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Helmut Kohl empfängt noch täglich Besucher

Der Altkanzler ist 83 Jahre alt : Helmut Kohl empfängt noch täglich Besucher

Wer schaute neulich beim Abschied für Arbeitgeber-Chef Dieter Hundt nicht erschrocken auf das Foto Helmut Kohls im Rollstuhl. Der Eindruck: ein Kanzler a.D., schon zu Lebzeiten in die Geschichte eingegangen, zwar wie eh und je im Mittelpunkt, jedoch – diese seltsam erstarrte Miene, die vorspringende Nase, die eingefallenen, scharfen Konturen um Mund und Nasenflügel!

Wer schaute neulich beim Abschied für Arbeitgeber-Chef Dieter Hundt nicht erschrocken auf das Foto Helmut Kohls im Rollstuhl. Der Eindruck: ein Kanzler a.D., schon zu Lebzeiten in die Geschichte eingegangen, zwar wie eh und je im Mittelpunkt, jedoch — diese seltsam erstarrte Miene, die vorspringende Nase, die eingefallenen, scharfen Konturen um Mund und Nasenflügel!

Nun lesen wir in der Illustrierten "Stern" wiederum Verstörendes über Kohl, allerdings verstörend Lebensbejahendes über den Mann von 83 Jahren, der sich nicht unterkriegen lässt, offenbar noch seinen alten eisernen Willen besitzt und bei stetiger Assistenz von Ehefrau Maike ein Tages- und Besucherprogramm absolviert, das man so nicht für möglich gehalten hätte.

Das wie eine Trutzburg wirkende, jedoch für alte Freunde offene Haus in Ludwigshafen-Oggersheim ist behindertengerecht umgebaut worden, seit Helmut Kohl sich 2008 nach einem Sturz eine Hirnverletzung zugezogen hatte. Artikulationsstörungen und rechtsseitige Lähmungserscheinungen waren die Folge. Der "Stern" beschreibt die medizinische Lage des Alt-Kanzlers nüchtern: Pflegestufe 1, wenn nicht gar 2.

Jeden Morgen gleitet Kohl über einen Hebesitz ins häusliche Schwimmbad; dort zieht er Runde um Runde, bis ihn der altbekannte Hunger an den Frühstückstisch treibt. Er greift zu Kaffee und Schinkenbroten, war ja auch nie ein Mann für Müsli und Früchtetee. Häufig finden sich dann erste Besucher ein, vertraute Weggefährten wie Theo Waigel, Ex-Verteidigungsminister Jung, Ronald Pofalla oder der junge CDU-ler Philipp Mißfelder, an dem der Alte Gefallen gefunden hat. Ganz enge Freunde wie das Ehepaar Kai Diekmann und Katja Kessler (Diekmann ist "Bild"-Chefredakteur und Trauzeuge Kohls) bleiben manchmal länger als nur zum Frühstück oder zum Kuchenessen am Nachmittag. Vor kurzem traf man sich in Potsdam zu leckerer Pasta, die wie Fisch und Apfelstrudel zu Kohls Leibspeisen zählt. Nebenbei: Saumagen isst der "Pälzer Bubb" gar nicht so gern, wie es ihm nachgesagt wird.

"Der Kanzler der Einheit" lässt sich auch daheim nicht gehen, trägt Jackett und Krawatte statt bequeme Rentner-Kluft. Über die ihn umsorgende, bei Bedarf abschottende Ehefrau hatte Kohl schon bei der Feier zu seinem "80." gesagt: "Ohne Maike wäre ich nicht mehr am Leben." Die vielen Besucher aus dem In- und Ausland stellen fest: Es herrscht Harmonie zwischen den Eheleuten; die Volkswirtin aus dem Siegerland, die bereits als junges Mädchen Kohl bewunderte, weicht nicht von seiner Seite; und ihm scheint es sehr recht so zu sein. Und auch das wird neuerdings angedeutet: Der sich bei einem Teil ehemaliger Vertrauter bis zum Hass steigernde Argwohn gegen Kohls zweite Ehefrau scheint immer mehr der Einsicht zu weichen, dass die zarte Kümmerin dem großen Alten gut tut und dass Maike Richter-Kohl keine kaltherzig-herrschsüchtige Wächterin der Trutzburg ist.

Ist Kohl auch schwach, so liebt er es dennoch nach wie vor zu bestimmen: etwa dass es auf eine Spritztour in sein bevorzugtes elsässisches Restaurant in Niedersteinbach gehe, dass man ein paar Tage am oberbayerischen Tegernsee verbringen möge, dass er seinen "83." auf der Burgruine Falkenstein im Allgäu feiern wolle. Und wo sein Wille ist, da findet Maike einen Weg.

Kohls Kopf sei staunenswert klar, berichten Besucher. Dem Homo politicus maximus entgehen vor allem bei seinem Lebensthema Europa nicht einmal Debattenfeinheiten. Nachdem EU-Ratspräsident Herman van Rompuy jüngst zusammen mit dem Europaabgeordneten Elmar Brok beim "Ehrenbürger Europas" war, sagte Brok über Kohl: "Der wusste alles". Van Rompuy ergänzte beeindruckt, der Tag gehöre zu den beeindruckendsten Begegnungen seiner Karriere. Österreichs Ex-Kanzler Wolfgang Schüssel wird im "Stern" mit der aktuell wohl zutreffenden Diagnose zitiert: "Ein wacher Geist in einem geschundenen Körper."

(RP)