Kanzler auf Instagram Olaf Scholz spricht Klartext – zumindest fast

Meinung | Berlin · Lieber Hund oder Katze? Lieber HSV oder St. Pauli? Wie Bundeskanzler Olaf Scholz sich auf Instagram irgendwie um klare Antworten bemüht.

Olaf Scholz - Finanzminister, Vizekanzler, hanseatisch kühler Analyst
28 Bilder

Das ist Olaf Scholz

28 Bilder
Foto: dpa/Kay Nietfeld

Seit seinem jüngsten Instagram-Video sehe ich Bundeskanzler Olaf Scholz mit ganz anderen Augen. Also fast mit anderen Augen. Aber vielleicht sollte ich meine Eindrücke ganz anders beginnen. Oder ich sollte gar nicht Ich sagen, obwohl ich doch Ich meine?

Wie auch immer (oder auch nicht immer, sondern bestenfalls manchmal): Es geht um Entscheidungen, irgendwie um klare Worte und ganze Antworten, also darum, Tacheles zu reden, wie man so schön (doch vermutlich schlimm kulturaneignend) sagt. Und das kam so: Viele Bürger (und auch Bürgerinnen) haben den Kanzler zu ganz verschiedenen Dingen um Auskunft gebeten. Zu seinem Lieblingsverein etwa: HSV oder St. Pauli? Zum Lieblingsfilm? Zu Hund oder Katze? Worauf der Kanzler unbeschlipst vor eine Kamera trat, sich beherzt ein I-Pad schnappte, die Fragen von dort ablas und seine Antworten direkt in die Kamera sprach. Dazu gab es die entsprechende und irgendwie auch passende Mimik.

Augenzwinkernd also zur heiklen Fußballfrage: „Ich habe immer beiden Clubs die Daumen gedrückt (kurze Pause) Und tue es auch immer noch.“ Zu seinem Lieblingsfilm: “Gibt`s nicht. Ich gucke immer gerne mal neue Filme – und dann sind die gerade der Lieblingsfilm.“ Hunde- oder Katzenmensch? „Ich bin vor allem Mensch; aber ich (nun ansatzweise schmunzelnd) hatte gern einen Kater als Kind.“ 1,9 Millionen Follower dürften sich jetzt zufrieden zurücklehnen und denken: Siehste mal, der Scholz.

Ich aber nicht. Weil die Sätze ja doch mehr sind als bloß die Befriedigung bürgerlicher Neugier, spiegeln doch die wohlüberlegten Kanzler-Antworten nichts anderes als die Zerrissenheit des modernen Menschen, der – wie wir beim Alltagsphilosophen Wilhelm Schmid lernen durften – schon im Supermarkt vor der Wahl aus fünf Joghurtsorten zum Scheitern verdammt ist. Weil hinter der Joghurtwahl ein ganzes Bündel weiterer Fragen stünde, etwa zur Ernährung und zur Ökologie.

Und da wird der Kanzler gleich mit Monsterfragen konfrontiert! Unlösbar. Schon hinter der Entscheidung zwischen HSV und St. Pauli schlummert ein philosophisches Dilemma, das der gute, schon 1855 gestorbene Denker Sören Kierkegaard auf diese entmutigende Weise beschrieb: „Verheirate dich, du wirst es bereuen; verheirate dich nicht, du wirst es bereuen. Hänge dich auf, du wirst es bereuen, hänge dich nicht auf, beides wird dich gereuen.“ Im Grunde hat Kierkegaard damit die dezisionistische Hund-Katzen-Mensch-Problematik vorweggenommen. Und wie lässig pariert Scholz auch diesen Fallstrick. Ein Mensch sei er vor allem (breite Zustimmung voraussetzend), gefolgt von dem eleganten Schlenker in unreife Kinderzeiten, in denen die Wahl fürs eigene Haustier in die Hände der Entscheidungsberechtigten delegiert wurde.

Was also tun? Mensch-sein vor allem, was philosophisch ohnehin einen Berg von Fragen aufwirft. HSV oder St. Pauli? Hamburger sein auf jeden Fall, und damit die eigenen Wurzeln bedenkend. Lieblingsfilm? Neue Filme besonders, also der Gegenwart zugewandt sein.

 Um klare Antworten bemüht: Bundeskanzler Olaf Scholz.

Um klare Antworten bemüht: Bundeskanzler Olaf Scholz.

Foto: dpa/Britta Pedersen

Wir müssen uns nach den existenzphilosophischen Antworten Bundeskanzler Olaf Scholz in postmodernen Zeiten als einen glücklichen Menschen vorstellen. Oder vielleicht auch nicht. Jedenfalls: schwer zu sagen. Irgendwie.

Meistgelesen
Neueste Artikel
Zum Thema
Aus dem Ressort