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Helmut Kohl wütet gegen das politische Personal

Düsseldorf : Der Abkanzler

Helmut Kohl wütet gegen nahezu das gesamte politische Personal, mit dem er sich einst umgab. Woher kommt dieser Groll bloß?

Vor ziemlich genau einem Vierteljahrhundert legt die Geschichte Helmut Kohl eine Chance vor die Füße. Auf den grauen Straßen der DDR demonstrieren wütende Menschen. Den sturen Männern der SED in Ost-Berlin dämmert: Ihr Arbeiter- und Bauernstaat ist fertig. Und als die Mauer endlich fällt, ergreift dieser Helmut Kohl die Chance. Er packt sie mit beiden Händen, er stampft einen Zehn-Punkte-Plan zur Wiedervereinigung aus dem Boden, dann räumt er die Bedenkenträger aus dem Weg, einen nach dem anderen, und am Ende, nach nicht einmal elf Monaten, hat er nicht nur die Einheit: Er wird auch der erste Bundeskanzler aller Deutschen - in West und Ost.

Der Triumph, das Verdienst, der Glanz und das Glück jener Tage stehen in einem seltsamen Kontrast zu dem Helmut Kohl, wie er uns heute begegnet. Ein Mann, dem wenig geblieben ist, noch nicht einmal seine Familie. Einer, der mit fast allen gebrochen hat, mit denen er sich einst umgab. Einer, der einsam, alt und krank geworden ist und den nur eines am Leben zu halten scheint:

Seine Wut.

Seit vergangenem Wochenende ist klar, was Helmut Kohl selbst über langjährige Weggefährten wirklich dachte, es ist ein Massaker an den Merkels, Blüms, Schäubles, von Weizsäckers oder Späths, die sein Leben beeinflussten, und es macht keinen Unterschied, dass die vernichtenden Urteile bereits 2001 und 2002 zu Protokoll gegeben wurden. Kaum anzunehmen, dass Kohl heute auch nur einen Hauch von dem zurückzunehmen hätte, was er seinem Ghostwriter Heribert Schwan vor einem Dutzend Jahren als seine Erinnerungen diktierte und was der nun eigenmächtig und vor der Zeit im "Spiegel" veröffentlichte.

Gewiss: Das war gegen den Plan des Altkanzlers; er hat versucht, es zu verhindern. Aber nach seinem Tod wären seine Memoiren doch gedruckt worden, und dann hätte es sie getroffen. Alle. Kübelweise. So hatte er es gewollt.

Aber warum? Woher rührt dieser Hass? Wieso nur schlägt der Kanzler der Einheit einfach alles entzwei?

Vielleicht, weil so einer wie Helmut Kohl in Wahrheit immer schon wütend gewesen ist. Spott und Häme schlagen dem Alphatier aus Oggersheim entgegen, als der Pfälzer 1976 Oppositionsführer in Bonn wird, es mit Granden wie Willy Brandt oder Helmut Schmidt aufnehmen will. Aber "Birne" bleibt, der Provinzler, der "noch nicht mal richtig Deutsch kann", setzt sich durch. Dabei ist er gar nicht so unempfindlich, wie er immer tut; im Gegenteil: Er ist total sauer über all die Verunglimpfungen. Doch seine Wut wirkt im Politikbetrieb wie ein Raketentreibstoff, und am Ende hat er mehr davon im Tank als jeder andere.

Gut/schlecht, Freund/Feind, schuldig/nicht schuldig, schwarz/weiß, an/aus. Es gibt wenige Zwischentöne in der Wahrnehmung Helmut Kohls, was auch an der Welt zu jener Zeit liegen mag, die ebenfalls überschaubar ist: geteilt in Ost und West, in Freie und Unfreie, Freunde und Feinde und so weiter. Hinzu kommt ein ausgeprägter Instinkt für Menschen und Macht. Vertrauen? Nur in sich selbst. Vielleicht noch zu seiner Sekretärin Juliane Weber oder zu seinem Büroleiter Eduard Ackermann. Die CDU-Generalsekretäre Kurt Biedenkopf und Heiner Geißler, Querdenker wie Lothar Späth bekommen zu spüren, was passiert, wenn sie sich mit dem Parteivorsitzenden anlegen. Kohl lässt sie fallen. Er weint, als Wolfgang Schäuble 1990 niedergeschossen wird, doch als der ihn sieben Jahre später beerben will, verhindert Kohl das eiskalt.

Sein wichtigster Verbündeter wird die Zeit. 25 Jahre lang führt Helmut Kohl die Christdemokraten als Bundesvorsitzender, 16 Jahre lang ist er Bundeskanzler. Das reicht aus, um das "System Kohl" zu etablieren, ein System, das freien Kräften wenig Spiel lässt, vielmehr alles in einem machtvollen Zentrum bündelt: seiner Person. Nur wenige sind schließlich in die schwarzen Kassen eingeweiht, aus denen Helmut Kohl jahrelang "seine CDU" illegal mit Parteispenden finanziert. Es scheint, als habe er sich einen Satz aus der dritten Szene des ersten Aufzugs von Friedrich Schillers Werk "Wilhelm Tell" zu eigen gemacht: "Der Starke ist am mächtigsten allein."

Lange, unglaublich lange geht das gut. Die Wut wird weniger, weicht Genugtuung, macht Hybris Platz. Was der Kanzler der Einheit geschafft hat, ist keinem seiner Vorgänger gelungen. Ein großartiger Sieg für das System Kohl, und das ist selbst dann noch nicht am Ende, als die Union die Bundestagswahl 1998 krachend verliert. Als Ehrenvorsitzender seiner Partei mischt Helmut Kohl nämlich weiterhin kräftig mit in den Führungsgremien, was den neuen Parteichef Wolfgang Schäuble und seine "Generalin" Angela Merkel bisweilen wie Statisten aussehen lässt.

Erst anderthalb Jahre später ist alles vorbei. Die Parteispendenaffäre reißt das System Kohl in den Abgrund, in der CDU bleibt kaum ein Stein auf dem anderen, der Ehrenvorsitzende wird seines letzten Parteiamtes enthoben, weil er beharrlich glaubt, sich über das Gesetz stellen zu dürfen.

Kohls Fall ist deshalb so tief, weil mit ihm eine Ära zu Ende ging. Niemand vor ihm und keine nach ihm hatte die CDU so in der Hand, und es ist nicht übertrieben zu behaupten: Helmut Kohl selbst war die CDU der achtziger und neunziger Jahre. Ein sanfter Abgang? Unvorstellbar.

Der Preis war hoch. Die Wut ist zurückgekehrt ins Leben des Helmut Kohl. Dazugesellt hat sich die Einsamkeit eines Mannes, der keinem im Leben vertraute. Ein hübsches Gespann von Gefühlen, das solche harschen Abrechnungen hervorzubringen vermag wie die, die zuletzt bekannt wurde. Helmut Kohl gegen den Rest der Welt. Es bleibt eine aufschlussreiche Lektüre, nicht nur für Christdemokraten. Man kann aus dem Fall Helmut Kohl nur lernen.

Hier geht es zur Bilderstrecke: Helmut Kohl – Stationen seines Weges

(RP)