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15 Jahre nach der Botschaftsbesetzung in Prag: "Ich bin heute gekommen, um ihnen mitzuteilen, dass Ihre Ausreise ..."

15 Jahre nach der Botschaftsbesetzung in Prag : "Ich bin heute gekommen, um ihnen mitzuteilen, dass Ihre Ausreise ..."

Düsseldorf (rpo). Ein nie ganz ausgesprochener Satz ist in die Geschichtsbücher eingegangen: "Ich bin heute gekommen, um ihnen mitzuteilen, dass Ihre Ausreise ...". Jubel bricht los. Wochenlang hatten die Flüchtlinge aus der DDR in der Prager Botschaft ausgeharrt. Mehr wollen sie jetzt gar nicht wissen. Sie wollen weg, in die Freiheit.

Am 30. September 1989 reist der damalige Bundesaußenminister Hans-Dietrich Genscher (FDP) nach Prag. Sein Ziel ist die Bonner Botschaft, das Palais Lobkowicz. Etwa 4.000 DDR-Flüchtlinge warten dort seit Wochen. Mit der Besetzung der Botschaft wollen sie ihre Ausreise in die BRD erzwingen. Darauf warten, dass etwas passiert, das haben sie ihr ganzes Leben lang gemacht. Zehn Jahre auf ein Telefon, zwölf auf einen Trabi. Auch auf dem Weg in die Freiheit müssen sich die DDR-Bürger anstellen.

Seitdem die Ersten im Juli 1989 die diplomatische Vertretung der BRD in Prag aufgesucht haben, sind es immer mehr geworden. Nach wenigen Wochen ist die Botschaft wegen Überfüllung geschlossen. Auf den Treppenstufen, im Garten — überall liegen Menschen in ihren Schlafsäcken. Sie haben nur das Wenige dabei, das sie auf ihrem Weg in den Westen brauchen.

Ausreiseerlaubnis für Flüchtlinge in Prag und Warschau

Schließlich hat sich das Warten gelohnt. Bundesaußenminister Genscher spricht vom Balkon der Botschaft zu den Flüchtlingen und übermittelt ihnen ihre Ausreiseerlaubnis. Er konnte in Verhandlungen am Rande der UN-Vollversammlung in New York mit dem DDR-Amtskollegen Oskar Fischer die Ausreise aller Flüchtlinge in Prag und Warschau erreichen.

In Sonderzügen sollen sie in den nächsten Tagen die Reise in die Freiheit antreten. Verunsicherung löst die Nachricht aus, dass die Reise über DDR-Territorium führt. Wird man die Grenze nach Westen wirklich passieren können?

Unruhen an ostdeutschen Bahnhöfen

Als die Züge das Hoheitsgebiet der DDR überqueren, kommt es zu dramatischen Szenen. DDR-Bürger versuchen auf die Flüchtlingszüge zu springen, Unruhen brechen los. Tausende Menschen winken dem Zug in die Freiheit hinterher, hoffen und warten. Die Menschen im Zug hoffen auch, auf eine bessere Zukunft im Westen. DDR-Bürger sind sie nicht mehr und in der BRD, im neuen Leben, sind sie noch nicht angekommen. Für den Moment sind sie Staatenlose, irgendwo dazwischen.

Während das Ereignis vom Westen als Anfang vom Ende des Eisernen Vorhangs verstanden wird, erklärt es die SED-Führung anders. Unhaltbare humanitäre Zuständen in den Botschaften seien der Grund für die Ausreiseerlaubnis gewesen. Inoffiziell geht es der SED vor allem darum, die instabile Lage zu entschärfen, schließlich will man wenig später in aller Ruhe den 40. Jahrestag der DDR feiern.

SED feiert DDR-Jahrestag und ignoriert die Realität

Am 6. Oktober 1989 herrscht Feststimmung in Ostberlin, wenigstens offiziell. Honecker hält eine Festrede, so wie immer. Den Wandel in den Ostblockländern, der sich bereits im Mai abzeichnete, als Ungarn den Grenzzaun nach Österreich abbaute, ignoriert die DDR-Führung. Auch die Entwicklungen im eigenen Land werden überspielt.

Keine Rede von den Flüchtlingszügen oder dem Protest gegen die manipulierte Kommunalwahl vom 7. Mai 1989, der so stark gewesen war wie nie zuvor. Seit Anfang September gehen die Menschen jeden Montag für Reise- und Versammlungsfreiheit auf die Straße. Am 2. Oktober ist die Teilnehmerzahl der Montagsdemonstration bereits auf etwa 20.000 angewachsen. All das bleibt vom SED-Generalsekretär unangesprochen.

Den Westen überholen ohne einzuholen

Den kapitalistischen Westen überholen ohne einzuholen, das war der Plan. Schon wenig später ist es allerdings die SED-Führung, die von der Realität eingeholt wird. Die schwache Wirtschaft kann die Versorgungslücken und den Mangel in der DDR nicht beheben.

Die Unterschiede zum Lebensstandard im Westen sind fatal und bleiben auch der Bevölkerung nicht verborgen. Am 17. Oktober 1989 tritt Erich Honecker zurück. Der Fall der Mauer am 9. November 1989 ist nicht mehr aufzuhalten.