Hildegard Hamm-Brücher war bis zu ihrem Tod Grande Dame der Republik

Nachruf auf Hildegard Hamm-Brücher : Die Grande Dame der Republik

Sie galt als die "Grande Dame der FDP". Doch sie stand nicht nur für Liberalismus. In ihr spiegeln sich der Aufbruch aus dunklen Zeiten und der Aufstieg selbstbewusster Frauen. Hildegard Hamm-Brücher ist mit 95 Jahren gestorben.

In Schubladen hat sich diese Persönlichkeit nie wohl gefühlt. "Ich bin immer gegen den Strom geschwommen, wollte aber trotzdem hübsch dabei aussehen", sagte Hildegard Hamm-Brücher vor vier Jahren dem Magazin der "Süddeutschen Zeitung". Konsequente Haltung, konsequentes Handeln. Das war ihr Ding. So, als sie nach 54 Jahren 2002 aus der FDP austrat, aus der Partei, die ihr so viel bedeutete, die sie so weit gebracht hatte. Aber die pro-arabischen, anti-israelischen Eskapaden des damaligen Parteivorsitzenden Jürgen Möllemann ertrug sie nicht.

Sie hatte als junges Mädchen nach dem frühen Tod ihrer Eltern erleben müssen, wie ihre Oma Selbstmord beging, weil sie nach den Nazi-Gesetzen als Jüdin galt, obwohl sie längst konvertiert war und ihre Enkel streng evangelisch erzog. Sie hatte in München im Umfeld der studentischen Widerstandsbewegung "Weiße Rose" gelebt. Die Hinrichtungen der Kommilitonen und der Freitod ihrer Großmutter vor deren Deportation ins KZ prägten Hildegard Brücher.

Konsequenz im Privaten: Als die "aufmüpfige" evangelische FDP-Kommunalpolitikerin und der nicht geschiedene, katholische CSU-Politiker Erwin Hamm sich im Münchner Stadtrat kennen und lieben lernten, Brücher schwanger wurde, standen alle Konventionen der 50er Jahre gegen sie. Sie aber war "wild entschlossen, dieses Kind zu bekommen". Erst im folgenden Jahr konnten sie heiraten und danach gemeinsam für ein sozialeres und frauenfreundlicheres München eintreten. Die Ehe hielt 52 Jahre, bis zum Tod ihres Mannes im Jahr 2008. Ihr Erfolgsgeheimnis: Von Anfang an gegen die tradierten Rollen-Erwartungen leben — "Papa kommt von der Arbeit nach Hause und kriegt erst die Hauspantoffeln, dann das Essen vorgesetzt — das ist tödlich für eine Ehe", schilderte Hamm-Brücher.

Sohn und Tochter waren oft allein, während sich ihre Mutter politisch engagierte. Vom Stadtrat in den Landtag, in den Bundestag, Staatssekretärin im hessischen Kultusministerium, dann im Bundesbildungsministerium, schließlich Kabinettsmitglied unter Helmut Schmidt als Staatsministerin im Auswärtigen Amt von 1976 bis zum Bruch der sozialliberalen Koalition 1982. Mit gewissem Stolz berichtete sie, was ihre Tochter bei einem Kindergeburtstag auf die Frage antwortete, von wem sie denn erzogen werde, wenn die Mutter ständig für das Auswärtige Amt unterwegs sei: "Bei uns zu Hause wird nicht erzogen."

Und bei Hamm-Brücher wurde auch nicht schnell aufgegeben. Das hat sie der Frauenrechtlerin Alice Schwarzer vorgehalten, wenn diese nach ihrem Eindruck überheblich über Politikerinnen urteilte: Nicht nur reden und schreiben, sondern auch selbst machen. Deutschland brauche Frauen wie Schwarzer, aber auch Frauen, "die die Bretter bohren". Vorschnelle Resignation gehörte nicht dazu. Das war 1982, als sie auf ihre Partei einredete, Schmidt nicht per Konstruktivem Misstrauensvotum zu stürzen, sondern die Wähler neu entscheiden zu lassen. Vergeblich. Und das war 1994, als sie bei den Wahlen zum Bundespräsidenten als FDP-Kandidatin sehr respektable 132 und 126 Stimmen in den ersten beiden Wahlgängen erhalten hatte und sich dem Druck der Fraktionsführung nicht beugen wollte. Erst nach dem Votum der Fraktion verzichtete sie auf den dritten Wahlgang und machte den Weg frei für Roman Herzog. Bundespräsidentin Hamm-Brücher — das wäre was gewesen!

Die große alte Dame — wo sah sie heute Politikerinnen, die ähnlich wie sie unterwegs sind? Bei dem Gespräch vor vier Jahren fiel ihr vor allem die Grünen-Politikerin Claudia Roth ein: "Die ist mutig und lässt sich nicht klein kriegen." In zwei Bundesversammlungen saß Hamm-Brücher auch nach ihrem Ausscheiden aus der Politik und aus der FDP — auf dem Ticket der bayerischen Grünen. Ihr Kandidat: Joachim Gauck, nicht Christian Wulff. Und noch eine andere Frau imponierte ihr: "Ursula von der Leyen — die traut sich was, vor der habe ich Respekt." Hinzu setzte sie ein "Aber sonst?" Gleichwohl war sie sich an ihrem Lebensabend sicher, dass nach den vielen Kämpfen über Jahrzehnte hinweg eine Gesetzmäßigkeit zum Tragen kommt. "Die qualifizierten Männer werden weniger, die qualifizierten Frauen werden mehr, die Entwicklung lässt sich nicht aufhalten."

Hildegard Hamm-Brücher nahm sich für ihr Ende vor, es "gelassen" anzugehen, ohne Angst. Als "fröhliche Christin" ist sie am Mittwoch im Alter von 95 Jahren gestorben.

(may-)
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