Helmut Schmidt und Schleyers Sohn über Herbst 1977: "Habe gespürt, wie Mitschuld auf Ihnen lastet"

Helmut Schmidt und Schleyers Sohn über Herbst 1977 : "Habe gespürt, wie Mitschuld auf Ihnen lastet"

Ihr Lebensweg ist miteinander verbunden: Altkanzler Helmut Schmidt und Hanns-Eberhard Schleyer, Sohn des 1977 ermordeten Arbeitgeberpräsidenten Hanns-Martin Schleyer. Nun haben die beiden das erste Mal öffentlich über die damaligen Ereignisse gesprochen. Es ist ein Gespräch voller gegenseitigem Respekt.

44 Tage war Arbeitgeberpräsident Hanns-Martin Schleyer im Herbst 1977 in den Händen der Rote Armee Fraktion. Die Forderung: Freilassung der ersten Generation der RAF aus dem Gefängnis. Doch der damalige Bundeskanzler Helmut Schmidt (SPD) entschied sich gegen einen Austausch. Dem Sohn blieb da nur noch der Gang vor das Bundesverfassungsgericht, um den Austausch zu erreichen. Er scheiterte, sein Vater wurde später ermordet aufgefunden.

Im Magazin der "Süddeutschen Zeitung" haben sich Helmut Schmidt und Hanns-Eberhard Schleyer nun erstmals öffentlich über die Ereignisse von damals unterhalten. Es ist ein offenes Gespräch, das zeigt, welche Achtung beide vor den Entscheidungen des jeweils anderen haben und dass die Ereignisse von damals niemanden unberührt ließen, es bis heute nicht tun.

Schleyer sagt, er erinnere sich genau an den Abend der Entführung, 33 Jahre sei er damals alt gewesen. "Wir wussten ja, dass mein Vater auf der Liste der gefährdeten Personen stand", sagt er dem Magazin. "Wir waren vorgewarnt, trotzdem haben mich die Ereignisse völlig überrollt." Aber er erzählt auch, dass ihm sein Vater, als die Sicherheitsmaßnahmen für ihn erhöht worden waren, gesagt habe: Wenn ihm etwas zustoße, sei er bereit zu akzeptieren, was die Bundesregierung in einer solchen Situation für richtig halte.

"Man hat sich um eine klare Aussage herumgedrückt"

Dann stellt er Schmidt die Frage, was er getan hätte, wenn seiner Frau etwas passiert wäre. Schmidt: "Meine Frau und ich hatten schon lange vorher aktenkundig gemacht, dass wir uns im Falle des Falles nicht austauschen lassen wollten. Da waren wir uns einig." "Aber hätten Sie nie an dieser Entscheidung gezweifelt?", hakt Schleyer nach. "Ich war ja auch Sohn." Und der Altkanzler entgegnet: "Aber natürlich. Wenn ich mich an Ihre Stelle denke — was ich damals auch gemacht habe — finde ich das völlig verständlich und richtig, was Sie getan haben."

Es ist ein behutsames Herantasten der beiden und ein Sich-Hineinfühlen in die damaligen Entscheidungen der beiden Männer. Schmidt, der sich nicht auf den Austausch der Gefangenen gegen den Entführten Schleyer einlassen wollte. Schleyers Sohn, der vor dem Bundesverfassungsgericht versuchte, diesen Austausch gerichtlich zu erzwingen. Man merkt, dass Schleyer die Beweggründe Schmidts nachvollziehen kann, so zu handeln, dass er sich damals aber mehr Klarheit vonseiten der Regierung gewünscht hätte.

"In all den Gesprächen (...) hat man sich um eine klare Aussage herumgedrückt. Man hat vielleicht versucht, Rücksicht auf die Familie zu nehmen", sagt er. Schmidt bestätigt dies: "Die Praxis des Austauschens hatte in Stockholm (Botschaftsbesetzung - Anmerk. d. Red.) aufgehört! Das hat man euch natürlich nicht erzählen wollen." Und Schleyer entgegnet: "Ich glaube aber, es wäre besser gewesen, dann hätten wir uns nicht so an diese Hoffnung geklammert."

Dass er mit seinem Antrag vor dem Bundesverfassungsgericht gescheitert sei, habe er erwartet, sei aber dennoch in ein großes Loch gefallen. "Wenn ich mich an Ihre Stelle denke, müssen Sie verzweifelt gewesen sein", sagt der Altkanzler dazu. Und er betont auch, dass seine Regierung damals zuversichtlich gewesen sei, den Arbeitgeberpräsidenten zu finden.

Schleyer: "Das hat mir Respekt abgenötigt"

"Haben Sie mitbekommen, dass ich später in einer Rede davon sprach, eine Mitschuld am Tode ihres Vaters empfunden zu haben", fragt Schmidt in Richtung Schleyer. "Ja, das habe ich. Das hat mir Respekt abgenötigt, ein Trost war es nicht", antwortet dieser. Der Sohn erinnert sich auch, dass er bei einer Veranstaltung an den Tisch Schmidts gebeten worden war, er das als persönliche Geste empfunden hatte. "Es muss eine Geste gewesen sein, die..., die versucht hat, eine Brücke zu schlagen. Aber die Brücke kam nicht zustande", sagt Schmidt. Schleyer: "Auch ich habe mich schwer getan, diese Brücke zu schlagen."

Später kam sie dann doch zustande, als Schmidt den Hanns-Martin-Schleyer-Preis verliehen bekam — weil Hanns Eberhard-Schleyer gemerkt habe, "wie sehr Sie der Tod meines Vaters über die Jahre und Jahrzehnte umtreibt. Das war für mich authentisch". Und Schmidt entgegnet: "Eine Geste, die ich voller Überraschung, aber ohne zu zögern akzeptiert habe."

Am Ende des Gespräches im SZ-Magazin merken beide, dass sie noch immer unterschiedliche Sichtweisen darüber haben, was der richtige Weg des Handelns damals im Herbst 1977 gewesen wäre. Aber sicher ist auch eines: Sie haben die Entscheidungen des jeweils anderen akzeptiert und respektieren einander. "Ich persönlich habe immer gespürt, wie schwer ihnen diese Entscheidung gefallen sein muss, wie schwer die Mitschuld auf Ihnen lastet", sagt etwa Schleyer in Richtung Schmidt.

Ob es denn eine Belastung für ihn sei, dass er nicht wisse, welcher Terrorist seinen Vater erschossen hat, wird Schleyer am Ende gefragt. Er sagt, das habe ihn nie interessiert: "Das bringt meinen Vater nicht zurück und würde mir auch nicht helfen, das Geschehen von damals besser zu verarbeiten."

Hier geht es zur Bilderstrecke: Hanns-Martin-Schleyer-Preis 2013 für Helmut Schmidt

(das)
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