Historikerin zur AfD: "Empörung allein macht nur den Gegner fett"

Interview mit Eva Schlotheuber : „Empörung allein ist nicht produktiv“

Die Vorsitzende des Historikerverbands über den „Vogelschiss“-Vergleich des AfD-Fraktionschefs, antisemitische Verschwörungstheorien und Geschichte als Schulfach.

Von mittelalterlichen Klöstern zur AfD ist es ein weiter Weg. Für Eva Schlotheuber waren es in den vergangenen Monaten zwei Pole ihres Wirkens. Denn Schlot­heuber ist nicht nur Mittelalter-Historikerin an der Uni Düsseldorf, sondern auch Vorsitzende des Verbands der Historiker und Historikerinnen Deutschlands. Der hat im September auf dem Historikertag in Münster eine Resolution „zu gegenwärtigen Gefährdungen der Demokratie“ verabschiedet, die sich erkennbar gegen die AfD richtete. Es folgte eine Debatte über Politisierung der Historikerzunft und über Umgang mit der Geschichte. Im Gespräch verteidigt Schlotheuber die Resolution und kritisiert die Politik.

Frau Professor Schlotheuber, in einer Umfrage 2017 gaben 56 Prozent der befragten Schüler an, sie interessierten sich für Geschichte. Ist das jetzt eher wenig oder eher viel?

Schlotheuber Eher viel.

Ist Geschichtskenntnis heute wichtiger denn je, oder liegen Ihnen solche Vergleiche nicht?

Schlotheuber Geschichte ist heute deshalb besonders wichtig, weil die Fähigkeit zur Orientierung so wichtig ist. Es ist schwierig geworden, Prozesse zu verstehen und einzuordnen, weil die Herausforderungen unserer Gesellschaft – nicht zuletzt durch die Globalisierung – sehr viel komplexer geworden sind.

Einordnung und Prozessverständnis lerne ich aber ja nun in Deutsch, Englisch und Politik auch. Was ist das Alleinstellungsmerkmal von Geschichte?

Schlotheuber Der Ursprung unseres Fachs liegt in der Fähigkeit, Wahres vom Falschen zu unterscheiden, also Quellenkritik zu betreiben. Dieses Instrumentarium ist so gut, dass es auch für die digitalen Medien greift.

Wahrheit ist ein hohes Wort.

Schlotheuber Objektive Wahrheit, also das eine wahre Geschichtsbild, gibt es in der Tat nicht. Es geht um die Auseinandersetzung mit Quellen, die uns dialogfähig macht.

Also Wahrheit als Handwerk? Geschichte gegen Fake News?

Schlotheuber Es gibt nachweisbare Fakten, und es gibt Behauptungen, die nachweislich nicht stimmen. Manche alte Legenden werden heute wieder neu in Umlauf gebracht. In meiner Einführungsvorlesung in die Geschichte des Mittelalters hatte ich im vergangenen Jahr einen Studenten, der in seinen Netzwerken der mittelalterlichen „Ritualmordlegende“ begegnet ist, die als antijüdische Erzählung auf das 12. Jahrhundert zurückgeht. Diese Legende behauptet, dass Juden christliche Kinder geraubt hätten, um sie dann wie Christus zu foltern. Ich habe lange gebraucht, um den Studenten davon zu überzeugen, dass das bereits im Mittelalter eine Verleumdungslegende war, um Pogrome gegen jüdische Gemeinden zu rechtfertigen. Wenn wir solche Geschichten und ihre Ursprünge nicht kennen, ist es leicht, getäuscht zu werden. Entscheidend ist, dass wir solche Legenden ans Licht holen und diskutierbar machen.

Eva Schlotheuber ist Vorsitzende des Verbands der Historiker und Historikerinnen Deutschlands. Foto: picture alliance / dpa/Georg Wendt

Wenn Geschichte heute so wichtig ist – warum hat das Fach dann in NRW weniger Mindeststunden als etwa in Sachsen oder Bayern?

Schlotheuber Wahr ist leider: Wir haben in der Schule keine gute Lobby. Das liegt auch daran, dass sich die Ministerien weder mit den Schulen noch mit der Geschichtswissenschaft abstimmen. Die Kommunikation mit den Geschichtslehrern hier in Nordrhein-Westfalen ist katastrophal. Viele Klagen werden nicht aufgegriffen. Das Abitur zum Beispiel ist ein Riesenproblem.

Warum?

Schlotheuber Weil die Abiturthemen häufig völlig abseitig sind und zum Beispiel als Klausurthema Pressetexte eines unbekannten Autoren vorgelegt werden, die ihrerseits tendenziös über die Ereignisse ihrer Zeit berichten. Diese doppelte Ebene zu verstehen und zu knacken, ist extrem schwer, eigentlich unzumutbar.

Was tun also?

Schlotheuber Geschichte müsste konsequent in allen Jahrgangsstufen als eigenes Fach unterrichtet werden, nicht als Gesellschaftskunde wie an Gesamtschulen. Und es müsste ausreichend Zeit und Gelegenheit geben, dass sich Schüler im Analysieren und Formulieren üben können.

Woher dieser Substanzverlust?

Schlotheuber Unter anderem aufgrund der Orientierung der Lehrpläne an Kompetenzen statt an konkreten Inhalten – da werden einzelne Ereignisse aus dem Zusammenhang gerissen, und das Übergreifende fällt unter den Tisch. Geschichte als nachvollziehbarer Prozess wird kaum noch vermittelt. Historisches Verständnis entwickelt sich so nicht.

Also wünschen Sie sich mehr konkrete Inhalte in den Lehrplänen?

Schlotheuber Ja.

333, bei Issos Keilerei – so?

