Heribert Schwan: "Der Helmut Kohl hat mir vertraut"

Umstrittene Protokolle von Gesprächen des Altkanzlers : Heribert Schwan: "Der Helmut Kohl hat mir vertraut"

Seit Tagen sorgen Protokolle von Gesprächen Helmut Kohls für Aufregung. Nun ist das Buch "Vermächtnis. Die Kohl-Protokolle" in Berlin vorgestellt worden. Die Autoren Heribert Schwan und Tilman Jens sahen sich dabei vor allem in der Verteidigungsposition.

Angela Merkel, Christian Wulff, Norbert Blüm — in den Gesprächen mit seinem früheren Biografen Heribert Schwan rechnete Altkanzler Helmut Kohl auch mit Parteifreunden ab. Dass die Protokolle aus dem Jahren 2001 und 2002 nun veröffentlicht werden, ist umstritten. Helmut Kohl selbst will nach einem Bericht des "Focus" rechtlich gegen das Buch vorgehen. Er wirft demnach seinem ehemaligen Biografen Schwan vor, 200 Mitschnitte von Gesprächen ausgewertet zu haben, deren Nutzung ihm gerichtlich untersagt wurde.

Und dennoch wollten Verlag und Autoren nicht davon abrücken, das Buch zu veröffentlichen. Seit dem heutigen Dienstag ist das Werk im Handel zu haben und wurde nun in Berlin vorgestellt. Doch die Pressekonferenz war weniger eine Buchvorstellung als mehr ein Verteidigungsgespräch von Autoren und Verlag. Selbst der Hausjustiziar stand den anwesenden Journalisten für Fragen zur Verfügung.

Schwan: "Große Achtung vor seiner Lebensleistung"

Es habe, so begann Autor Schwan, nie eine Absprache mit Kohl gegeben, dass er schweigen müsse, und er hätte auch niemals eine Schweigepflichtserklärung abgegeben. Zudem habe der Altkanzler x-mal gesagt, dass dies nicht in den Memoiren erscheinen solle, er es aber später (etwa nach Kohl Tod) verwenden könne. Schwan verteidigt die Veröffentlichung der Protokolle immer und immer wieder, sagte, dies zu tun, sei überhaupt kein Vertrauensbruch.

"Wer das Buch liest, erfährt, dass ich diesen Mann verinnerlicht habe und sehr viel von ihm gelernt habe und große Achtung vor seiner Lebensleistung habe", so Schwan, um schließlich noch hinzuzufügen, dass, wer ein bisschen etwas über Kohls Ansichten wisse, für den gebe es in dem Buch nicht so viel Neues. Aber er sagte auch, dass er glaube, dass einige Facetten Kohls in diesem Buch in neuem Licht erschienen. "Man begreift detailliert, wie er denkt", sagte Schwan und betonte, die Menschen hätten ein Anrecht zu wissen, wie Kohl ticke, welche Werte und Begriffe er habe.

Sein Co-Autor Jens sprach ebenfalls über die ganz neuen Facetten des Menschen Helmut Kohls, die nun offenbar würden. Etwa, wie er über Michail Gorbatschow, den letzten Staatschef der Sowjetunion gesprochen habe, oder über die Bürgerrechtler der DDR. Als er seinen Teil des Buches geschrieben habe, habe er teils laut lachen müssen, teils Abscheu gehabt und teils große Sympathie.

Justiziar betont geschichtliche Wichtigkeit

Auch der Justiziar betonte die geschichtliche Wichtigkeit der Veröffentlichung der Gesprächsprotokolle, schließlich sei Kohl 16 Jahre Bundeskanzler gewesen und habe die Republik verändert. "Warum hat er sich stundenlang mit einem Historiker unterhalten und ist jetzt ganz überrascht, dass es an die Öffentlichkeit kommt", fragte er. Zudem habe man weniger als ein Prozent der mehr als 3000 Seiten der Protokolle verwendet.

"Der Helmut Kohl hat mir vertraut", fügte schließlich auch Schwan noch einmal hinzu. Denn schließlich habe er ihm als seinem Biografen die Deutungshoheit über sein Leben überlassen, falls er nicht mehr lebe. Und wenn man so lange zusammenarbeite, dann mache man nicht aus, dass bestimmte Dinge nicht verwendet würden.

Immer wieder bestreitet er, dass er sich die Verwendung der Mitschnitte hätte genehmigen müssen. Ob das aber tatsächlich der Fall ist, werden am Ende wohl die Gerichte klären müssen.

(das)
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