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Interview Karl Lauterbach: „Jetzt sind endlich mal die Ungeimpften dran!“

Gesundheitsminister Karl Lauterbach : „Zur Abwechslung sind jetzt mal die Ungeimpften dran!“

Der Bundesgesundheitsminister spricht über die große Zahl von Ungeschützten, neue Priorisierungen bei PCR-Tests, über die Rolle von Ärzten bei einer Impfpflicht – und die Gründe, warum drei Impfungen dauerhaft ausreichen könnten.

Herr Lauterbach, würden Sie die Corona-Impfungen als Matsch bezeichnen?

Lauterbach Nein.

Der Virologe Christian Drosten verglich das Virus mit einem Auto auf einem Sandweg.  Je mehr Matsch auf den Weg kommt, desto langsamer wird das Auto. Was sagen Sie zum dem Bild?

Lauterbach Ach, so meinen Sie das… Christian Drosten hat eine geniale Art, die komplexen Zusammenhänge der Pandemie zu verbildlichen. Ich finde seinen Vergleich gelungen und stimme seiner Schlussfolgerung zu. Trotzdem möchte ich das Bild ein bisschen abwandeln.

Wie denn?

Lauterbach Es gibt zwei Variantentypen von Corona. Der eine Typus ist gut darin, sich zu verbreiten und schwere Krankheiten auszulösen. Das ist die Fitnessvariante, die einem Rennwagen entspräche. Die andere Variante ist die Escape-Variante, die sich auch gegen Impfungen verbreitet, aber weniger schwere Erkrankungen hervorruft. Das ist der Geländewagen. Omikron ist der Geländewagen, Delta der Sportwagen. Wenn man nun Matsch, also Impfungen oder Vorinfektionen, als Hürden auf der Strecke einsetzt, kommt der Geländewagen deutlich besser voran als der Sportwagen. Gegen Delta haben die Impfungen also besser geholfen, was das Verbreitungstempo angeht. Gegen schwere Erkrankungen helfen die Impfungen bei allen Virustypen gleichermaßen gut. Uns ist es gelungen, mit den Impfungen und mit anderen Maßnahmen das Tempo bei Omikron deutlich rauszunehmen.

Lauterbach für Impfpflicht ab April oder Mai

Wie hoch muss die Impfquote sein, damit man das Virus mit gutem Gewissen laufen lassen kann?

Lauterbach In Ländern wie Italien und England haben weniger als fünf Prozent der über 60-Jährigen gar keinen oder nur unzureichenden Impfschutz. Diese Länder fahren daher jetzt langsam Maßnahmen zurück. In Deutschland ist die Impflücke aber viel größer und betrifft zu viele ältere und vorerkrankte Menschen. Es wäre unverantwortlich, das Virus auf diese große Risikogruppe ohne Kontaktbeschränkungen loszulassen. Daher bin ich auch für die Impfpflicht, um im Herbst die Impflücke zu schließen.

Wie hoch ist die Wahrscheinlichkeit, dass eine hochansteckende und zugleich tödliche Varianten entsteht?

Lauterbach Das wissen wir nicht. Aber zwei Dinge sind klar: Es ist nicht entschieden, dass neue Varianten immer harmloser werden, was die Krankheitsverläufe angeht. Darauf können wir uns nicht verlassen. Und es gibt weltweit kaum anerkannte Wissenschaftlerinnen oder Wissenschaftler, die Omikron als die letzte Variante bezeichnen würden.

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Auch diese Warnung ziehen Sie als Argument für eine Impfpflicht heran. Die unsicheren Wahrscheinlichkeiten dürften aber Klagen gegen eine Impfpflicht kaum standhalten.

Lauterbach Es ist nicht mein einziges Argument. Ein wichtiger Grund für eine Impfpflicht ist, dass wir sonst die Impflücke nicht rechtzeitig vor einer fast sicher auftretenden Welle im Herbst ausreichend verkleinern können. Dann wären wieder Kontaktbeschränkungen und viele weitere Opfer nötig. Davon will ich endlich weg.

Helfen Sie uns technisch: Wie wäre es möglich, eine Impfpflicht ohne Impfregister umzusetzen?

Lauterbach Ich halte nichts von einem Impfregister. Aber ich möchte nicht weiter ins Detail gehen. Ich möchte den Anträgen zur Impfpflicht nicht vorgreifen. Ich rechne damit, dass erste Gruppen ihre Ideen in der kommenden Woche präsentieren werden.

Können Sie die Ärzte verstehen, die sagen, wir werden staatliche Maßnahmen nicht in den Praxen durchboxen?

Lauterbach Ja, aber das wird auch gar nicht von ihnen verlangt. Kein Arzt soll dazu verpflichtet werden, Menschen von einer Impfung zu überzeugen oder sie dazu zu drängen. Denn es wird keinen Impfzwang geben. Wir arbeiten einzig und allein an einer Pflicht zum Nachweis einer Impfung. Das ist ein großer Unterschied. Wenn ein Patient dann die Impfpflicht erfüllen möchte, kann er einen Arzt in der Praxis oder im Impfzentrum aufsuchen. Wie und wo das kontrolliert werden soll, ist Gegenstand der Anträge.

