Holocaust-Gedenktag 2017: Das Gedenken als Staatsräson

Holocaust-Gedenktag : Das Gedenken als Staatsräson

Am Freitag erinnert die Bundesrepublik an die Opfer des Nationalsozialismus – der Holocaust ist der neuralgische Punkt unser Staatsidentität. Diese Identität aber steht infrage wie noch nie.

Am Freitag erinnert die Bundesrepublik an die Opfer des Nationalsozialismus — der Holocaust ist der neuralgische Punkt unser Staatsidentität. Diese Identität aber steht infrage wie noch nie.

Ein junger Mann kniet auf dem Boden. Er jongliert mit sechs Bällen, während hinter ihm Soldaten ein Massengrab zuschaufeln. Die nackten Leichen liegen gestapelt in einem Graben, mehrere Soldaten arbeiten, einer gibt Anweisungen. Und vor ihnen: der konzentrierte Jongleur in Pluderhose.

Das ist zweifellos eine obszöne Szene. Das Bild verstört. Das soll es auch. Es ist eine Montage, die bis gestern auf der Website www.yolocaust.de zu finden war. Dort hatte der israelische Autor und Satiriker Shahak Shapira Fotos aus den Vernichtungslagern und von den Mordplätzen der Nationalsozialisten mit solchen von Touristen am Holocaust-Mahnmal in Berlin zusammengeschnitten - um die deutsche Erinnerungskultur zu hinterfragen, wie er selbst sagt. "Yolocaust" ist ein Kunstwort aus dem jugendsprachlichen "Yolo" für "You Only Live Once" ("Man lebt nur einmal") und "Holocaust". Der Begriff ist nicht neu; unter dem Hashtag sind beim Bilderdienst Instagram mehr als 6000 Fotos zu finden.

Acht Tage lang stand Yolocaust.de online. Shapira, der seit vielen Jahren in Berlin lebt, machte seine Seite am 18. Januar zugänglich - als in Deutschland über die Brandrede des AfD-Politikers Björn Höcke diskutiert wurde. Höcke hatte gesagt, die Deutschen seien "das einzige Volk der Welt, das sich ein Denkmal der Schande in das Herz seiner Hauptstadt gepflanzt hat". Und Shapiras Projekt schlug ein. Über zweieinhalb Millionen Menschen haben sich die Seite angesehen, zeitweise brach sie wegen des Ansturms zusammen.

Die Bilder sind verschwunden

Auf den ersten Blick waren dort nur die Touristenfotos zu sehen, inklusive der Anzahl der "Gefällt mir"-Daumen (beim Jongleur sind es 542, unter der Beschreibung "Was für ein unglaublicher Ort"). Erst wenn man mit der Maus darüberfuhr, wurde die Montage sichtbar. Dann erschien etwa ein lächelndes Paar vor ausgemergelten KZ-Häftlingen. Oder eine junge Frau, sich rekelnd vor einem Berg Schuhe, die offenbar Menschen vor deren Gang in die Gaskammer abgenommen worden waren.

Am Donnerstag einen Tag vor dem Gedenktag der Bundesrepublik für die Opfer des Nationalsozialismus, verschwanden die Bilder. Stattdessen war eine Stellungnahme Shapiras zu lesen: Alle Abgebildeten hätten das Angebot genutzt, ihre Fotos entfernen zu lassen. Zudem sind Reaktionen aus aller Welt zu lesen, teils lobend, teils beleidigend. Shapiras letzter Absatz gehört einem der Abgebildeten, der sich für seine Respektlosigkeit entschuldigt.

Wozu die Aufregung, mag man fragen. All die Selfie-Akrobaten haben doch nur - die meisten sicher, ohne ihn zu kennen - Gerhard Schröder beim Wort genommen. Das Mahnmal müsse ein Ort sein, "an den man gerne geht", hatte Schröder 2005 gesagt. Was Besucherzahlen und Stimmung angeht, hat sich Schröders Wunsch erfüllt. Politisch ist er absurd. Gern kann man am Holocaust-Mahnmal nur sein, wenn man sich gern schlecht fühlt - oder wenn man den Zweck des Orts ausblendet und das Stelenfeld zum Abenteuerspielplatz erklärt. Das ist bestenfalls gedankenlos, und Yolocaust.de hat uns das schmerzlich vor Augen geführt.

