Heiko Maas im Porträt: Das sind die Pläne vom SPD-Außenminister

Außenminister seit elf Monaten : Die Maas-Mission

Heiko Maas ist seit bald elf Monaten Außenminister und hat erfahren, dass es ziemlich kompliziert ist, Frieden in der Welt und in der SPD zu schaffen.

Ein großes Amt. Erst recht, wenn man gewissermaßen unvorbereitet hineingerät. Als Zufallsprodukt der Koalitionsbildung. Als Novize in der Außenpolitik. Viel Respekt, viel Beachtung, auch viel roter Teppich. Vor allem viele Krisen – ganz frisch auf dem Tablett jetzt auch noch Venezuela. Im vergangenen Sommer ist Heiko Maas von den Schülern eines deutschen Gymnasiums in Istanbul gefragt worden, was denn so besonders sei an diesem Amt, dessen Bürde Ex-Außenamtschef Joschka Fischer einmal mit dem Luther-Zitat beschrieb: „Mönchlein, Mönchlein, du gehst einen schweren Gang.“ Und jetzt?

Maas sitzt allein im Saal des UN-Sicherheitsrates in New York. Sieht aus wie Probesitzen. Vor ihm das Schild „Germany“. Er telefoniert. Wenn er nach rechts blickt, sieht er das monumentale Wandgemälde des norwegischen Malers Per Lasson Krohg, das einen Phönix für den Neuanfang nach dem Zweiten Weltkrieg zeigt. Der Mann, der im Sommer den Gymnasiasten in Istanbul noch erzählt hat, dass er sich nun wahrlich nicht um dieses Amt beworben habe, ist jetzt Mitglied in der Runde der Weltmächtigen, die angesichts der unterschiedlichen Interessen und Widerstände im UN-Sicherheitsrat allzu oft auch Welt-Ohnmächtige sind. Falls es im Leben von Heiko Maas einen Plan A gab, stand „A“ jedenfalls nicht für Außenpolitik. Aber er sehe es „durchaus als Privileg, jeden Tag etwas Neues zu lernen“, hatte Maas den Schülern noch gesagt.

Jeden Tag etwas Neues. Zum Beispiel der Auftritt von Maas im UN-Sicherheitsrat. Der deutsche Außenminister ist mit der U-Bahn gekommen. Wenigstens ein paar Schritte laufen. Jetzt steht er in seiner dicken blauen Daunenjacke im kalten New Yorker Wind vor dem Hauptquartier der Vereinten Nationen, beide Hände in den Jackentaschen. An der nahen First Avenue rauscht der Verkehr vorbei. Kameras sind vor ihm aufgebaut. Herr Minister, wie ist die Weltlage? Gelinde gesprochen: unübersichtlich.

Venezuela und die Selbstausrufung von Parlamentschef Juan Guaidó zum Übergangspräsidenten fördern die nächste ungewisse Entwicklung. Für Samstag hat der Sicherheitsrat eine Dringlichkeitssitzung angesetzt. Eventuell bleibt Maas deswegen einen Tag länger. Damit kein Missverständnis entsteht: „Wir sind dieser Frage alles andere als neutral.“ Deutschland unterstütze Interimspräsident Guaidó dabei, „dass es Wahlen gibt“. Deutschland sitzt wieder im Weltsicherheitsrat und will mit seinem temporären Sitz dazu beitragen, dass diese Welt in den nächsten zwei Jahren vielleicht eine etwas bessere, eine friedlichere wird. Krisen und Kriege gibt es genug: Syrien, Jemen, Afghanistan, Irak, Iran, der gesamte Mittlere Osten. Maas hat in seinem ersten Jahr erfahren: Frieden zu schaffen ist ziemlich kompliziert. Ein richtig dickes Brett.

Die Welt hat sich verändert. Alte Gewissheiten gelten nicht mehr. Die USA wenden sich von Europa ab. Präsident Donald Trump kann die Multilateralisten der UN ohnehin nicht leiden. Zu wenige Deals, zu viel Debatte. Maas ist jetzt Teil dieses Welthandels über Regeln, Recht und Resolutionen.

Hat dieses Amt Heiko Maas verändert? Vorgänger Sigmar Gabriel hatte zu seiner eigenen Amtseinführung gesagt, er sei auch Außenminister geworden, weil er mehr Zeit mit der Familie verbringen wolle als zuvor als SPD-Chef. Mehr Zeit für die Familie, als Außenminister? Maas hat in den bald elf Monaten als Chef-Diplomat 280.000 Flugkilometer zurückgelegt. Privat ist da sehr relativ. Seinen Geburtstag hat er vergangenes Jahr zwischen politischen Terminen auf einer Dachterrasse in Athen gefeiert. Sein Privatleben mit seiner Lebensgefährtin, der Schauspielerin Natalia Wörner, schirmt er ab. Wenn es die Terminlage erlaubt, setzt sich der frühere Triathlet aufs Rennrad. Oder er geht laufen. Meistens noch vor dem Frühstück.

Er war seit seinem Amtsantritt mehrmals in den USA, und er will bei allen Differenzen mit der Regierung in Washington eine „Positivagenda“. Maas war mehrmals in Russland und der Ukraine. Altkanzler Gerhard Schröder hat über Maas wegen dessen distanzierter Russland-Politik schon gemeckert. Der Putin-Freund und Russland-Versteher will nicht verstehen, dass Maas seinem russischen Amtskollegen Sergej Lawrow und Präsident Putin nicht um den Hals fällt. Dennoch ist er mit Lawrow im Streit über den INF-Vertrag zum Verbot atomarer Mittelstreckenraketen in stetem Kontakt. Maas war in China, der kommende große Spieler auf der Weltbühne. Natürlich hat er auch Europa abgegrast.

Dieses Amt ist für den Außenminister der viertgrößten Volkswirtschaft der Erde kein Selbstläufer. Über ein Dreivierteljahr musste sich Maas als der Neue international erst einmal bekannt machen. Er ist kein Raufbold wie Vorgänger Gabriel, der gerne mal ein Ausrufezeichen setzte. Der 52 Jahre alte Saarländer ist noch lange kein außenpolitischer Grandseigneur wie Frank-Walter Steinmeier, der auch als Außenminister ein feinfühliger Vermittler war. Maas ist ein Typ der leisen Töne, bislang noch unauffällig, aber unfallfrei, mitunter ein wenig unnahbar. Er tastet sich an Themen heran und kassiert dafür manchmal hämische Kommentare, er sondere nur „Kalendersprüche“ ab.

Auch in seiner Partei, der SPD, gibt es Weltendeuter, die meinten, Maas müsste sich stärker positionieren, mal einen raushauen wie Gabriel. Maas erscheint ihnen zu wenig hemdsärmelig. Ein Anti-Kumpel auf Weltreise in der Kumpel-Partei SPD. Wo Steinmeier wieder und wieder das Normandie-Format für Frieden in der Ukraine einberief, wo Gabriel sich mit Einsatz darum kümmerte, das Verhältnis zur Türkei zu verbessern, ist Maas noch auf der Suche nach seinem großen Thema. Mehr Verantwortung Deutschlands in der Welt? Die UN-Familie bietet volle Auswahl für großes Engagement. 193 Mitgliedstaaten, beinahe jeder mit Krisenpotenzial. Gesucht wäre dann noch: ein Problemlöser.

(hom)
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