Wie häufig müssten wir uns bei einer Impfpflicht noch boostern lassen? Kann es klappen, jedes Jahr oder gar halbjährlich die ganze Bevölkerung neu durchzuimpfen?

Lauterbach Nein, das kann nicht klappen. Und das wird auch nicht nötig sein. Wer heute oder künftig über drei Impfungen mit mRNA-Impfstoffen oder einem ähnlich wirksamen Impfstoff verfügt, verfügt über eine gute Grundimmunisierung. Die heutige Dreifachimpfung würde somit jeder Impfpflicht Genüge tun. Weltweit sprechen alle bisherigen Erkenntnisse dafür, dass eine solche Grundimmunisierung zwar nicht immer vor einer Infektion, sehr wohl aber dauerhaft vor schweren Covid-Erkrankungen schützt. Ein Nachlassen dieses Schutzes in dieser Hinsicht wurde noch nicht festgestellt und ich rechne auch nicht damit.

Für wie sinnvoll halten Sie die Entwicklung des speziellen Omikron-Impfstoffes von Biontech? Ist es nicht besser, alle Varianten abzudecken?

Lauterbach Es wäre vorschnell und falsch zu sagen, dass der neue Biontech-Impfstoff nur vor Omikron schützen wird. Wahrscheinlicher ist, dass er genauso gut gegen alle anderen Varianten schützen wird. Das werden die Studien zeigen. Die Test-Ergebnisse müssen wir aber noch abwarten. Moderna geht bei der Weiterentwicklung seines Impfstoffs einen anderen Weg und setzt wohl auf einen breiten Einsatz gegen mehr Varianten. Beide Ansätze sind klug. Wichtig ist mir aber, dass die Menschen jetzt für die Boosterung nicht auf die neuen Impfstoffe warten. Denn die bereits verfügbaren Vakzine helfen perfekt gegen schwere Erkrankungen durch alle bekannten Varianten. Boostern sollten sich alle, die das noch nicht getan haben, sofort.

Können Sie den Frust der Menschen verstehen, die mit Johnson & Johnson geimpft wurden und jetzt teils als ungeimpft gelten?

Lauterbach Das kann ich. Aber sie müssen die Realität akzeptieren. Es gibt eine klare Empfehlung der Ständigen Impfkommission dazu. Und internationale Virologen sind sich einig: Die hohen Erwartungen in den Impfstoff von Johnson & Johnson haben sich bei der Einmalimpfung nicht erfüllt. Nur mit zwei weiteren Impfungen ist man gut geschützt.

Sollten die Gesundheitsämter sich künftig nur noch auf die Kontaktnachverfolgung von Beschäftigten der kritischen Infrastruktur konzentrieren?

Lauterbach Das halte ich für sinnvoll. Wir haben drei Bereiche des Pandemiemanagements, die wir auf die Omikron-Welle anpassen müssen. Die kürzeren Quarantänezeiten und das einfachere Freitesten sind der eine Bereich, den haben wir bereits erledigt. Bleiben die Kontaktnachverfolgung und eine Priorisierung der PCR-Tests. Das gehen wir jetzt an.

Wie soll die Kontaktverfolgung also genau aussehen?

Lauterbach Ich rechne in kurzer Zeit mit mehreren Hunderttausend neuen Infektionsfällen pro Tag. Das wird kein Gesundheitsamt mehr abarbeiten können, auch nicht mit Hilfe der Bundeswehr. Wir brauchen daher schnellstmöglich einen Fokus der Kontaktnachverfolgung, zum Beispiel bei Lehrkräften, medizinischem Personal, Beschäftigten von Energie- und Wasserversorgern, Einsatzkräften und anderen Bereichen der kritischen Infrastruktur. Einen Entwurf unseres Hauses werden die Gesundheitsminister, der Bund und die Länder diskutieren und auf den Weg bringen.

Für alle anderen gilt dann, dass man als Kontaktperson nicht mehr informiert wird, sondern nur noch als Infizierte?

Lauterbach Ja, wobei viele Kontaktpersonen schon heute richtig reagieren, bevor sie ein Gesundheitsamt erreicht. Darauf setzen wir weiter.

Wer wird künftig einen PCR-Test machen dürfen und wer nicht?

Lauterbach Mein Vorschlag für die Ministerpräsidentenkonferenz sieht vor, dass künftig nur noch Beschäftigte der kritischen Infrastruktur einen positiven Schnelltest mit einem PCR-Test bestätigen lassen können. Alle anderen Menschen, die beispielsweise zu Hause einen positiven Schnelltest hatten, sollen diesen im Testzentrum nur noch mit einem professionellen Antigen-Schnelltest bestätigen lassen. Denn die Wahrscheinlichkeit, dass der PCR-Test ein anderes Ergebnis anzeigt als ein professioneller Antigen-Test, ist sehr gering bei der hohen Prävalenz der Omikron-Variante. Und auch das Schnelltest-Ergebnis geht an das Gesundheitsamt. Der PCR-Test ist nicht mehr Voraussetzung für die Meldung beim RKI. So sparen wir wichtige PCR-Kapazitäten für den Höhepunkt der Welle.

