Hitze lässt die Bäume sterben: Umweltschützer warnen vor Waldsterben

Umweltschützer schlagen Alarm : Hitze lässt Deutschlands Wälder sterben

Die anhaltende Hitze und Dürre, immer mehr Brände und sich ausbreitende Schädlinge gefährden in vielen Regionen Deutschlands die Waldbestände. Die Agrarministerin fordert mehr Geld vom Finanzminister, um die Klimakrise zu bekämpfen.

„Die Rettung der Wälder ist ein Wettlauf mit der Zeit“, sagte der Vorsitzende der Naturschutzorganisation BUND, Hubert Weiger, am Mittwoch in Berlin. Das „Waldsterben 2.0“ schreite wegen der Klimakrise rasant voran. Gefährdet seien vor allem Fichten- und Kiefernwälder, aber zunehmend auch Buchenwälder. „Es geht nicht mehr nur um einige wenige Regionen Deutschlands, es geht ums Ganze“, warnte Weiger. „Es handelt sich um eine Jahrhundertkatastrophe für die Wälder in Deutschland“, erklärte auch die Sprecherin der Arbeitsgemeinschaft Deutscher Waldbesitzerverbände, Larissa Schulz-Trieglaff.

Bleibt es nach dem Dürresommer 2018 auch in diesem Sommer über viele Wochen trocken, geht der ohnehin schon niedrige Wasserspeicher der Bäume zur Neige. Selbst Stadtbäume beginnen bereits aus Wassermangel, grüne Blätter abzuwerfen. Das gesamte Ökosystem und auch der Mensch leiden unter der Hitze, je länger die hohen Temperaturen andauern und der Regen ausbleibt: In dieser Woche erreichen die Temperaturen vielerorts um die 40 Grad. Im Ruhrgebiet, Saarland und im Moseltal sollten sogar Werte von bis zu 41 Grad gemessen werden. Auf der Donau sollte die Schifffahrt wegen zu niedriger Pegel eingestellt werden.

Eine Hitzewarnung des Deutschen Wetterdienstes galt schon am Mittwoch in ganz Deutschland. Dabei sollten die Temperaturen bis zum Wochenende teils noch weiter ansteigen. Verantwortlich für die Hitze ist Hoch Yvonne, das von Süden und Südwesten subtropische Luft nach Deutschland bringt. Erst am Freitag und Samstag sei ein leichter Temperaturrückgang in Sicht, so der Wetterdienst. Am Samstag werden in Süd-, West- und Mitteldeutschland Gewitter mit teils heftigem Starkregen und Hagel erwartet. Kommende Woche soll die Hitze aber wieder zurückkehren.

Für viele Wälder, die wegen der zu hohen Stickstoffbelastung der Luft und zu intensivem Pestizideinsatz in der Landwirtschaft ohnehin gestresst sind, wird die Hitze allmählich existenzgefährdend. Besonders betroffen seien Teile Bayerns, Nordrhein-Westfalens, Niedersachsens, Brandenburgs und Thüringens, sagte BUND-Chef Weiger. Er legte einen Zehn-Punkte-Forderungskatalog vor, um das Waldsterben zu bekämpfen. Nadelforsten müssten in Mischwälder umgebaut, der Wildtierbestand stärker reduziert und das Forstpersonal aufgestockt werden. Der Anteil der unberührten Naturwälder am Gesamtbestand müsse von derzeit 2,6 auf zehn Prozent erhöht werden, Waldbesitzer dafür entschädigt werden. Wichtigster Punkt sei jedoch die rasche und wirksame Bekämpfung des Klimawandels durch verbindliche Beschlüsse, die die Bundesregierung am 20. September fällen will.

Im Vorfeld erhöhte Agrarministerin Julia Klöckner (CDU) ihren Druck auf SPD-Finanzminister Olaf Scholz, mehr Geld aus dem mit gut vier Milliarden Euro gefüllten Klimafonds der Bundesregierung für die Rettung und das Wiederaufforsten der Wälder bereitzustellen. Klöckner hatte dafür unlängst 500 Millionen Euro gefordert. Die Vorstellungen der Waldbesitzer und der Umweltverbände liegen allerdings im Milliardenbereich. „Wir brauchen massiv Geld aus dem Klimafonds, über eine halbe Milliarde Euro, um wieder aufzuforsten“, sagte Klöckner. Neue Bäume und Mischwälder müssten gepflanzt und Schadholz müsse abtransportiert werden. „Bäume, die heute eingehen und die wir nicht nachpflanzen, fehlen morgen“, warnte sie. Die CDU-Politikerin sagte an die Adresse des SPD-geführten Finanzministeriums: „Wer es mit dem Klimaschutz und der Nachhaltigkeit ernst meint, muss jetzt bereit sein, öffentliches Geld in die Hand zu nehmen.“ Dem Agrarministerium zufolge werden mehrere Millionen Bäume benötigt, um den bereits eingetretenen Verlust von insgesamt 110.000 Hektar Wald auszugleichen.

Das Klimakabinett berate derzeit die von den Bundesressorts vorgelegten Maßnahmenvorschläge, die die Einhaltung der deutschen Klimaschutzziele im Jahr 2030 sicherstellen sollten, sagte dazu ein Sprecher des Finanzministeriums. „Auch das Bundesministerium für Ernährung und Landwirtschaft hat Vorschläge eingereicht, die derzeit diskutiert werden. Ziel ist, den Maßnahmenkatalog am 20. September zu beschließen. Eine Entscheidung über ein Waldförderprogramm liegt also noch nicht vor“, sagte der Sprecher.

Umweltministerin Svenja Schulze (SPD) erklärte, es sei wichtig, die verlorenen Wirtschaftswälder wieder aufzubauen. Beim Aufforsten komme es darauf an, nicht die Fehler der Vergangenheit zu wiederholen. „Aus abgebrannten Fichtenwäldern sollten keine neuen Fichtenwälder werden, sondern gesunde, klimastabile und naturnahe Mischwälder.“

Kritik an Klöckner kam aus der SPD. „Wenn Frau Klöckner jetzt mal wieder schnell Geld fordert, muss man darauf hinweisen, dass die Vorschläge ihres Hauses für wirkungsvollen Klimaschutz gegen Null gehen. Sie ist eine Ministerin, die immer schnell ist, Anforderungen an den Finanzminister zu stellen, aber selbst zur Ursachenbekämpfung nichts beiträgt“, sagte SPD-Fraktionsvize Matthias Miersch.

„Neben unmittelbaren Hilfen für die Waldbewirtschafter benötigen wir ein klimapolitisches Gesamtkonzept, das auch die Klimaanpassungsfähigkeit der Wälder mitberücksichtigt. Die Anpflanzung von trockenheitstoleranten Baumarten kann ein Aspekt davon sein“, sagte die umweltpolitische Sprecherin der Union, Marie-Luise Dött.

Mehr von RP ONLINE