Horst Seehofer will selbst twittern

Kommentar : Der Trump in Horst Seehofer

CSU-Chef und Innenminister Horst Seehofer fühlt sich von den Medien ungerecht behandelt und will künftig selbst twittern, um „manche Wahrheiten“ verbreiten zu können. Dabei leistet er sich einen erheblichen Fehltritt.

Die „Fake News“-Schmähkampagne des US-Präsidenten gegen Medien wie CNN, die New York Times oder die Washington Post zeigt gefährliche Wirkung in den USA. Journalisten werden wüst beschimpft und beleidigt. Prominente Reporter sind besorgt, dass irgendwann Kollegen gar verletzt werden könnten. Donald Trump hat es geschafft, seine Anhängerschaft gegen die Medien aufzuwiegeln, ihnen einzuhämmern, dass Journalisten „Feinde des Volkes“ seien. Soweit ist es in Deutschland noch nicht, auch wenn Rechtspopulisten unentwegt Attacken gegen Medien reiten. Doch nun zeigte auch CSU-Chef Horst Seehofer, der als Bundesinnenminister qua Amt Wächter über Grundrechte wie die Pressefreiheit ist, wahrhaft trumpsche Züge. Bei einem Wahlkampfauftritt im Bierzelt kündigte er an, ab Ende August selbst twittern zu wollen – und begründete das mit einer angeblichen Medienkampagne gegen sich. „Ich sehe mich jetzt gezwungen, weil manche Wahrheiten ich sonst nicht unter eine breitere Bevölkerung bekomme“, sagte Seehofer wohl mit Blick auf die überwiegend kritische Berichterstattung über seine Migrationspolitik. Doch damit suggerierte der Innenminister fälschlicherweise nicht nur, dass es in der deutschen Presselandschaft kein pluralistisches Meinungsbild mehr geben würde. Er torpedierte damit auch das Vertrauen der Bürger in die Arbeit von Redakteuren. Nicht falsch verstehen: Jeder Politiker darf twittern und seine eigenen Botschaften selbst senden. Aber der Vorwurf des Kampagnenjournalismus gepaart mit dem Wort „Wahrheiten“, die aus Sicht Seehofers nicht transportiert würden, wiegt schwer. Da half es auch nichts, als er noch einschränkte, er werde Twitter zwar nutzen, aber vielleicht „in einem anderen Stil“ als Trump.

(jd)
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