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Intensivmediziner Gernot Marx spricht über die Corona-Lockerungen

Intensivmediziner Gernot Marx : „Es ist noch nicht geschafft, aber die Richtung stimmt.“

Der Präsident der Deutschen Interdisziplinären Vereinigung für Intensiv- und Notfallmedizin (DIVI), Gernot Marx, spricht über die weitreichenden Lockerungen, die Lage auf den Intensivstationen und die Gefahr von Virusvarianten.

Divi-Präsident Gernot Marx verzeichnet täglich weniger Corona-Patienten auf den Intensivstationen. Dank sinkender Zahlen könne sich Deutschland nun vieles erlauben. Aber schlummernde Gefahren sieht der Intensivmediziner nach wie vor. Er spricht von einer bestimmten „Mentalität“, die es zu bewahren gelte.

Herr Marx, heute wird vielerorts weiter gelockert: Kultur, Sport, Gastronomie, Hotels – in all diesen Bereichen wird parallel geöffnet. Geht Ihnen das zu schnell?

Marx Die dritte Welle rollt sich aktuell aus, wir haben eine bundesweite Inzidenz um die 30, täglich weniger Covid-19-Patienten auf den Intensivstationen – dieser positive Verlauf rechtfertig selbstverständlich auch Lockerungen in vielen Bereichen des öffentlichen und gesellschaftlichen Lebens. Vor allem haben die schnell sinkenden Zahlen aber auch gezeigt, dass sich die Menschen in Deutschland in der großen Mehrheit weiterhin sehr diszipliniert verhalten. Nur deshalb können wir uns auch vieles erlauben. Das ist nicht selbstverständlich. Wenn man in unsere europäischen Nachbarländer schaut, kann das auch ganz anders aussehen. Diese Mentalität müssen wir uns unbedingt erhalten: Maske tragen, Abstand, Hygieneregeln, regelmäßig Testen. Das ist die Voraussetzung.

Die Bundesnotbremse läuft zum 30.6. aus und damit fällt der bundesweite Notfallmechanismus bei 100er-Inzidenz weg. Ist das sinnvoll?

Marx Wir haben ganz klar gesehen, dass die Bundesnotbremse Wirkung gezeigt hat. So kennen wir jetzt also das Instrument, dass wir nochmals einsetzen könnten, sollte es wieder in die falsche Richtung gehen. Das ist eine große Errungenschaft. Gleichzeitig ist die derzeitige Impfgeschwindigkeit sehr beeindruckend und sind viele Menschen bereit, sich impfen zu lassen. Das wird unser aller Leben verändern und damit könnten wir es absehbar aus der Pandemie schaffen. Eine gewisse Unsicherheit bleibt aber bestehen. So müssen wir natürlich bereit sein, wieder einen Schritt zurück zu gehen, wenn sich zum Beispiel durch neue Mutationen das Blatt wenden sollte.

Halten Sie es für ausgeschlossen, dass wir nochmal auf eine bundesweite Inzidenz von 100 kommen? Halten Sie eine Corona-bedingte Verschärfung der Lage in den nächsten Wochen/Monaten für ausgeschlossen?

Marx Ich hoffe, dass dem nicht so sein wird, aber ausgeschlossen ist das nicht, leider nein. Der große Unsicherheitsfaktor ist gerade die neue Mutation B.1.617.2, die noch ansteckender als die derzeit dominierende Variante B.1.1.7 sein soll. Schrittweise wird sich deshalb auch in den nächsten Wochen diese neue Mutation durchsetzen. Wenn wir also bei dieser noch ansteckenderen Variante unvorsichtig werden, können die Inzidenzen auch sehr schnell wieder hochschnellen. Wir müssen das sehr genau beobachten.

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Worauf kommt es aus Ihrer Sicht an, um gut durch den Sommer zu kommen?

Marx Entscheidend ist hier, wie schon gesagt, dass wir als Bevölkerung weiterhin diszipliniert agieren und sich viele impfen lassen. Dann wird trotz neuer Mutante auch die Inzidenz unter 100 bleiben können. Wir dürfen also unsere Erfolge nicht leichtfertig verspielen. Und das ist die Voraussetzung, um gut durch den Sommer zu kommen!

Was wäre denn das Problem, bei niedriger Inzidenz sorgloser unterwegs zu sein?

Marx Wenn viele Menschen unvorsichtig werden, könnten sich im Herbst wieder mehr Infektionen ereignen, vor allem, wenn die Mutation B.1.617.2 die bereits dominante Virus-Variante ist. Dann ist eine vierte Welle möglich. Das Risiko dafür, dass es erneut viele Schwerkranke und Todesfälle geben könnte, besteht also weiterhin. Die Intensivmedizin ist auf dieses Szenario aber vorbereitet. Wie in der zweiten und dritten Welle können wieder kurzfristig Kapazitäten freigemacht werden.

Wie ist denn die Lage derzeit auf den Intensivstationen?

Marx Die Intensivbetten sind deshalb auch weiterhin konstant ausgelastet, da derzeit die zahlreichen Operationen nachgeholt werden, die wir im Winter und Frühjahr verschieben mussten. Da schieben wir in der Intensivmedizin unsere eigene Welle noch vor uns her. Aber wir haben deutlich weniger COVID-19-Patienten zu betreuen und darüber sind wir alle sehr froh und unglaublich erleichtert. Mit derzeit rund 2.000 Corona-Patienten auf den Intensivstationen sind wir gerade auf dem Niveau, dass wir zuletzt Anfang November 2020 hatten. Es ist noch nicht geschafft, aber es geht in die richtige Richtung. Und auch den Mitarbeitern auf den Stationen ist anzumerken, dass sie erleichtert sind, weniger Covid-19-Patienten betreuen zu müssen.