Internationaler Frauentag: Interview mit Simone Menne

Weltfrauentag 2019 : „Macht Euch niemals abhängig“

Simone Menne macht heute das, wovon sie als junge Frau träumte: Kunst. In der Kieler Innenstadt hat die Finanzexpertin nach einer harten Karriere eine Galerie eröffnet. An junge Frauen richtet die Feministin einen dringenden Appell.

Frau Menne, hat der Internationale Frauentag für Sie eine besondere Bedeutung?

Menne Nein.

Das fängt ja gut an. Berlin hat den Tag zum Feiertag erklärt.

Menne Das finde ich schräg. Viel wichtiger ist, sich nicht nur am 8. März, sondern im ganzen Jahr zu fragen: „Warum sinkt der Frauenanteil im Bundestag? Warum haben Frauen nicht die Hälfte der Mandate, warum sitzen sie nicht in den Vorständen?“ Ein Feiertag ändert daran gar nichts.

Was halten Sie von einem Paritätsgesetz, mit dem Frauen zu 50 Prozent in die Parlamente einziehen sollen?

Menne Ich bin Erstunterzeichnerin.

Interessieren sich Frauen zu wenig für politische Macht?

Menne In der Politik haben wir ein grundsätzliches Problem, richtig gute Leute zu finden. Sie werden zu schlecht behandelt und zu schlecht bezahlt. Es ist völlig unverständlich, warum der Vorstandsvorsitzende eines DAX-Unternehmens viel mehr Geld bekommt als die Bundeskanzlerin oder ein Ministerpräsident. Sie haben vielmehr Sorgen, Stress und Verantwortung. Gleichzeitig getrieben von der Sorge der Wiederwahl. Vielleicht brauchen wir  ein anderes Modell, um hier eine andere Attraktivität aber auch andere Ergebnisse zu erzielen: Eine sechsjährige Wahlperiode ohne Möglichkeit zur Wiederwahl -  und eine deutlich bessere Bezahlung. Da macht man keine faulen Kompromisse und der Austausch zwischen Politik und anderen Bereichen wird etwas Normales.

Eine Beschränkung auf eine sechsjährige Wahlperiode auch für die Bundestagsabgeordneten?

Menne Das System muss noch genauer durchdacht werden. Es macht keinen Sinn, dass alle Parlamentarier auf einmal gehen. Vielleicht im Wechsel? So dass nicht alle auf einmal neu sind?   

Aber was hindert speziell Frauen daran, Macht zu übernehmen?

Menne Frauen haben keine Lust auf Spielchen, die nötig sind, um Karriere zu machen. Und Frauen wird  auch immer noch ein schlechtes Gewissen gemacht und eingeredet, dass sie ihre Kinder vernachlässigen würden, um  beruflich aufzusteigen. Das sagt natürlich kein Mensch einem Mann. Und darüber hinaus sehen Frauen Macht oft als etwas Böses.

Etwas Böses?

Menne Ja, weil sie Macht oft als Missbrauch erleben. Und weil Macht oft mit  Härte zu tun hat. Abgesehen davon, dass sie kaum noch  Privatleben mehr haben, müssen Top-Manager oder Managerinnen jeden Tag Entscheidungen treffen, mit denen sie jemandem wehtun. Anders geht es nicht. Einfache Entscheidungen fallen auf anderen Ebenen. Macht ist aber auch etwas Wertvolles und Gutes, wenn man sie entsprechend für Gutes einsetzt. Auch jede Mutter hat Macht über ihre Kinder. Es kommt darauf an, wie man Macht ausübt.

Wann werden Frauen kein schlechtes Gewissen mehr gegenüber ihren Kindern haben?

Menne Es muss sich in der Wahrnehmung in der Gesellschaft etwas ändern.  In Schweden arbeitet jede und jeder selber für die Rente. Ehegattensplitting, Mütterrente wie bei uns gibt es dort nicht. In Schweden gibt es ein Betreuungsmodell für Kinder bis 16 Uhr. Und um 16 Uhr gehen die Eltern nach Hause. Auch der Top-Manager. Das Interessante ist: So wird effizienter gearbeitet.

Wer in Deutschland um 16 Uhr nach Hause geht, wird meistens schief angeguckt.

Menne Die Präsenzkultur ist ein Problem. Und für eine Kulturänderung muss die  Spitze des Unternehmens  das Neue vorleben. Der Chef muss um 16 Uhr seine Kinder abholen. Und Vorgesetzte, die neue Arbeitszeitmodelle wagen, zum Beispiel  zwei Frauen in Teilzeit auf einem Chefposten, müssen ausgezeichnet werden. Es geht auch um Vertrauen, zum Beispiel im Sinne der Arbeitszeitsouveränität. Man kann Ziele vereinbaren. Diese können zuhause oder am Arbeitsplatz erreicht werden, und dazu braucht man vielleicht auch keine feste Wochenstundenzahl. Wir leben in einer Kontroll- und Misstrauenskultur, die meines Erachtens nicht mehr zeitgemäß ist,  Ein Beispiel: Nur drei Prozent der Hartz-IV-Empfänger betrügen den Staat. Trotzdem ist das ganze System auf Kontrolle von Missbrauch ausgerichtet. Energieverschwendung.