Das Holocaust-Mahnmal, offiziell "Denkmal für die ermordeten Juden Europas", ist notwendigerweise ein neuralgischer Punkt, ein Schmerzherd. Denn der Holocaust ist Kern des Selbstverständnisses der Bundesrepublik; das Gedenken daran ist ihre Staatsräson. Daher ist es nur folgerichtig, dass das Mahnmal so zentral in der Hauptstadt liegt, direkt am Brandenburger Tor. "Wir wollen Lehren ziehen, die auch künftigen Generationen Orientierung sind" - so begründete Bundespräsident Roman Herzog 1996, dass er den 27. Januar, den Tag der Befreiung des Vernichtungslagers Auschwitz, als Gedenktag proklamiert hatte. Ohne Auschwitz gebe es keine deutsche Identität, fügte sein Nachfolger Joachim Gauck 2015 hinzu.

Man kann nicht sagen, dass das Volk davon überzeugt wäre. Seit Jahrzehnten stellen Demoskopen bei einer Mehrheit den Wunsch fest, einen Schlussstrich zu ziehen; die Zustimmung zu der entsprechenden Frage schwankt etwa zwischen der Hälfte und zwei Dritteln.

"Nie wieder!"

Das "Nie wieder!" führt die Bundesrepublik wie ein unsichtbares Motto. Und dennoch steht im Jahr 2017 dieses Motto so sehr infrage wie noch nie seit ihrer Gründung. Das liegt nicht daran, dass der Anteil der Schlussstrich-Befürworter plötzlich gewachsen wäre. Zwei andere Phänomene haben alles verändert. Ein seit Langem absehbares: Die Generation der Zeitzeugen verschwindet. Und ein neuartiges, unerhörtes: Es gibt erstmals eine politisch bedeutsame Partei, nämlich die AfD, die den Konsens offen anzweifelt, dass das Selbstverständnis dieses Staates aus dem Gedenken an deutsche Schuld erwächst.

Höcke forderte eine "erinnerungspolitische Wende um 180 Grad". Und dann war da eben noch das "Denkmal der Schande". Das ist keineswegs offenes NS-Gedankengut, wenn es auch von Höcke nicht weit ist zum neonazistischen Schlagwort des "Schuldkults". Aber es ist eindeutig zweideutig - gedenken wir der Schande? Oder ist das Denkmal eine Schande? Die AfD hat den fortgesetzten Grenzgang, die historische Doppeldeutigkeit zum Prinzip erhoben. Sie hat das sogar in ein Strategiepapier geschrieben, über das diese Woche die "Frankfurter Allgemeine" berichtete. Höckes Rede war die gewohnte Kriegserklärung an das angebliche Kartell der "Altparteien", nun eben auch auf dem Feld der Geschichtspolitik.

"Historisches Fundament"

Ja, "Spiegel"-Herausgeber Rudolf Augstein ("dieses Schandmal") und Schriftsteller Martin Walser ("Dauerpräsentation unserer Schande") haben ganz ähnliche Worte verwendet wie nun Höcke. Was folgte, war zum Beispiel bei Walser allerdings eher ein öffentliches intellektuelles Fachgespräch als eine politische Debatte, die die Massen anrührt. Seit die AfD am Konsens rührt, ist das anders. Die Partei will mit dem historischen Tabubruch populär werden, und sie droht den historischen Tabubruch damit populär zu machen.

Die Bundesrepublik wird ihr historisches Fundament in den nächsten Jahren und Jahrzehnten überarbeiten müssen. Gedenkstätten wie das Holocaust-Mahnmal, wie Buchenwald und Auschwitz werden dabei wichtiger sein als je zuvor. Schuldig ist von den heute lebenden Deutschen fast niemand mehr. Dennoch und deshalb ist es eben nicht vorbei mit dem Erinnern an deutsche Schuld, jetzt, da der Nationalsozialismus hinter dem Horizont der Zeitgenossenschaft verschwindet.

Es fängt ganz neu an.

(RP)
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