das als Weckruf verstanden wissen. Ein Gespräch über die Folgen des Angriffs der Hamas auf Israel, demokratiefeindliche Kräfte in der Welt und Lektionen, die Deutschland dringend lernen sollte.

Herr Friedman, Sie beschreiben in Ihrem aktuellen Buch viele Entwicklungen im In- wie Ausland, die Deutschland aufschrecken lassen sollten. Was bereitet Ihnen gerade die größte Sorge?

Friedman Mich beunruhigt die geopolitische Instabilität in der Welt vom völkerrechtswidrigen Angriffskrieg Russlands gegen die Ukraine bis zum Krieg in Nahost. Denn dahinter stehen drei destabilisierende Mächte – Russland, China und der Iran. Sie erklären selbst sehr offen, dass es ihr Ziel ist, die Welt im 21. Jahrhundert von Demokratien zu befreien und Diktaturen zu errichten. In diesem Kontext steht auch der Angriff der Hamas auf Israel. Wenn man die programmatischen Texte der Hamas liest, ist dort offen formuliert, dass die Organisation die Zerstörung Israels inklusive der Bewohner zum Ziel hat. Also einen Massenmord. Was für eine Vernichtungsfantasie. Ihr zweites, erklärtes Ziel, das wird oft vergessen, ist es, an Israels Stelle einen islamistischen Staat aufzubauen. Einen kleinen Iran. Von einem Palästinenserstaat ist bei der Hamas wenig zu lesen. Wenn man dazu in den Blick nimmt, dass der Iran im Jemen einen brutalen Stellvertreterkrieg gegen Saudi Arabien geführt hat mit hunderttausenden zivilen Opfern, unschuldigen Menschen, dann muss man die drei zerstörerischen Weltmächte sehr ernst nehmen. Denn sie wollen eine andere Welt. Für sehr besorgniserregend halte ich auch den deutlich gewachsenen und enthemmten Antisemitismus. Er kommt von Rechtsextremen, von Linksextremisten und gerade auch sehr sichtbar von radikalen Islamisten und entwickelt sich zu einer Bewegung, die jüdisches Leben weltweit – auch in Deutschland außerordentlich bedroht.

Fühlen Sie sich als Jude in Deutschland im Moment sicher?

Friedman Nein, ich fühle mich bedroht. Bedrohter als sowieso schon immer. Denn es gibt den Antisemitismus aus der rechten Szene – ich erinnere daran, dass der Anschlag auf die Synagoge in Halle von einem deutschen Rechtsextremen verübt wurde. Doch er wird ergänzt von der radikalisierten Gewalt extremer Muslime und von Linksextremisten, die sich mit anti-imperialistischen Theorien an den aktuellen Konflikt in Nahost dranhängen. Die alltägliche Begegnung wird riskanter. Vor allem in Berlin, wo Brandsätze gegen Synagogen fliegen. Wenn man Bürgern dieses Landes den Rat gibt, sich nicht als Juden erkennbar zu zeigen, dann ist das der Offenbarungseid der deutschen Gesellschaft. Wenn man sich als Jude nicht mehr in allen Teilen Deutschlands frei bewegen und etwa eine Kippa tragen kann, dann sind wir nah am Ghetto-Leben. Das kann ich als Bürger dieses Landes nicht akzeptieren. Ich hoffe, dass die Menschen in Deutschland verstehen, dass sich Gewalt jetzt vielleicht gegen Juden richtet, dass es aber um gewaltbereite, autoritäre Kräfte geht, die mit verschiedenen Vorwänden Menschen insgesamt bedrohen. Wenn die die Oberhand bekommen, ist die gesamte Gesellschaft bedroht. Es geht gerade also nicht nur um Solidarität mit den Juden, sondern um das Eintreten für Demokratie und Freiheit. Wenn die Prinzipien funktionieren, kann ich als Jude entspannt in jeder Straße spazieren gehen. Wenn ich das nicht mehr kann, kann die Mehrheitsbevölkerung es bald auch nicht mehr. Ich erwarte, dass mehr Menschen sich in der Aufklärungsarbeit engagieren, um dem Gift von Vorurteilen und Stereotypisierungen entgegenzuwirken.

Der Philosoph Richard David Precht hat vor Kurzem in einem Podcast antisemitische Stereotype ausgesprochen. Die sachlichen Fehler hat er im folgenden Podcast korrigiert und erklärt, er wolle sich bei allen entschuldigen, „die darin etwas Antisemitisches gesehen haben“. Genügt Ihnen eine Entschuldigung, die eine antisemitische Äußerung zur Ansichtssache erklärt?

Friedman Die Aussage von Precht, fromme Juden arbeiteten eigentlich nicht und wenn, dann in Diamant- oder in Finanzengeschäften, halte ich für einen schwer zu ertragenden, antisemitischen Ausspruch. Was nicht bedeutet, dass er ein Antisemit ist. Aber er wiederholt das primitivste, ursprünglichste antisemitische Klischee vom geldgeilen Juden, der Christen mit seinen Zinsen aussaugt. Das ist keine Auslegungsfrage. Wenn man so eine Aussage trifft, erwarte ich, dass man hinterher klar sagt: Das war eine antisemitische Äußerung, sie ist mir passiert, das hätte ich nie von mir gedacht, es tut mir leid. So ein Satz ist nicht zu heilen, außer man sagt, er war ein Fehler, und ich verarbeite ihn öffentlich. Jeder Mensch hat Vorurteile. Die meisten sind unbewusst. Wenn sie aber nach oben steigen und man eine öffentliche Person ist, wäre es gut, diesen Prozess einzuordnen, transparent zu machen, zu erklären, damit andere Menschen lernen, dies genau so zu tun. Ich finde auch bedenklich, dass ein Top-Journalist wie Markus Lanz, der sonst immer genau zuhört, nicht sofort dazwischen geht, diesmal nur „genau, genau“ gesagt hat und das jetzt damit begründet, er habe die Aussage in der Gesprächssituation nicht richtig wahrgenommen. Auch hier will ich ausdrücklich sagen, ich halte Markus Lanz nicht für einen Antisemiten. Aber die Frage muss er sich stellen: Wie konnte das passieren? So ein Podcast geht auch durch einen Schnitt, wird von verantwortlichen Redakteuren gehört, aber niemand beim ZDF will bemerkt haben, was da für eine menschenverachtende Aussage gefallen ist. Dass das geschehen konnte, mit so vielen Beteiligten, erschreckt mich zutiefst. Wenn Menschen beim öffentlich-rechtlichen Rundfunk nicht hören, was ich höre, haben wir ein Problem. Der Vorfall hätte sofort dazu führen müssen, dass der Sender erklärt, hier wurde eine rote Linie überschritten. Das ist bis heute nicht geschehen.

