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Historische Titelseiten: Der große Schwindel um Hitlers Tagebücher

Historische Titelseiten : Der große Schwindel um Hitlers „Tagebücher“

Es ist ein Lehrstück der Mediengeschichte: Die Veröffentlichung der Hitler-Tagebücher durch das „Stern“-Magazin im Jahr 1983. Nur wenige Tage später stellt sich alles als großer Schwindel heraus. Die Geschichte hinter der Fälschung.

Immer auf der Jagd – nach der besten Story, der einmaligen Geschichte, dem großen „Scoop“. Das zeichnet die großen Journalisten aus, die sich in ihre Recherche verbeißen, nicht lockerlassen und immer weiter bohren, bis irgendwann die Enthüllung folgt.

Die große Enthüllung für den Hamburger Stern-Reporter Gerd Heidemann ereignet sich am 25. April 1983. Bei einer Pressekonferenz mit einem enormen Aufgebot an Pressevertretern aus der ganzen Welt präsentiert er das, woran er seit 1980 arbeitet: Die Entdeckung der Tagebücher Adolf Hitlers.

Um diese zu bekommen, haben er und der Verlag des „Stern“, Gruner + Jahr, keine Kosten und Mühen gescheut – wobei die Kosten vor allem beim Verlag liegen: Für 62 Bände von Hitlers Tagebüchern gibt das Hamburger Medienunternehmen 9,34 Millionen DM aus.

Genauso gut hätte man das Geld wohl einfach verbrennen können, denn nur wenige Tage nachdem die Druckmaschinen die Tagebücher-Ausgabe des Sterns mit einer Auflage von 2,2 Millionen Exemplaren unter das Volk gebracht hatten, kommt die niederschmetternde Aussage vom Bundeskriminalamt am 6. Mai 1983: Die Bundesanstalt für Materialprüfung hat zweifelsfrei feststellen können, dass die verwendeten Kladden der vermeintlichen Original-Tagebücher erst nach dem Zweiten Weltkrieg entstanden sind.

Wie jedoch konnte es überhaupt erst so weit kommen? Gerd Heidemann ist kein unbeschriebenes Blatt. Der Journalist (*1931) ist seit Jahren für den Stern als Kriegsreporter tätig und berichtet aus aller Welt. In Jordanien rettet er 1970 einem Kollegen und 16 weiteren Geiseln das Leben. Er recherchiert unter anderem in Mafia-Kreisen und wird für seine Berichterstattung über den deutschen Söldner Siegfried Müller bekannt. Wie es scheint, hat Heidemann allerdings auch ein Faible für den Zweiten Weltkrieg. Unter anderem besitzt er von 1973 bis 1985 die Luxusyacht Carin II, die ehemals Hermann Göring gehörte und versucht sie in diesem Zeitraum weitgehend in ihren Ursprungszustand zurückzuversetzen. Ein Unterfangen, in das er nach eigenen Angaben gut eine Million DM investiert. Dafür sammelt er auch Stücke, die mit Göring in Verbindung stehen, interessiert sich wohl auch für andere NS-Devotionalien. Das eigentliche Ziel ist der gewinnbringende Verkauf des Schiffes, was jedoch mangels Käufer fehlschlägt.

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Unterdessen gibt es in Stuttgart einen Maler und Militaria-Händler namens Konrad Kujau, der einen schwäbischen Unternehmer mit gefälschten Dokumenten und Gegenständen aus der Nazi-Zeit versorgt – und ihm schon 1975 ein erstes „Hitler-Tagebuch“ anbietet. Kujau agiert unter dem Namen Konrad Fischer. Das Tagebuch umfasst das erste Halbjahr 1935. Die Kladde erwirbt er in der DDR, auf den Einband klebt er golden-metallische Initialen in Fraktur – greift dabei allerdings zu F und H in Ermangelung des passenden A’s. Die Witze darüber sind später groß: „Führer Hitler“, „Führer Hauptquartier“ oder „Führers Hund“ sind nur einige Vorschläge, wofür die Buchstaben stehen könnten. Kurzum: Schon hier hätte man Fragen stellen und Zweifel an der Echtheit kommen können. Doch Konrad Kujau hat fast immer eine passende Ausrede parat, als er 1980 über eben diesen Unternehmer mit Gerd Heidemann bekannt gemacht wird – und der wittert seine große Chance.

Drei Jahre lang telefonieren Konrad „Fischer“ Kujau und Heidemann regelmäßig miteinander, treffen sich zum Austausch. Heidemann bringt Geschenke mit, die Gespräche muten oft freundschaftlich an und gehen auch ins persönliche. Von „Conny“ bekommt er dafür die Tagebücher. 62 Stück, die dieser oft erst noch anfertigen muss, weshalb er Heidemann vielfach vertröstet. Doch der lässt sich nicht beirren, kommt Kujau entgegen, wo es nur geht und gibt ihm pro Tagebuch 85.000 DM – jedoch ohne eine Quittung. Lange Zeit ist die Chefredaktion nicht eingeweiht, lediglich die Verlagsleitung weiß über die Recherchen Heidemanns Bescheid. Im Laufe der Zeit erhöhen sich die Preise für die Bücher auf 100.000 beziehungsweise 200.000 DM pro Band. Bis heute weiß niemand, wo die Millionen gelandet sind.