Wird es zu Verschärfungen bei der MPK kommen müssen, etwa ein Schließen der Bars und mehr 2G plus?

Lauterbach Nein, dazu rate ich nicht. Ich bin dafür, dass wir die bestehenden Maßnahmen beibehalten, also nicht ausweiten. Aber eine Lockerung wäre fatal. Wir würden Öl ins Feuer gießen und die Welle beschleunigen. Wir sind zwar auf dem richtigen Kurs und schon dabei, aus der drohenden Omikron-Wand einen Hügel zu machen. Es mag angesichts der riesigen Zahlen nicht so wirken, aber der Anstieg verläuft ungefähr genauso, wie er im Vorfeld berechnet wurde, und er verläuft kontrolliert. Entscheidend war, dass wir die Verdopplungszeit der Fallzahlen dank der vergleichsweise strengen Regeln in Deutschland von zwei auf sechs Tage strecken konnten. Trotzdem können wir eine Überlastung der Intensivstationen, der Krankenhäuser und den Einbruch von Teilen der Infrastruktur noch nicht ausschließen.

Wie lange wird die Omikron-Welle Ihren Berechnungen zufolge nachlaufen?

Lauterbach Die Eigenschaft eines Hügels ist ja, dass er anders als die Wand langsamer abflacht oder ausläuft. Wir werden also voraussichtlich bis weit in den März hinein mit signifikanten, aber hoffentlich kontrollierbaren Omikron-Fallzahlen zu tun haben. Das ist eine lange Strecke.

Wie lange werden planbare Operationen, auch an Krebspatienten, noch ausgesetzt bleiben?

Lauterbach Menschen, die bereits auf eine Operation warten oder bis Ende Februar operiert werden sollen, müssen auf eine möglichst flache Inzidenzkurve hoffen. Ich kann es nicht anders sagen: Es kommt jetzt auf das Verhalten der Ungeimpften an, wie viele von ihnen gleichzeitig in den Krankenhäusern landen und dort versorgt werden müssen.

Krebspatienten sollen hoffen, dass möglichst viele Ungeimpfte zu Hause bleiben oder sich impfen lassen?

Lauterbach Leider ist es so.

Auch in Pflegeheimen droht Schlimmes, sollten im Februar die Krankenhäuser volllaufen und Hochbetagte nicht mehr in die Kliniken kommen.

Lauterbach Das bereitet mir große Sorgen. Deswegen werbe ich ja so vehement für die Impfung. Diese Gefahr wäre mit mehr Einsicht der Ungeimpften vermeidbar gewesen. Seit zwei Jahren nehmen wir große Rücksicht auf die Ungeimpften und bringen als Gesellschaft – allen voran die Kinder – extrem große Opfer. Das geht nicht länger so weiter. Zur Abwechslung sind jetzt endlich mal die Ungeimpften dran! Und sie müssen ja nicht mal ein Opfer erbringen, weil die Impfstoffe gut verträglich, sicher und extrem wirksam sind.

Zunächst wird die Impfpflicht in medizinischen Einrichtungen greifen. Klappt das pünktlich, wie vereinbart?

Lauterbach Ja, und dafür bin ich meinen Amtskolleginnen und -kollegen sehr dankbar. Die Gesundheitsministerinnen und Gesundheitsminister sorgen dafür, dass die einrichtungsbezogene Impfpflicht im März greift und leisten damit einen entscheidenden Beitrag zur Bekämpfung der Omikron-Welle. Wenn bis dahin alle Angestellten in medizinischen Einrichtungen geimpft sind, kann das Virus ältere und kranke Menschen nicht mehr so leicht treffen. Dass wieder massenweise Pflegebedürftige an Corona sterben, müssen wir mit allen Mitteln verhindern.

Wer wird vom Pflegebonus profitieren können und wer nicht?

Lauterbach Dazu lege ich bis Ende Januar einen Plan vor.

Das ist schon nächste Woche und Sie haben noch keine Ahnung, wen Sie berücksichtigen wollen?

Lauterbach Ahnung habe ich auf jeden Fall. Aber für den Beruf, den ich derzeit ausübe, reicht Ahnung nicht aus.

Erlauben Sie uns zum Schluss noch eine Matsch-Frage: Haben Sie angesichts des hohen Arbeitspensums in Ihrem Ministeralltag schon mal das Gefühl gehabt, Matsch im Kopf zu haben?

Lauterbach (grinst): Matsch im Kopf habe ich noch nicht verspürt. Wenn ich genug Kaffee habe, kann ich mich gut konzentrieren. Ich bin im Übrigen nicht der Einzige, der eine hohe Arbeitsbelastung durch die Pandemie erfährt. Viele Beschäftigte – gerade im Gesundheitswesen - leisten seit zwei Jahren Außergewöhnliches, ebenso die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter in meinem Ministerium, im Robert-Koch-Institut und im Paul-Ehrlich-Institut. Das ist eine große Leistung.