Hacker-Angriff auf Politiker: Wie der Bundestagsabgeordnete Helge Lindh davon erfuhr

Hacker-Angriff: Wie der Politiker Helge Lindh erfuhr, dass sein Privatleben jetzt öffentlich ist

Der SPD-Politiker ist gerade an Bord der Sea Watch 3 vor der Küste von Malta, als er erfährt, dass sein Privatleben jetzt öffentlich ist. Wie fühlt sich das an?

Ich bin gerade an Bord der Sea Watch 3 vor der Küste von Malta mit meinem Partei-Kollegen Frank Schwabe von der SPD und Ska Keller von den Grünen. Wir engagieren uns für die Seenotrettung von Flüchtlingen und wollten uns vor Ort die Situation anschauen. Die beiden sind genau wie ich von dem Hacker-Angriff betroffen. Aber von hier aus können wir natürlich nicht viel machen. Wir legen erst heute Abend wieder an.

Wir haben zwar Handy-Empfang, aber die Verbindung ist nicht immer so gut. Und in Deutschland werde ich erst in ein, zwei Tagen wieder sein. Mein Büro versucht daher, die Probleme zu melden und sich um alles zu kümmern, was nun gemacht werden muss.

Ich habe am Donnerstag von dem Hacker-Angriff erfahren. Erst hat mich eine Kollegin informiert, dann unser parlamentarischer Geschäftsführer Carsten Schneider. Natürlich ist man in so einem Moment erstmal wütend und geschockt. Aber die Motive der Hacker lassen sich ja erahnen: Wir sollen eingeschüchtert werden.

Ich habe keine Ahnung, wie die Täter an so viele private Daten gelangen konnten: 300 Word-Dokumente, knapp 800 Pdf-Dateien, dazu eine Kopie meines Personalausweis, eine private Mail-Adresse und meine Kontoverbindung. Das ist schon heftig.

Meine private E-Mail-Adresse werde ich natürlich ändern lassen und wir werden auch beobachten, ob bei meinem Bankkonto auffällige Abbuchungen vorgenommen werden oder so. Aber generell will ich so bleiben, wie ich bin. Ich will mich nicht abschotten, das wäre das falsche Signal.

Ich war schon im März 2018 Opfer eines Hackerangriffs. Damals tauchte meine SPD-Mitgliedsnummer plötzlich auf einer Internetseite auf und es wurden die Passwörter meiner Konten in Sozialen Netzwerken geknackt – Facebook, Twitter. Anschließend wurden darüber ausländerfeindliche Nachrichten verschickt und Sprüche wie „Rapefugees welcome“ gepostet. Es sollte so aussehen, als würde ich Vergewaltigungen durch Flüchtlinge gutheißen. Ich konnte wochenlang auch meine private E-Mail-Adresse nicht nutzen. Es hat uns sehr viel Mühe und Zeit gekostet, wieder die Hoheit über meine Daten bei Facebook zu bekommen. Leider sind die US-Konzerne diesbezüglich nämlich nicht besonders kundenfreundlich.

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Irgendwie sind die Hacker damals schon an meine Kontodaten gekommen. Vielleicht steht meine Bankverbindung auch deswegen jetzt wieder im Internet. Letztes Jahr wurden plötzlich in meinem Namen Pakete bei Amazon bestellt. Mir wurden Korane geschickt, Hundekot-Attrappen und Urin-Testbesteck. Meine Eltern haben die Pakete damals in Empfang genommen. Für die war die Situation auch nicht leicht, weil sie sich natürlich auch Sorgen machen. Ich habe sie deswegen diesmal schon mal vorgewarnt.

Wir haben den Fall damals natürlich der Polizei gemeldet, auch das Bundeskriminalamt wurde eingeschaltet. Trotzdem ist bis heute nicht ganz klar, durch welches Einfallstor die Täter an die Daten gekommen sind. Eigentlich hatte ich immer das Gefühl, angemessen vorsichtig zu sein. Ich verwende für alle Konten unterschiedliche Passwörter, die auch nicht so leicht zu entschlüsseln waren. Die Täter haben es trotzdem geschafft. Natürlich werde ich in Zukunft noch vorsichtiger sein – und natürlich hoffe ich, dass die Täter jetzt ermittelt werden und geklärt wird, wie so viele Daten ins Netz gelangen konnten.

Ich bin seit 1999 Mitglied der SPD, habe mich bei den Jusos in Wuppertal engagiert und im Stadtrat Politik gemacht. Inzwischen bin ich auch Vorsitzender des Integrationsrates der Stadt und bin in der Flüchtlingshilfe aktiv.

Seit ich mich im Bereich Migration und Asyl engagiere und in meiner Heimatstadt Wuppertal auch klar Position gegen die AfD beziehe, bin ich leider im Fokus von Ausländerfeinden. Seit ich im Herbst 2017 in den Bundestag eingezogen bin, haben die Beschimpfungen zugenommen. Zuletzt habe ich einen 7-seitigen, handgeschriebenen Drohbrief bekommen. Bei so etwas schalten wir dann natürlich auch den Staatsschutz ein. Und bei der Polizei in Wuppertal habe ich inzwischen einen direkten Ansprechpartner für Probleme – aber das löst natürlich auch nicht das Grundproblem. Ich werde mich auch in Zukunft mit Anfeindungen auseinandersetzen müssen, so traurig das ist.

Aufgezeichnet von Florian Rinke.

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