Wie die Gespräche zwischen Gerd Heidemann und Konrad Kujau ablaufen, weiß man wegen der Tonbänder, die Heidemann bei jedem Telefonat mitlaufen lässt. In seinem riesigen Archiv lagern diese noch heute, jedes einzelne hat er später transkribiert.

Die angeblichen Notizen Hitlers sind geschichtsverzerrend, oft banal, meist viel zu kurz und ungenau gefasst. Dennoch fallen viele darauf herein, nicht nur Gerd Heidemann. Obwohl es einige kritische Stimmen gibt, die teils wegen ihrer eigenen Geschichte mit Adolf Hitler Detailwissen anmerken können, werden diese nicht gehört. Zudem ist Kujau ein ausgesprochen fleißiger Fälscher, der nicht nur die Tagebücher, sondern auch noch etliche weitere Dokumente des Führers fälscht und unter die Leute bringt. So kommt es vor, dass Experten Kujau mit Kujau und keinesfalls mit einem echten Hitler-Schriftstück vergleichen, sodass der Schwindel nicht auffällt.

Dennoch gibt es etliche Hinweise darauf, dass es sich dabei niemals wirklich um Hitlers Tagebücher gehandelt haben kann: Es gibt keine Korrekturen in den Kladden. Zudem ist Adolf Hitler selbst bekannt dafür, ungern schriftlich Dinge festgehalten zu haben – insbesondere solche Gedanken passen kaum zum bisherigen Bild. Hinzu kommt die scheinbar wundersame Vermehrung der Tagebücher. Ist zunächst nur von 27 die Rede, steigt die Anzahl auf stolze 62 an. Die liegen dabei natürlich offiziell nicht in Kujaus unmittelbarer Nähe, sondern stammen aus dem Fund eines 1945 abgestürzten Flugzeugs bei Börnersdorf in Sachsen, das die persönliche Utensilien des Führers hatte in Sicherheit bringen sollen. Der Großteil der Besatzung stirbt bei dem Unterfangen. Der Flug der Transportmaschine Typ Junker 352 und die meisten Umstände stimmen tatsächlich – nur diese Kiste mit Tagebüchern, die hatte es nach heutigem Wissensstand nie gegeben.

Über komplizierte Wege aus der DDR und über vermeintliche Familienmitglieder und Bekannte organisiert Kujau die „Lieferungen“ erst an sich selbst, dann an Heidemann. Vor allem soll damit eine gewisse Anonymität erklärt werden, um die betroffenen Personen im kommunistischen Nachbarstaat keinen Repressionen auszusetzen.

Das Lügengebilde Kujaus hält lange Jahre stand. Der vermeintliche Druck des „Stern“, die Tagebücher so schnell wie möglich zu veröffentlichen, lässt das Magazin unvorsichtig werden und die Prüfung durch das BKA nicht abwarten. Und so fliegt dem „Stern“ die „Entdeckung der Hitler-Tagebücher“ um die Ohren. Gerd Heidemanns strahlender Journalistenstern geht kläglich unter, richtig Fuß fassen kann er danach nicht mehr – tatsächlich sitzt er kurze Zeit später vier Jahre und acht Monate lang hinter Gittern. Ihm wird unterstellt, gemeinsame Sache mit Kujau gemacht und zudem Teile des Geldes für die Tagebücher unterschlagen zu haben. Auch sein vermeintlicher Kompagnon wird verurteilt und muss wegen Betrugs und Urkundenfälschung zwei Monate weniger lang ins Gefängnis. Kujau wird bereits nach drei Jahren wegen einer Krebserkrankung aus der Haft vorzeitig entlassen und nutzt die gewonnene Popularität um echte Kujau-Fälschungen zu verkaufen. 1993 stirbt er.

Für den „Stern“ bedeutet der Skandal nicht nur einen massiven Einbruch der Auflage, sondern auch den Rücktritt der Chefredaktion. Obgleich die Affäre dem Magazin weiterhin nachhängt, kann sich die Auflage nach einigen Monaten erholen.

1992 erscheint der auf dieser Geschichte basierende Film „Schtonk!“ von Helmut Dietl. Heidemann bekommt eine Gastrolle darin. Zudem gibt es eine Oscarnominierung als bester fremdsprachiger Film. Bis heute ranken sich etliche Verschwörungstheorien um die Tagebücher und ihre vermeintliche Entdeckung.

Und auch der „Stern“ selbst profitiert am Ende von den Tagebüchern. 2018 beschäftigt sich der Journalist Malte Herwig mit Heidemanns Geschichte und seinen Tonbandkassetten. Er beleuchtet in dem zehnteiligen, preisgekrönten Podcast „Faking Hitler“ den größten Presseskandal des „Stern“ neu und aus der Perspektive des Reporters Gerd Heidemann. Experten und Weggefährten kommen zu Wort, die Kassetten und andere Aufzeichnungen werden intensiv mit eingebunden – für alle Interessierten ein spannender, tiefergehender Blick hinter die Kulissen.