Verbesserte Ausbildungsbedingungen gefordert: Hartz-IV-Empfänger in Pflege: Kritik an Merkel

Verbesserte Ausbildungsbedingungen gefordert : Hartz-IV-Empfänger in Pflege: Kritik an Merkel

Berlin (RPO). Bundeskanzlerin Angela Merkel erntet mit ihrer Forderung nach dem Einsatz von "Hartz-IV"-Empfängern in der Pflege heftige Kritik von Pflegeverbänden. Der Präsident des Deutschen Pflegerates nannte Merkels Äußerung eine "verbale Entgleisung". Die Gewerkschaft Verdi forderte Merkel unterdessen auf, die Ausbildungsmöglichkeiten in der Pflege zu verbessern.

"Ich bin entsetzt über diese verbale 'Entgleisung' unserer Kanzlerin", sagte der Präsident des Deutschen Pflegerates, Andreas Westerfellhaus, am Montag in Berlin. Der Vorschlag sei politisch falsch und gefährlich. Westerfellhaus hielt Merkel vor, sie habe ein völlig falsches Bild von Pflege.

"Ingenieure werden von der Kanzlerin als Fachkräfte bezeichnet, während Pflegekräfte durch Hartz-IV-Empfänger zu ersetzen sind", sagte er. "Damit qualifiziert die Kanzlerin pauschal alle Pflegekräfte als Nicht-Fachkräfte ab." Diese Haltung sei ein Schlag in das Gesicht von 1,2 Millionen Pflegefachkräften, die eine anspruchsvolle Ausbildung durchliefen und weit über ihre Belastungsgrenzen arbeiteten.

Blick fehlt

Der Pflegerat hielt der Bundesregierung mit Blick auf den sich verschärfenden Fachkräftemangel in der Pflege Untätigkeit vor. "Das zuständige Fachministerium hat nur einen vermeintlichen Ärztemangel im Blick", sagte Westerfellhaus. Er machte zugleich deutlich, dass grundsätzlich nichts dagegen spreche, auch Hartz-IV-Empfänger zu Pflegeassistenten oder Pflegefachkräften umzuschulen. "Allerdings nur, wenn die individuellen Voraussetzungen vorliegen." Hartz IV zu erhalten, reiche als Qualifikationsnachweis nicht aus.

Die Pflege von kranken, alten und gebrechlichen Menschen erfordere Motivation, Fachkenntnis und persönliche Eignung, erklärte am Montag der Präsident des Bundesverbands privater Anbieter sozialer Dienste, Bernd Meurer. Eine Zwangsverpflichtung sei der falsche Weg und löse die Probleme nicht.

"Realitätsferne Auseinandersetzung"

Merkel hatte der "Bild am Sonntag" mit Blick auf 2,2 Millionen jobsuchende Hartz-IV-Empfänger gesagt, sie sehe nicht ein, dass Pflegekräfte künftig nur noch aus Osteuropa kommen sollten. Der Vorsitzende des Arbeitgeberverbandes Pflege, Thomas Greiner, erklärte, der Vorschlag zeige "wieder mal" die realitätsferne Auseinandersetzung der Bundesregierung mit dem Zukunftsthema Pflege. In Deutschland fehlten derzeit rund 10.000 ausgebildete Pflegefachkräfte.

Die Gewerkschaft Verdi forderte Merkel auf, die Ausbildungsmöglichkeiten in der Pflegebranche zu verbessern. "Wer sonntags fordert, dass mehr Pflegekräfte aus dem eigenen Land kommen sollten, darf nicht werktags die Mittel für die Ausbildung streichen", erklärte Verdi-Bundesvorstandsmitglied Ellen Paschke mit Blick auf die Entscheidung der Koalition die Förderung der Umschulung zum Altenpfleger durch die Arbeitsagentur zum Ende des Jahres auslaufen zu lassen. Die Zahl der Pflegebedürftigen wird der Gewerkschaft zufolge bis 2030 etwa um ein Drittel auf 3,3 Millionen zunehmen. Heute sind in der Altenpflege etwa 800.000 Menschen beschäftigt.

(AFP/kna/bs)
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