Hitlergruß in Chemnitz? Streit tobt im Netz und auf den Straßen

Gestreute Falschmeldungen? : Streit um Hitlergrüße von Chemnitz tobt auch im Netz

Unbewiesene Behauptungen, entlarvte Fälschungen - den Ausschreitungen in der sächsischen Stadt folgt eine Kampagne um Lüge und Wahrheit.

Als Sachsens Ministerpräsident Michael Kretschmer beim Dialog mit aufgebrachten Chemnitzern nach einer gemeinsamen Basis suchte, traf er mit einer Feststellung zumindest auf keinen lauten Widerspruch: „Sind wir uns darüber einig, dass der Hitlergruß nicht okay ist?“, fragte er in die Runde. Doch zuvor hatte schon eine Frau laut gerufen: „Das war ein Linker.“ Für die Berichterstattung über rechtsextremistische Ausschreitungen nach dem gewaltsamen Tod eines 35-jährigem Chemnitzers haben viele Menschen in der drittgrößten sächsischen Stadt nur eine Bewertung: „Alles gelogen.“ Es soll nicht sein, was nicht sein darf. Und so wird auch im Internet kräftig an der Wahrheit gezerrt und gebogen.

Da wird etwa behauptet, bei einem Hitlergrüßer handele es sich um den Fotografen einer Wochenzeitung. Daran ist so viel richtig, dass diese Fotograf tatsächlich zum Zeitpunkt der Demo in Chemnitz war - allerdings hat er den Mann mit dem erhobenen Arm selbst fotografiert - und ein Vergleich der Gesichter zeigt, dass es sich nicht um ein Selfie handelte. Mehr zu dem Fotovergleich lesen Sie hier bei Mimikama. 

Auf den Straßen und im Netz werden seit Tagen weitere Falschnachrichten verbreitet. Was die genauen Abläufe der Tat angeht, für die die Staatsanwaltschaft einen Iraker und einen Syrer verantwortlich macht, drückte sich Kretschmer noch zurückhaltend aus, als er feststellte, die Behauptungen, es sei hier darum gegangen, eine angegriffene Frau zu verteidigen, entsprächen „eher nicht“ der Wahrheit. Trotzdem hält sich diese Beschreibung in Chemnitz genau so hartnäckig wie die Überzeugung, die Messerstecherei vom Sonntag vor einer Woche habe längst ein zweites Todesopfer gefordert.

Damit einher geht die unter den Teilnehmern rechter Demonstrationen weit verbreitete Sicht, es habe auch bei den spontanen Protesten am Tag des Verbrechens keine „Hetzjagden“ gegeben. Kretschmer hält die von einigen Politikern dafür verwendete Bezeichnung, hier sei es zu Pogromen gekommen, für deutlich überzeichnet. Doch er verweist zugleich auf einschlägige Videos. Und die zeigen zumindest vereinzelt Verfolgungen von ausländisch aussehenden Menschen, die aus dem grölenden Mob heraus verfolgt wurden. Mehrere Anzeigen wegen Körperverletzung untermauern die filmischen Beweise. Zudem lassen die gebrüllten Parolen an der Absicht der marschierenden Rechten und ihrer politischen Verortung keinerlei Zweifel.

In Sachen Hitlergruß ermittelt die Staatsanwaltschaft in rund zehn Fällen wegen Zeigens verbotener Symbole, einzelne Personalien sollen der Polizei vorliegen, obwohl sie wegen chronischer Unterbesetzung bei der Demo nicht überall direkt eingeschritten war. Nachhaltig hat die Debatte offenbar auf die rechte Szene selbst gewirkt. Als die rechte „Pro-Chemnitz“-Organisation am Donnerstag eine weitere Demonstration in Chemnitz begann, warnte der Sprecher ausdrücklich: „Nette Grüße mit dem rechten Arm gen Himmel werden heute rigoros mit Platzverweis bestraft.“

Für den Abend haben sich in Chemnitz namhafte Bands für ein Konzert gegen Rechts angekündigt, darunter auch Die Toten Hosen. Dazu werden Tausende Zuschauer erwartet. Wie sich dann die Sicherheitslage entwickelt, ist laut noch nicht überschaubar.

Anmerkung der Redaktion: In einer früheren Version des Artikels hieß es, ein RAF-Tattoo auf der Hand eines mutmaßlich rechtsextremen Demonstranten habe sich als Fotomontage erwiesen. Wir haben uns dabei auf Recherchen des Online-Portals watson.de berufen. Inzwischen hat das Portal seinen Bericht allerdings korrigiert: Der Mann habe in der Tat ein solches Tattoo auf der Hand getragen. Wir bedauern die falsche Darstellung und haben die Passage auch aus unserem Artikel entfernt. Eine Richtigstellung von watson.de finden  Sie hier. 

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