Guido Westerwelle: "Ich musste nicht für den Alltag resozialisiert werden"

Ex-Außenminister und FDP-Chef : Guido Westerwelle spricht über sein Leben nach der Politik

Zehn Jahre lang leitete Guido Westerwelle die FDP. Nach seiner Ablösung durch die junge Riege um Philipp Rösler blieb er Bundesaußenminister – und stieg in der Beliebtheit der Wähler. Seine Kontakte nutzt er auch nach dem Ausscheiden aus dem Amt – für seine eigene Stiftung. In einem Interview spricht er über sein neues Leben und seinen Abschied aus dem Außenministerium.

Zehn Jahre lang leitete Guido Westerwelle die FDP. Nach seiner Ablösung durch die junge Riege um Philipp Rösler blieb er Bundesaußenminister — und stieg in der Beliebtheit der Wähler. Seine Kontakte nutzt er auch nach dem Ausscheiden aus dem Amt — für seine eigene Stiftung. In einem Interview spricht er über sein neues Leben und seinen Abschied aus dem Außenministerium.

Das Büro der Stiftung befindet sich am Kurfürstendamm in Berlin, am Donnerstag gibt es die erste offizielle Veranstaltung der "Westerwelle Foundation", eine "Stiftung für internationale Verständigung". "Wir fördern wirtschaftliche Entwicklung, um demokratische Stabilität zu unterstützen und konzentrieren uns dabei auf den Mittelstand als Wirtschafts- und vor allem als Sozialmodell", erklärt Guido Westerwelle im Interview mit der "Welt". "Wir sind der Überzeugung, dass demokratische Stabilität eine vernünftige und gesunde wirtschaftliche Entwicklung voraussetzt."

Die Stiftung ist das neue Leben des früheren FDP-Chefs, der zu Beginn seiner politischen Karriere noch von vielen belächelt worden war. "In Deutschland bekommen Politiker erst eine Stiftung, wenn sie sterben. Das erschien mir zu spät", sagt Westerwelle in dem Interview. Und er sagt, dass jetzt, wo er raus sei aus der Politik, die Gespräche auch über die Parteigrenzen hinaus gelassener stattfänden. Viele seien neugierig, was denn die Stiftung mache. Er könne sich entsprechend auch nicht über mangelnde Rückendeckung seines Nachfolgers Frank-Walter Steinmeier (SPD), der Bundeskanzlerin oder Vizekanzler Sigmar Gabriel (SPD) beklagen.

Sein Abschied — ein "klarer Schnitt"

Seit Westerwelle nicht mehr an der Spitze der Partei steht, geht es mit den Liberalen bergab. Höhepunkt: Der Abschied der FDP aus dem Bundestag. Doch Westerwelle glaubt nach wie vor an seine Partei, die nicht gerade zimperlich mit ihm umgegangen war. "Jeder Tag bietet neue Chancen. Auch für die Liberalen", sagt er in dem Interview. Er verweist darauf, dass Unions-Fraktionschef Volker Kauder einmal in einem Interview erklärte, dass die Zusammenarbeit der Union mit der FDP einer der Gründe dafür sei, warum es Deutschland so gut gehe. "Das dürfen wir gelegentlich auch mal selber sagen und nicht nur Politikern aus der CDU überlassen. Denn es ist die Tatsache."

Sein Abschied aus dem Auswärtigen Amt, sagt Westerwelle, sei ein klarer Schnitt gewesen. Nachdem er die Geschäfte an seinen Nachfolger Steinmeier übergeben habe, habe ihn seine Fahrer noch einmal zum Flughafen gebracht."Nur dass ich diesmal wie alle anderen Passagiere durch die Sicherheitskontrolle gegangen bin — ohne bewaffnete Sicherheitsbeamten." Und er sagt: "Ich bin weder in das berühmte schwarze Loch gefallen noch musste ich für den Alltag resozialisiert werden." Lediglich ein paar Passwörter habe er neu anfordern müssen, weil er sie schlicht vergessen habe.

Gleichberechtigung von Homosexuellen: "Eine existenzielle Angelegenheit"

Westerwelle erinnert sich in dem Interview auch an so manche Situation, in der er kritisiert worden war. Etwa für die Entscheidung, sich nicht am Libyen-Einsatz zu beteiligen. Manch einer, der ihn dafür "sehr aggressiv" bekämpft habe, "ist doch heute in Anbetracht der Entwicklungen der letzten Monate und Jahre recht still". Auch sein Engagement für Mittelstand und Mittelschicht sei oft als Klientelpolitik diffamiert worden, doch für ihn sei Demokratie nur auf Dauer erfolgreich, wenn es einen starken Mittelstand und eine starke Mittelschicht gebe. Und genau darauf setze auch seine Stiftung.

Der ehemalige Bundesaußenminister spricht auch über das Thema Homosexualität und seine Kritik an der Politik der Bundeskanzlerin in Sachen Gleichstellung der Homo-Ehe. "Die öffentliche Erklärung von Herrn Hitzlsperger war so mutig, dass ich sie unterstützen wollte", sagt Westerwelle in Bezug auf den ehemaligen Fußball-Nationalspieler, der sich geoutet hatte.

"Für mich ist die Gleichberechtigung von Schwulen und Lesben in Deutschland nicht zuerst ein parteipolitisches Anliegen, sondern eine existenzielle Angelegenheit." Dass jemand wie er vier Jahre Außenminister habe sein können und auch ganz praktisch vieles gegen die Diskriminierung habe durchsetzen können, "Ist ja mehr als Politik. Es ist mein eigenes Leben."

Hier geht es zur Bilderstrecke: Westerwelles bewegender Abschied als FDP-Chef

(das)
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