Schlotheuber Nein, nicht so. Aber die eigene Geschichte zu erarbeiten und zu verstehen, wo man selbst, wo die Mitschülerinnen und Mitschüler herkommen und wie sich die Regionen über die Zeit unterschiedlich entwickelt haben, erweitert und vertieft nicht nur den eigenen Horizont, sondern ermöglicht auch Akzeptanz und Integration. Kompetenzvermittlung ohne den konkreten historischen Zusammenhang, das ist wie Kochen mit Maßen, aber ohne Zutaten.

Können Ihre Erstsemester heute weniger als vor zehn Jahren?

Schlotheuber Die Entwicklung der letzten zehn Jahre war katastrophal. Wenn historisches Wissen vorhanden ist, dann nur über das 20. Jahrhundert. Vor allem der Impetus, forschend zu lernen, geht verloren. Es fehlt auch an Ausdrucksfähigkeit. Ich stelle regelmäßig eine Klausur, die nicht Multiple Choice ist, sondern in der die Studierenden kleinere Texte schreiben müssen. Das Ergebnis ist niederschmetternd. Selbst bei denen, die nicht durchfallen, sind die Sätze teils unverständlich.

Wie nützlich darf Geschichtsunterricht sein?

Schlotheuber Eine Gesellschaft, die Bildung auf Nutzen reduziert, wäre armselig. Das verengt unseren Blick. Und was genau ist denn gesellschaftlicher Nutzen? Was sich direkt in Geld ummünzen lässt? Nein, damit tun wir uns keinen Gefallen.

Sind Sie Kulturpessimistin?

Schlotheuber Im Gegenteil!

Das überrascht mich jetzt.

Schlotheuber Die Geschichte hält so viele Beispiele bereit, dass aus einer scheinbaren Verengung neue Ideen geboren werden. Dieses Potenzial ist immer da, in Europa erst recht mit unserem unermesslich reichen historischen Erfahrungsraum. Wir gehen aber fahrlässig mit dem großen intellektuellen und kulturellen Potenzial um, das wir haben.

Was sagt die Reaktion auf Alexander Gaulands Satz, der Nationalsozialismus sei nur ein Vogelschiss der deutschen Geschichte gewesen, über unsere Gesellschaft aus?

Schlotheuber Es gibt, heute wie früher, Kreise, die in ihrem eigenen Geschichtsverständnis nicht gestört werden möchten. Aber heute finden sich diese Personen aufgrund der sozialen Netzwerke leichter. Die Gegenstrategie muss sein, diese Aussagen im öffentlichen Raum zu diskutieren und entschieden zu widerlegen. Viel Unheil kann dieser verformende Blick auf unsere Geschichte anrichten, wenn dieser Diskurs im Untergrund bleibt. Wir setzen uns im Moment eher zu wenig als zu viel mit solchen Stimmen auseinander. Diese Debatte brauchen wir aber unbedingt. Empörung allein allerdings ist nicht produktiv – das macht nur den Gegner fett.

Ist in Deutschland die Demokratie wieder in der Defensive?

Schlotheuber Die Bundesrepublik heute mit Weimar zu vergleichen, ist vielleicht eher Angstmache, weil die wirtschaftlichen und politischen Voraussetzungen Anfang des 20. Jahrhunderts völlig anders waren.. Aber wir stehen vor gravierenden gesellschaftlichen Schieflagen.

Welcher Art? Abstiegssorgen? Oder tatsächlichem, also materiellem Abstieg?

Schlotheuber Beides, vielleicht auch eine gewisse Sinnentleerung. Uns fehlt eine Vision, wohin es jetzt gehen soll. Und uns fehlt eine fundierte Analyse der Gegenwart.

Zerbricht die deutsche Gesellschaft?

Schlotheuber Wir sind keine fragmentierte Gesellschaft, sondern im Gegenteil vielleicht eine der homogensten, die es jemals gab. Unsere Gesellschaft ist vor allem aufgrund der sozialen Medien sozusagen hochverdichtet. Unsere Probleme sind also eher ein Ergebnis von gelungener Integration: Wir hören mehr und schneller voneinander und können uns gegenseitig leichter beeinflussen. Das wiederum macht es schwieriger, gesellschaftliche Prozesse zu steuern.

2015 stimmten in einer Bertelsmann-Studie 79 Prozent der 18- bis 29-Jährigen dem Satz zu: „Ich ärgere mich, dass den Deutschen auch heute noch die Verbrechen an den Juden vorgehalten werden.“ Machen wir zu viel Hitler in der Schule?

Schlotheuber Dem Satz darf man nicht zustimmen, aber der Geschichtsunterricht sollte sich auch nicht allein auf den Nationalsozialismus konzentrieren. Die NS-Zeit muss gut im gesellschaftlichen Gedächtnis verankert sein, aber das Wissen um die eigene Geschichte darf sich nicht darauf beschränken. Unser Blick müsste breiter sein und mehr historische Tiefe bekommen.

Ihr Verband hat auf dem Historikertag eine Resolution verabschiedet, die sich klar gegen Rechtspopulismus aussprach. Sie haben dafür viel Kritik einstecken müssen – der Vorwurf lautete, der Verband mische sich in die Tagespolitik ein. War die Resolution ein Fehler?

Schlotheuber Auf keinen Fall. Es ist ja eine lllusion, dass Geschichte nicht politisch wäre. Die eigene Geschichtsdeutung steht immer in Beziehung zur Gegenwart und damit auch zum aktuellen politischen Geschehen. Diese Beziehung neu zu definieren, ist eine Aufgabe, vor die sich jede Generation von Historikern gestellt sieht. Die Geschichtswissenschaft ist dann eine eigenständige und wichtige unabhängige Stimme innerhalb der Gesellschaft. Wir können und wollen beitragen zu einer tiefergehenden Analyse unserer Zeit.

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