Sie haben eben geostrategische Zusammenhänge aktueller Kriege beschrieben. Wieso erscheint Deutschland in solchen Fragen oft als naiv?

Friedman In „Schlaraffenland abgebrannt“ beschreibe ich, wie sich die deutsche Öffentlichkeit in den vergangenen Jahrzehnten viel zu wenig mit internationalen Konflikten beschäftigt hat. Geostrategische Fragen standen ganz am Ende der Aufmerksamkeitsagenda. Ein großer Fehler! Die Ursache liegt in der großen, naiven Sehnsucht vieler Deutscher, dass das, was weit weg passiert, Deutschland nichts angehen möge. Als Russland 2014 mit der Annektierung der Krim den ersten Angriff auf die Ukraine verübt hat, gab es ein bisschen Empörung – und dann wurde die Gasleitung Nordstream II gebaut. Gerade wollen viele nicht sehen, was sich mit dem Waffendeal zwischen Nordkorea und Russland anbahnt. Über Afrika redet man am liebsten gar nicht. Lieber machen viele Deutsche die Türe zu und hängen ein „Bitte nicht stören“-Schild an die Klinke. Aber es ist eine Illusion zu denken, wir könnten einfach in die Wohlstandsgesellschaft unseres Schlaraffia zurückkehren, während so viele Menschen in der Welt derart massive Gewalt erleben. Wir haben noch das „Bitte nicht stören“-Schild, aber die Tür ist weg.

Umfragen zeigen aber, dass viele Deutsche die neuen Krisen durchaus wahrnehmen und sich Sorgen machen.

Friedman Ja, wir haben schon mit der Pandemie einen totalen Kontrollverlust erlebt. Es ging um Leben und Tod, und die Bevölkerung hat gemerkt, dass die Haltung: Was geht’s mich an, Hauptsache es geht mir gut, für solche Bedrohungen nicht taugt. Urlaub futsch, Alltag futsch, Routinen futsch. Dann der Ukrainekrieg, jetzt die Entwicklung in Nahost. Aber wir merken erst jetzt so richtig: Wir können uns nicht verteidigen, wir haben keine geopolitische Strategie, wir haben kein Konzept dafür, wie man wirtschaftliches Wachstum und Klimaschutz vereinbaren kann, schleimen uns stattdessen für Flüssiggas bei Diktaturen wie Katar ein. Das 21. Jahrhundert steht im Zeichen globaler Entwicklungen, ob Europa dabei noch eine Rolle spielen wird, ist die große Frage.

Ist es nicht verständlich, dass viele Deutsche das eigene Land für überfordert halten und sich lieber möglichst weit raushalten würden?

Friedman Sie haben recht, es gibt viele Problemfelder. Aber diese Haltung erinnert mich an ein Kind, das ein dreiviertel Jahr seine Hausaufgaben nicht gemacht hat und sich wundert, dass es nicht mehr mitkommt. Was Sie Überforderung nennen, ist der jahrelangen Gelassenheit, man kann auch sagen Gleichgültigkeit oder Selbstverständlichkeit geschuldet, mit der man ein Konsumleben gelebt und den Rest verdrängt hat. Nichts von dem, was ich aufgezählt habe, ist neu. Demokratien zerbröseln. Schon vor über 20 Jahren ist in Österreich die erste Regierung einer konservativen Partei mit einer rassistischen Partei, der FPÖ, an die Macht gekommen. Viktor Orban regiert seit vielen Jahren in Ungarn mit rassistischen, judenfeindlichen, undemokratischen Methoden. Russland hat den Krieg gegen die Ukraine vor fast zehn Jahren begonnen, es ging uns nur alles nichts an, dachten wir.

Und jetzt bekommen es viele mit der Angst. Ist das nicht genauso schlecht, weil Angst bekanntlich ein schlechter Berater ist?

Friedman Das Aufwachen jetzt aus einem tiefen Dämmerschlaf ist ein Schock. Wir haben enormen Nachholbedarf in unserem Land, Schule, Digitalisierung, Umwelt, deswegen schreibe ich in „Schlaraffenland abgebrannt“, dass es allerhöchste Zeit ist, dass wir die Angst hinter uns lassen und anfangen, uns anzustrengen. Frieden, Freiheit, Demokratie sind nicht selbstverständlich – Wohlstand auch nicht. Mündige Bürger müssen sich jetzt einbringen auf den Feldern, die sie konkret interessieren. Gerade auch im politischen Raum, etwa in der Kommunalpolitik. Es ist nicht mehr die Zeit für gelangweilte, dekadente Demokraten, die nehmen, aber nicht geben wollen.