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Homo-Ehe: Union offen für Debatte

Analyse : Union offen für Debatte um Homo-Ehe

Die Einstellung der Gesellschaft zur Homo-Ehe ändert sich. Deshalb wollen die Christdemokraten ihre Haltung überprüfen. Die Kirchen in Deutschland halten sich zurück. Die Aussage aus dem Vatikan, der das irische Votum als "Niederlage für die Menschheit" bezeichnete, macht der Kirche in Deutschland schwer zu schaffen.

Das katholische Irland hat mit seiner Entscheidung für die Homo-Ehe eine Debatte in Deutschland in Gang gesetzt, die so schnell und klar nicht zu erwarten war. Seit der Entscheidung in Irland finden sich in der Union nur noch wenige Stimmen, die sich eindeutig dafür aussprechen, dass die Ehe Mann und Frau vorbehalten sein sollte. Unionsfraktionschef Volker Kauder erklärte: "Für mich ist die Ehe im Sinne des Grundgesetzes die Verbindung von Mann und Frau." Gesundheitsminister Hermann Gröhe lehnte in der Sendung "Lanz" eine Öffnung der Ehe ab. Es gibt wohl noch viele in der Union, die so denken, aber sich nicht offen äußern wollen, da sie den Wind des Wandels wahrnehmen.

In den vergangenen Tagen war es auch Unionsfraktions-Vize Thomas Strobl gewesen, der die Position einnahm, dass die Ehe eine Verbindung nur von Mann und Frau sein sollte. Dabei berief er sich auf den Koalitionsvertrag, der eine weitere Angleichung der Lebenspartnerschaft von Schwulen und Lesben an die Ehe vorsieht, aber eben keine Gleichstellung und auch kein Adoptionsrecht. Ein entsprechendes Gesetz wurde am Mittwoch vom Bundeskabinett durchgewunken.

Nun vollzieht auch Strobl einen Schwenk: Er fordert eine Debatte in der Union über die Frage, was Ehe und Familie im 21. Jahrhundert bedeuten. "Wir sollten einen offenen Blick auf gesellschaftliche Entwicklungen werfen. Es entgeht uns in der Union nicht, was in unserem Land und um uns herum in Europa passiert", sagte Strobl mit Blick auf die Entscheidung der Iren. "Das ist eine große Herausforderung, der wir uns als Partei stellen, für die Ehe und Familie seit jeher eine ganz besondere Bedeutung hat." Strobl betonte zugleich, dass eine solche Diskussion schwierig sei. "Als große Volkspartei haben wir aber den Vorteil, dass wir eine solche Debatte um die Fortentwicklung zentraler Institutionen unseres Zusammenlebens innerhalb der Partei führen können, weil es dort verschiedene Haltungen gibt."

Während die Befürworter einer Gleichsetzung von Ehe und Partnerschaft in diesen Tagen laut und vernehmbar sind, verhalten sich die Gegner merkwürdig still - nicht nur in der Union, auch in der deutschen katholischen Kirche. Eindeutig ist nur der Vatikan - Kardinal-Staatssekretär Pietro Parolin hat das irische Votum donnernd verurteilt: "Ich glaube, man kann nicht nur von einer Niederlage der christlichen Prinzipien, sondern von einer Niederlage für die Menschheit sprechen", sagte er in Rom.

Die Generalvikar Klaus Pfeffer (Essen) tadelte die Äußerung des Vatikans als unangemessen. Andere offizielle Kirchenvertreter in Deutschland gaben keinen Kommentar ab: Unsere Redaktion hatte dazu fünf Bischöfe angefragt und fünf Absagen erhalten. Sie wollten auch nicht Stellung dazu nehmen, wie es hierzulande angesichts der Debatte um gleichgeschlechtliche Lebenspartnerschaften um das Sakrament der Ehe steht.

Die Lage für die katholische Kirche in Deutschland zu Fragen von Ehe und Familie ist heikel. Erst kürzlich prallten die Laien und die offiziellen Vertreter der Kirche aufeinander. Das Zentralkomitee der deutschen Katholiken (ZdK) hatte ein Ritual der Segnung für homosexuelle Paare angeregt und damit nicht nur die vermeintlich Konservativen erregt. Das ZdK-Papier befürwortete zwar keine Gleichsetzung mit der Ehe, geschweige denn eine Debatte über das Ehe-Sakrament. Dennoch folgte die bischöfliche Zurechtweisung umgehend: Die Forderungen des ZdK sei "theologisch so nicht akzeptabel", erklärte der Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz, Kardinal Reinhard Marx. Die Forderung nach einer Segnung gleichgeschlechtlicher Partnerschaften widerspreche der Lehre und Tradition der Kirche und "bedürfe einer weiteren theologischen Klärung und nicht vorschneller, plakativer Forderungen".

Diese Zurechtweisung veranlasste ZdK-Präsident Alois Glück jetzt zu der Feststellung, die Ehe zwischen Mann und Frau mit Blick auf die Kinder als Zukunft der Gesellschaft habe eine besondere Bedeutung.

Das pointierte Statement von Kardinal-Staatssekretär Parolin zum Votum der Iren für die Homo-Ehe wirkte am Mittwoch wie ein Machtwort tief in die katholische Kirche hinein. Viele glaubten schon, dies sei der Schlussstrich unter der Debatte. Doch die Rhetorik von der Niederlage für die Menschheit diente dem 60-jährigen Kurienkardinal auch zur Mahnung zu einem Aufbruch. Zwar sei er sehr traurig über das Ergebnis aus Irland; auch müsse sich die Kirche dieser Realität stellen - doch "muss sie es in dem Sinn tun, dass sie erneute Anstrengungen unternimmt, auch die Kultur von heute zu evangelisieren", so Parolin.

Trotz des deutlichen Signals aus Rom wird das Thema der gleichgeschlechtlichen Paare die deutschen Katholiken weiter beschäftigen. Kardinal Walter Kasper erklärte, dass der Umgang mit gleichgeschlechtlichen Paaren jetzt zum zentralen Thema der Bischofssynode im kommenden Oktober werde. Er sendete ein liberales Signal: "Wir müssen die Diskriminierung überwinden, die in unserer Kultur eine lange Tradition hat." Seine überschaubare Hoffnung: "Wir müssen eine neue Sprache finden." Doch eine Gleichstellung homosexueller Paare mit Ehepaaren ist bei aller vorsichtigen Öffnung auch nach seinen Worten mit der christlichen Identität der Ehe unvereinbar.

Es ist vor allem die mit Spannung erwartete Fortsetzung der Familiensynode, die innerkirchlich noch größere Vorsicht bei Aussagen über Ehe und Familie walten lässt als bisher. Im Vorfeld werden Positionen abgesteckt und Allianzen gesucht. Es ist eine Zeit der Sondierung und des Abtastens, in der das Votum aus Irland wie ein Störfeuer wirkt.

Hier geht es zur Bilderstrecke: Homo-Ehe: CDU-Abgeordneter Stefan Kaufmann lässt seine Partnerschaft segnen

(qua)