1. Politik
  2. Deutschland

Homosexualität in der Bundeswehr: Entschädigung für schwule Soldaten

Studie zur Homosexualität in der Bundeswehr : Entschädigung für schwule Soldaten

Die Geschichte der Diskriminierung in der Bundeswehr wird aufgearbeitet. Verteidigungsministerin Annegret Kramp-Karrenbauer hat jetzt Eckpunkte eines Gesetzes vorgelegt, mit dem sie wegen Homosexualität unehrenhaft entlassene Soldaten rehabilitieren und jeweils eine pauschale Entschädigung zahlen will.

Dierk Koch musste es loswerden. Er ging mit seinem Vater in den Garten, damit die Mutter es nicht hören konnte. Der Vater war Kapitänleutnant im Zweiten Weltkrieg gewesen, ein Soldat der alten Schule. Und nun sagte ihm der eigene Sohn: „Ich bin unehrenhaft und degradiert aus der Bundeswehr entlassen worden.“ Offizier Koch hatte sich mit einem Kameraden sexuell eingelassen, einvernehmlich. Homosexualität war damals, 1964, noch eine Straftat. Kochs Vater gab ihm einen Klaps auf den Hinterkopf und sagte: „Wir müssen jetzt einen neuen Job für dich finden. Der Mutti müssen wir das nicht sagen.“

Koch ist einer der Zeitzeugen für die Studie „Tabu und Toleranz – der Umgang der Bundeswehr mit Homosexualität von 1955 bis zur Jahrtausendwende“. Der Autor, Oberstleutnant Klaus Storkmann, befragte dafür mehr als 60 Personen – Soldaten, aber auch ehemalige Entscheider sowie Mitarbeiter des Militärischen Abschirmdienstes.

Das Bild sei deutlich, sagt Storkmann: Seien Soldaten wegen homosexueller Handlungen nach Paragraf 175 des Strafgesetzbuches verurteilt worden, sei auf das Strafurteil regelmäßig eine Verurteilung durch Truppendienstgerichte gefolgt. Der heutige Bundeswehr-Generalinspekteur Eberhard Zorn erinnert in Anspielung auf den Paragrafen 175: „Kein Bataillon wollte bei uns die Nummer 175 haben.“ Erst 1994 wurde der Paragraf 175 aus dem Strafgesetzbuch gestrichen.

Sven Bäring ist der Vorsitzende von „QueerBw“, der Interessenvertretung Homosexueller, Bisexueller, Transsexueller und Intergeschlechtlicher in der Bundeswehr mit rund 290 Mitgliedern. Er machte am eigenen Leib die Erfahrung, wie mit Schwulen oder Lesben umgegangen wird. Ein Spieß habe ihm, Bäring, keine Unterkunft geben wollen. Dem Kameraden auf der Stube habe er Bärings Ankunft schließlich so angekündigt: „Ich habe gleich zwei schlechte Nachrichten für dich: Du bekommst einen Stubennachbarn. Und schwul ist er auch noch.“

Offizier Bäring hat als Schwuler bei den Streitkräften die Erfahrung gemacht: „Wenn mich in der Bundeswehr etwas stört, muss ich etwas ändern.“ Homosexuelle Soldaten hätten viel zu lange unter permanentem Druck gelebt. Storkmann spricht gar von einer Persönlichkeitsveränderung bis hin zur „psychischen Selbstverstümmelung“.

Verteidigungsministerin Annegret Kramp-Karrenbauer (CDU) erinnert daran, dass homosexuelle Soldaten ein Leben in „Anpassung, Angst und Demütigung“ gelebt hätten und einen Karriereknick bis hin zur Entlassung hätten befürchten müssen. Sie durften weder Berufssoldaten noch Vorgesetzte werden.

Kramp-Karrenbauer hat jetzt Eckpunkte eines Gesetzes vorgelegt, mit dem sie wegen Homosexualität unehrenhaft entlassene Soldaten rehabilitieren, alte Truppendiensturteile aufheben und jeweils eine pauschale Entschädigung zahlen will. Ihre Botschaft an alle homosexuellen Soldatinnen und Soldaten wie an die gesamte Truppe ist unmissverständlich: „Die Haltung der Bundeswehr zur Homosexualität war falsch. Sie war damals schon falsch und hinkte der Gesellschaft hinterher, und sie ist es aus heutiger Sicht umso mehr.“