Interview mit Psychologe Grünewald: "Guttenberg ist eine Lichtgestalt"

Interview mit Psychologe Grünewald : "Guttenberg ist eine Lichtgestalt"

Düsseldorf (RP). Der Psychologe Stephan Grünewald, Chef des Marktforschungs-Instituts Rheingold, spricht im Interview mit unserer Redaktion über die Affäre um die Doktorarbeit von Verteidigungsminister Karl-Theodor zu Guttenberg und warum er immer noch so beliebt bei den Wählern ist.

Wie erklären Sie die enorme Beliebtheit von Verteidigungsminister zu Guttenberg?

Grünewald Das muss man vor dem Hintergrund einer riesigen Glaubens- und Vertrauenskrise in der Bevölkerung sehen. Die Wirtschafts- und Finanzkrise hat die Menschen verunsichert. Ihr Vertrauen wurde auch mit der Fahnenflucht des früheren Bundespräsidenten Horst Köhler erschüttert. Gleiches gilt für den Abgang der Landesfürsten. Es gibt eine ungeheure Sehnsucht nach Lichtgestalten jenseits der politischen Sphäre.

Aber zu Guttenberg gehört doch auch in die politische Sphäre. . .

Grünewald Ja, aber er gilt als Einer, der seinen eigenen Kopf hat und unabhängig ist durch seine adelige Herkunft, durch seine finanzielle Situation. Außerdem nimmt er auch unbequeme Positionen ein.

Warum wird ihm die Verfehlung mit der Doktorarbeit nicht übel genommen?

Grünewald Er ist eine Lichtgestalt, mit der viele Sehnsüchte verbunden werden. In ihn wird die Hoffnung gesetzt, dass er die Menschen aus der Vertrauenskrise herausholt, ihnen Orientierung gibt. Er ist für die Wähler beinahe eine mythische Gestalt. Er ist wie ein Siegfried. Die Menschen nehmen in Kauf, dass auch der seine Schwachstellen hat. Die Menschen lieben ihre Führungsgestalt umso mehr, wenn auch Fehler sichtbar werden. Das ist der Lady-Di-Effekt. Sie wurde vom Volk nicht nur geliebt, weil sie eine Prinzessin war, sondern auch wegen ihrer Fehler. Sie war magersüchtig, hatte Eheprobleme und zweifelte an sich selbst. Das Menschliche gehört dazu.

Wie ist die Kluft zwischen der Meinung vieler Kommentatoren und der Bevölkerung zu erklären?

Grünewald Wir haben eine ähnliche Gemengelage wie bei den Protesten gegen den Bahnhofsneubau Stuttgart 21:Die Bevölkerung will sich von den Politikern und Medien nicht vorschreiben lassen, an wem oder was sie festhält oder auch nicht.

Ist es möglich, dass sich die Stimmung noch drehen wird?

Grünewald Wenn tatsächlich noch ein Ghostwriter entlarvt wird, was manche für möglich halten, dann wäre das ein Wendepunkt. Dann hätte zu Guttenberg nicht nur fahrlässig gehandelt, sondern er wäre als Betrüger überführt. Seine ganze Salami-Verteidigungstaktik würde zusammenbrechen.

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(RP)
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