Ist Kanzlerin Angela Merkel eine Feministin?

Menne Sie ist keine Bienenkönigin, die andere Frauen verhindert. Sie hat kluge Frauen um sich herum versammelt. Aber sie hat keine kämpferische Frauenpolitik gemacht.

Hat sie dennoch etwas für Frauen erreicht?

Menne Absolut. Sie hat es nur leise getan. Typisch Frau. Frauen machen sehr viel und schreien es nicht groß heraus. Sie lassen Männern die Ehre, solange das Verhandlungsergebnis stimmt. Im Hintergrund Lösungen finden und sich nach außen zurücknehmen – da ist Angela Merkel super.

Ist das ein Vorzug von Frauen: Im Sinne der Sache gönnen können?

Menne Ja. Frauen sind sachorientierter und setzen Macht eher sozial ein, für ihre Familie, ihr Team. Und Männer nutzen Macht eher für sich. Es gibt Studien darüber, soziale Macht versus egoistische Macht. Man kann das wohl auch bei Affen studieren.

Männer gehen Fußballspielen oder Biertrinken und knüpfen dabei ihre Netze. Frauen treffen sich und gehen unverbindlich auseinander. Können Frauen nicht netzwerken?

Menne Netzwerken ist zunächst einmal nicht geschlechtsspezifisch und sollte das auch nicht sein. Aber Frauen geben gerade jener Frau keinen Auftrag oder einen Job, die sie gut  kennen, weil sie das für Vetternwirtschaft halten. Bei Männern ist das gerade die Idee: Man ist befreundet, also vertraut man sich und vergibt Aufträge oder Positionen.

Und nun?

Menne Frauen müssen andere Frauen in Position bringen - in Vorstände, Parteien, Gewerkschaften, Vereine. So wie es die Männer auch tun. Es gibt aber nur ein Lamento, dass nichts passiert. Dabei sind wir Frauen teilweise selber schuld. Frauen zergliedern sich in unterschiedlichsten Netzwerken, die sich nicht grün sind.

Gibt es unter Frauen mehr Konkurrenz als unter Männern?

Menne Sie sehen sich oft als Konkurrentinnen. Und wenn wir etwas nicht tun dürfen, dann uns gegenseitig schlecht zu machen.

Was können Frauen von Männern lernen?

Menne Männer dealen. Heute steckt der eine zurück und in der nächsten Woche der andere. Jeder darf einmal das Alpha-Männchen sein – das ja auch die anderen mit hochzieht. Und gemeinsam sind sie eine Bande. Frauen müssen lernen, dass sie nicht jeden Kampf führen müssen. Wir müssen uns da mal locker machen.

Welche Rolle spielt das Aussehen einer Frau für ihre Karriere?

Menne Auf eine ganz perfide Art und Weise: Wir dürfen weder zu gut noch zu schlecht aussehen. Den Schönen wird unterstellt, dass sie doof sind und ihren Job nur bekommen haben, weil sie schön sind. Und mit den Hässlichen will man sich nicht zeigen. Und Frauen mit hohen Stimmen werden nicht ernst genommen.

Wer verpackt Niederlagen besser: Frauen oder Männer?

Menne Auf höherer Ebene sind Niederlagen für Frauen die größere Gefahr, weil  sofort ein Rückschluss, auf die Fähigkeit von Frauen allgemein erfolgt. Das liegt einfach daran, dass es so wenige gibt. Männer gibt es ja genug in hohen Positionen. Wenn ein Mann scheitert, fällt das daher nicht so auf.

Aber gehen Männer mit Niederlagen anders um?

Menne Ich hatte in den 1990er Jahren einen Misserfolg bei Lufthansa, der dazu führte, dass ich degradiert wurde und mir mit der Position verbundene Privilegien gestrichen wurden. Ich habe das akzeptiert. Viele haben mir gesagt, das hätte kein Mann gemacht. Der hätte zumindest auf dem Dienstwagen bestanden oder wäre gegangen.

Sie sind trotz dieser Schlappe bei Lufthansa zur ersten Finanzvorständin – Frauen wählen die weibliche Form - eines DAX-Unternehmens aufgestiegen. 

Menne Nach dem Downgrade habe ich mich wieder hochgearbeitet. Ich habe ein ausgeprägtes Selbstbewusstsein. Ich war mir keiner Schuld bewusst, habe aber die Fakten akzeptiert. Und dann wollte ich es denen zeigen.

Was hat dann zum letzten Schritt gefehlt? Warum sind nicht Sie, sondern ist Carsten Spohr Vorstandsvorsitzender geworden?

