Imamausbildung in Deutschland: Das Kreuz mit den Imamen

Imamausbildung in Deutschland : Das Kreuz mit den Imamen

Nur ein Bruchteil der 2500 Männer und Frauen, die derzeit Islamische Theologie studieren, wird Imam. Das ist ein Problem, wenn sich die Religion hierzulande unabhängig von ausländischen Regierungen machen will.

Es ist verzwickt. Deutschland will, Deutschland braucht eigene Imame. Doch so richtig kommt das Vorhaben nicht in die Gänge. Dass aus dem Wollen kein Haben wird, hat unterschiedliche Gründe – nicht zuletzt die Frage der Finanzierung.

Gut 2500 Frauen und Männer studieren an sieben Hochschulzentren Islamische Theologie – neben Münster und Paderborn auch Tübingen, Frankfurt, Osnabrück, Erlangen-Nürnberg und Berlin. Wenn allein die Hälfte von ihnen Imam wird, ist das Problem doch gelöst, könnte man meinen. Leider nicht.

Die meisten Absolventen dieser Studiengänge werden nach Angaben des Bundesforschungsministeriums Religionslehrer, andere übernehmen Jobs in der Sozialen Arbeit. „Nur die wenigsten werden hauptamtliche Imame“, sagt ein Ministeriumssprecher. So wichtig gut ausgebildete Kenner des Islams an Schulen und in sozialen Berufen sind, dass kaum einer Imam wird, ist ein Problem.

Denn darüber, dass aus dem Ausland gesandte und vor allem von ausländischen Regierungen finanzierte Imame auf Dauer nicht hinnehmbar sind, herrscht gesellschaftlich und parteiübergreifend Konsens – übrigens auch innerhalb der muslimischen Gemeinden. In deutschen Moscheen sollten in Deutschland ausgebildete, in der hiesigen Gesellschaft sozialisierte und die Lebensrealität der in Deutschland lebenden Muslime kennende Imame predigen. Der Vorbeter muss ein Gefühl dafür haben, welche Themen seine Gemeinde betreffen, besorgen und umtreiben. Und das sind eben nicht – etwa in einer türkischen Moscheegemeinde – Themen, die sich ausschließlich um Erdogan, die Kurden-Frage und Gülen-Anhänger drehen. Themen, die deutsche Muslime betreffen, sind ein erstarkender Rechtspopulismus; der gemeinsame Kampf mit anderen Minderheiten gegen Diskriminierung von außen und in den eigenen Reihen; und auch die Frage, wie man sich selbst und seinen Glauben vermittelt an Bürgermeister, Kreis- und Landtag. Diese Fragen werden das künftige Zusammenleben von Muslimen, Christen und Juden, Nicht- und Andersdenkenden in Deutschland prägen. Und in allererster Linie darf ein Imam nicht politisch und als verlängerter Arm einer ausländischen Regierung arbeiten.

Warum also, werden nur die wenigsten der Absolventen Imam? Die überwältigende Mehrheit der Studenten ist weiblich. Gut zwei Drittel der Absolventen eröffnet sich der Beruf des Imams schon deshalb nicht, weil die meisten Gemeinden männliche Imame wollen. Eine weitere erhebliche Selektion findet bei der Immatrikulation statt: Zwei Drittel der Studenten entscheiden sich für die Islamische Theologie im Rahmen eines Lehramtsstudiums – nur ein Drittel studiert tatsächlich Vollzeit-Theologie. Der Beruf des Imams wird also beim Einschreiben für das Studienfach gar nicht avisiert.

Und das hat sehr weltliche Gründe: berufliche Perspektiven, offene Stellen, Gehalt. Denn auch mithilfe der Theologischen Zentren an den Universitäten findet nur die eine Hälfte der Imamausbildung in Deutschland statt: die theoretische. Die Hochschulen lehren zwar die islamische Theologie, doch für ein religiöses Amt bilden sie nicht aus – sollen sie ja auch gar nicht. Die theologischen Kompetenzen sind also gegeben, doch praktische Kernfragen wie Predigtlehre, Seelsorge und Beratungsgespräche gehören ebenso zum Portfolio des Imams. Dem Studium muss sich ein praktisches Ausbildungsjahr in einer Moscheegemeinde anschließen, doch die Struktur dafür fehlt.

Selbst wer sich nach dem Studium eigenständig ein Praktikum bei einem hier tätigen Imam organisiert, steht danach vor der Frage: und jetzt? Denn die Perspektiven sind schlecht. Die Moscheen des mit Abstand größten Dachverbands Ditib bekommen ihre Imame aus der Türkei. Diese Gemeinden sind also (noch) keine Anlaufstelle. Und den anderen, großen wie kleinen Verbänden fehlen die Ressourcen, die Absolventen so zu bezahlen, dass es sich für sie lohnt. Verbände, die zwischen 1000 und 1300 Euro Gehalt im Monat zahlen und eine Unterkunft stellen, gehören noch zu den Besserbezahlern – nicht gerade attraktiv für einen bestens ausgebildete Absolventen der Westfälische Wilhelms-Universität Münster oder Goethe-Universität Frankfurt.

Diese Gemengelage ist es, die die muslimischen Gemeinden derzeit vor eine gewaltige Herausforderung stellt. Insofern ist es ein Wendepunkt, vor dem die Verbände stehen und der in seiner Konsequenz nichts weniger bedeutet als einen Paradigmenwechsel. Denn die Religionsgemeinschaften sind es, die über ihr Personal entscheiden. Sie müssen sich unabhängig machen von den Herkunftsländern ihrer Gemeindemitglieder – strukturell, nicht emotional –, sodass ein neuer deutscher Islam mit marokkanischen, bosnischen, türkischen, alevitischen, sunnitischen, schiitischen und all den facettenreichen Wurzeln, die es da gibt, entstehen kann. Diese Minderheiten sind aus damals noch fernen Ländern hergekommen, um in Deutschland zu arbeiten. Manche sind hierher geflohen. Verständlich, dass sie sich, um ihre Religion weiter auszuüben, Hilfe aus ihren Herkunftsländern holten. Diese Verbindungen müssen sie nicht kappen. Doch organisatorisch und strukturell müssen sie sich emanzipieren, um etwas Eigenes zu schaffen.

Dieser Transformationsprozess hat schon längst begonnen. Doch weil er die einzelnen Gemeinden völlig auf den Kopf stellen muss, wird dieser Prozess dauern – auch weil die Frage nach der Finanzierung drängt: Mitgliedsbeiträge? Moscheensteuer? So oder so wird dieser gewaltige Umbau Unterstützung benötigen, denn er liegt im gemeinsamen Interesse der Politiker, Kommunen und religiösen Gemeinden.

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