Christian Lindner vor dem Traualtar Wenn eine Hochzeit plötzlich politisch wird

Analyse | Berlin · Christian Lindner hat geheiratet. Das ist eigentlich eine sehr private Angelegenheit. Doch Lindner ist FDP-Chef und Bundesfinanzminister. Prompt wird also das Private politisch, wie sich derzeit vor allem in den sozialen Netzwerken zeigt.

Hochzeit Christian Lindner und Franca Lehfeldt - Fotos vom Standesamt
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Christian Lindner und Franca Lehfeldt geben sich das Ja-Wort

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Foto: dpa/Axel Heimken

In den sozialen Netzwerken ist mal wieder die Hölle los. Finanzminister und FDP-Chef Christian Lindner heiratet die Fernsehjournalistin Franca Lehfeldt. Auf Sylt. Zur großen Party nach der kirchlichen Trauung am Samstag werden Kanzler Olaf Scholz (SPD), Unions-Fraktionschef Friedrich Merz (CDU) und viele andere Politpromis erwartet - die Sicherheitsvorkehrungen sind immens. 140 Gäste sollen eingeladen sein. Grünen-Spitzenkräfte wie Wirtschaftsminister Robert Habeck stehen wohl nicht auf der Liste. Soweit reicht die koalitionäre Liebelei dann doch nicht. Nun ist eine Hochzeit eigentlich etwas sehr Privates, wenn man aber Finanzminister ist, nicht unbedingt. Dann kann Privates schnell politisch werden. Das erfährt Lindner gerade – wie andere auch schon vor ihm.

Selbst Bundesjustizminister Marco Buschmann, Lindners Parteifreund, fühlte sich in dieser Woche berufen, einzugreifen. Würden zwei Menschen heiraten, sei das „etwas Wunderbares“. Wer daran Anstoß nehme, „sucht sich am besten einen Therapeuten“, twitterte Buschmann empört. Unter dem Hashtag Lindnerhochzeit wird derzeit heftig über die Eheschließung debattiert – und mit Kritik unter anderem am Aufwand nicht gespart. FDP-Frau Marie-Agnes Strack-Zimmermann stellte deshalb klar: Das BKA begleite den Minister 24 Stunden lang, „da hat er keine Wahl“. Der Steuerzahler habe mit der Hochzeit selbst aber nichts zu tun. „Security vor Ort zahlt das Brautpaar“, so Strack-Zimmermann. Basta.

FDP: Das ist Christian Lindner
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Christian Lindner – der Überflieger

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Foto: dpa/Focke Strangmann

Wie politisch die Trauung ist, dass Amt und Privatleben nicht unbedingt getrennt wird, vielleicht auch nicht trennbar ist, machte vor allem Berlins Sozialsenatorin Katja Kipping klar: „Kürzungen bei den Ärmsten, bei Hartz IV, bei der Arbeitsmarktpolitik“, referierte die frühere Parteichefin der Linken bei Twitter mögliche ministerielle Pläne Lindners, 690 Millionen Euro bei Langzeitarbeitslosen einsparen zu wollen. „Da bleiben mir doch glatt die Glückwünsche zur #Lindnerhochzeit im Halse stecken“, schrieb sie barsch. Starker Tobak.

Hinter vorgehaltener Hand wird im politischen Berlin tatsächlich getuschelt – aber nicht so sehr darüber, wo Lindner heiratet und feiert, was das alles kostet, wer auf der Gästeliste steht und wer nicht. Manch einem ist vor allem der schnöde Umstand ein Dorn im Auge, dass der 43-Jährige seine zehn Jahre jüngere Freundin standesamtlich ausgerechnet in der letzten Sitzungswoche vor der Sommerpause ehelicht. Dann, wenn noch vieles entschieden werden muss im Parlament, wenn die Ampel bei mancher Abstimmung jeden Parlamentarier benötigt, weil es zugleich viele Corona-Erkrankungen in den Fraktionen gibt. Lindner fehlt.

Dass gerade bei Politikern genau aufs Private geschaut wird, erklärt der Politpsychologe Thomas Kliche von der Hochschule Magdeburg-Stendahl so: „Unsere Zukunft ist zusehends unklar, Riffe drohen, es stehen tiefgreifende Änderungen unserer Lebensweise an, die Politiker verlangen Opfer, Verzicht. Da sieht man sich natürlich genauer an, wer diese Opfer verlangt, und welche Moral solche Leute haben.“ Der scharfe Blick der Menschen sei daher völlig berechtigt, so Kliche zu unserer Redaktion. Lindner scheint zudem ein Spezialfall – er polarisiert wie kaum ein anderer Spitzenpolitiker. Kliche glaubt sogar, dass „das Leben der Mehrheit für ihn eine fremde Welt ist“. Wer weiß. Politiker bräuchten aber in erster Linie „menschliche Echtheit und daneben nur ein wenig Instinkt, um grobe Fehltritte zu vermeiden“, ergänzt der Experte.

Franca Lehfeldt: Die Frau an der Seite von Christian Lindner - Fotos
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Das ist Franca Lehfeldt

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Foto: dpa/Axel Heimken

Nicht jedem gelingt dies, zu viel zelebrierte Privatheit kann dann politische Turbulenzen verursachen. Das zeigt ein Blick zurück. 2001 planschte der damalige Verteidigungsminister Rudolf Scharping (SPD) mit seiner Freundin Gräfin Pilati durch einen Pool auf Mallorca und ließ sich dabei für ein Boulevardblatt fotografieren, während die Bundeswehr auf dem Balkan im Einsatz war. Scharping musste zurücktreten. Ex-Kanzler Gerhard Schröder (SPD) zelebrierte sich selbst zu Beginn seiner Amtszeit 1998 gerne mit Zigarre und im Brioni-Anzug, das gefiel dem Kanzler, vielen anderen aber nicht. Als es ihm dann zu sehr ans Private ging durch Berichte über möglicherweise gefärbte Haare und angebliche Eheprobleme, ging Schröder jeweils juristisch dagegen vor – mit Erfolg. Seine Nachfolgerin Angela Merkel (CDU) hielt es hingegen anders, sie ließ Privates privat sein. Nur vor Wahlen plauderte auch Merkel mal das eine oder andere aus – über ihre Datsche in Mecklenburg-Vorpommern, über ihre Lieblingsgerichte und ihre Outfits.

Wie Lindner nun die ganze Debatte über seine Hochzeit findet, ist sein Geheimnis. Er hat jetzt vermutlich andere Dinge im Kopf. Samstag läuten die Glocken auf Sylt. Der Boulevard ist vor Ort.

(has)
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