Menne Herr Spohr ist Pilot und war Vorstandsassistent, sein ganzer Lebenslauf hat zu dieser Position geführt. Es wäre sehr mutig gewesen, erstmals eine Frau zu einer DAX-CEO zu machen, wenn jemand da ist, der viel mehr mit der ganzen Mannschaft von Lufthansa verbunden ist als ich es war. Ich wäre es aber durchaus gern geworden.

Sie haben sich bisher gegen eine Frauenquote in Vorständen ausgesprochen. Bleiben Sie dabei?

Menne Für einen kleinen Vorstand mit fünf Leuten eines spezialisierten Unternehmens ist eine Quote schwierig. Ich bin inzwischen aber hin- und hergerissen. Es kann nicht sein, dass der Frauenanteil sich verschlechtert und es noch immer kein DAX-Unternehmen mit einer Frau als CEO gibt. Und es bestürzt mich, dass die Hälfte der 160 Börsenunternehmen keine Frauen im Vorstand hat, und das - ungestraft - in ihren Geschäftsberichten verteidigt. Da steht wirklich: „Für den Vorstand liegt die Mindestzielgröße für den Frauenanteil bei Null – diese Zielgröße soll in den nächsten fünf Jahren nicht unterschritten werden.“ Das ist abstrus. Wie können Investoren das akzeptieren? Es ist wissenschaftlich bewiesen, dass gemischte Vorstandsteams zu besseren Ergebnissen kommen, weil auch die Belegschaft und die Kunden nicht nur aus Männern bestehen. Eine homogene Perspektive hilft Unternehmen heute nicht mehr. Wenn sie nicht divers denken, sind sie auch nicht innovativ.  

Wie kommen jetzt die Frauen in die Vorstände der 80 Börsenunternehmen?  

Menne Investoren können Nachhaltigkeits- und Klimaschutzpläne einfordern und sie könnten das ebenso bei der Diversität im Vorstand tun. Man stelle sich einmal vor, ein Unternehmen würde sagen: „Der CO2-Ausstoß ist mir völlig egal und ich lasse Kinder nach seltenen Erden graben.“ Das würde sofort abgestraft. Man muss auch solche Aktien nicht kaufen.

Was hat die MeToo-Debatte über sexuelle Gewalt an Frauen bisher bewirkt?

Menne MeToo ist unendlich wichtig. Und es fällt auf, wie wenig wir von sexuell belästigten Frauen in Wirtschaft und Politik hören. Das kann gar nicht sein. Wenn es in anderen Branchen passiert, passiert es auch in Parlamenten und Unternehmen. Ich glaube, dass im Zweifelsfall noch zu viele Frauen befürchten müssen, dass ihre Karriere beendet wäre, wenn sie offen sprächen. Bisher haben sich auch in anderen Bereichen überwiegend Frauen gemeldet, die schon erfolgreich und unabhängig waren.

Welche Lehren sollten gezogen werden?

Menne Bei dummen Sprüchen von Männern müssen sich Frauen auch selber wehren. Manchmal sind solche Sprüche auch gar nicht verletzend gemeint. Aber Männer dürfen Frauen gegen ihren Willen nicht anfassen. Sie sollten sich nicht mehr darauf verlassen, dass Frauen aus Angst schweigen. Wie in allen anderen Bereichen gilt auch hier die einfache Botschaft:  „Was Du nicht willst, was man Dir tu‘, das füg´ auch keinem anderen zu“. Dies  ist einer der wesentlichen Grundsätze der Menschheit. Wenn wir uns daran hielten, wäre die Welt um einiges  besser. Es ist so banal. Ein Kontra Frauen gegen Männer darf nicht sein.

Wie sehen Sie Alice Schwarzer?

Menne Sie hat extrem viel für Frauen getan. Ich empfand sie immer als herb und ich mochte keine lila Latzhosen. Man kann aber nicht genug wertschätzen, was sie durchgekämpft hat.

Sind Sie eine Feministin?

Menne Ja.  

Was raten Sie jungen Frauen?

Menne Heute sind viele junge Leute sehr an Work-Life-Balance interessiert. Sie sind Teil der Erbengeneration, die sich über Geld weniger Gedanken machen muss, weil ihre Eltern viel erwirtschaftet haben. Ich kann nicht nachvollziehen, wenn sich Frauen voll auf ihren Partner oder die Eltern verlassen. Ich sage nur: Ruht´ euch lieber nicht drauf aus. Macht Euch nie abhängig und sorgt dafür, dass Ihr ganz alleine klar kommt. Bis Ihr 90 Jahre alt seid.

Zum Internationalen Frauentag haben wir einen Themenschwerpunkt. Hier kommen Sie zu weiteren Beiträgen.

Meinung: Das 21. Jahrhundert könnte den Frauen gehören

Pro und Kontra: Brauchen wir eine Frauenquote

Porträt: Diese Frauen stehen hinter dem Traditionsunternehmen Underberg

Gastbeitrag von Anne Gesthuysen: Ich tue mich schwer mit dem Modell Hausmann

Mehr von RP ONLINE