Debatte um israelkritisches Gedicht: Günter Grass - die Attacke als Verdrängung

Debatte um israelkritisches Gedicht: Günter Grass - die Attacke als Verdrängung

Kritik an Israel ist bei Günter Grass keine Ausnahme, sondern ein Motiv, das sich durch das Werk des Nobelpreisträgers zieht. "In diesem Grass arbeitete immer schon eine große Anti-Israel-Impulsivität", so der Berliner Literaturwissenschaftler Klaus Briegleb.

In der weiterhin äußerst vitalen Debatte um das israelkritische Gedicht von Günter Grass wird es vorerst bei der Sanktion eines Einreiseverbots nach Israel bleiben. Denn wie Peter Englund, Sekretär der Schwedischen Akademie, gestern erklärte, sähe man "heute wie zukünftig keinen Anlass für eine Diskussion, ihm den Nobelpreis in irgendeiner Weise streitig zu machen".

Nach den Worten Englunds habe Grass den Literatur-Nobelpreis 1999 "aufgrund literarischer Verdienste, und ausschließlich aufgrund literarischer Verdienste, erhalten — was für alle Preisträger gilt".

So weit die faktische Schadensbegrenzung. Unterdessen gibt es weitere Hinweise darauf, dass Grass seine Kritik an Israel und der Politik des Landes nicht erst mit seinem jüngst veröffentlichten Gedicht "Was gesagt werden muss" formuliert hat. Eine solche aggressiv belehrende Rechthaberei in jüdischen Angelegenheiten ist nach den Worten des Berliner Literaturhistorikers Klaus Briegleb vielmehr ein Motiv im öffentlichen wie auch literarischen Wirken von Grass.

Briegleb — er brachte von 1968 bis 1976 "Sämtliche Schriften" Heinrich Heines heraus — erinnert unter anderem an eine Veranstaltung von Grass mit dem israelischen Schriftsteller Yoram Kaniuk 1991 in Berlin. Anlass damals war die Bedrohung Israels durch irakische Raketen.

Grass sei als eine Art Politiker aufgetreten, sehr selbstgewiss, "als habe er persönlich den Frieden erfunden", so der Autor aus Tel Aviv. Das Resümee seiner Begegnung damals: "Aus Grass' Worten brach der alte Teufel hervor, der auf dem Wipfel der geheiligten Eiche hockt und den Juden bis heute nicht verziehen hat, und zwar nicht nur deren eigenes Sein, sondern etwas Tieferes und Mysteriöseres ", so Kaniuk.

Solche Verhaltensweisen und aggressive Reaktionen habe es bei Günter Grass immer wieder gegeben. Dahinter glaubt Briegleb beim Autor eine Art Verdrängung der eigenen, persönlichen Schuld zu sehen. Dazu gehört auch "seine aktive Mitwirkung 1961 bei einer Ausschluss-Kampagne in der Gruppe 47 gegen Marcel Reich-Ranicki, der nach Ansicht von Grass die politische 'Strapazierfähigkeit' der Gruppe beeinträchtigte.

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Wenn zur Rechtfertigung dieser Kampagne der Angegriffene ein 'toter und störender Punkt' (Hans Werner Richter) genannt wird, dann ist das ein antisemitischer Reflex — auch seitens des zustimmenden Grass". Auch sein kritischer Umgang mit jüdischen Autoren wie Peter Weiss und Erich Fried zählten dazu. Solche Attacken richteten sich immer auch gegen Israel und den Zionismus. "In diesem Grass arbeitete immer schon eine große Anti-Israel-Impulsivität", so Briegleb.

In seinen ersten Interviews nach der Veröffentlichung des kritisierten Gedichts hatte Grass stets betont, die Politik Israels erstmals kritisiert zu haben. Das stimmt nachweislich nicht. Bereits im Dezember 1973 erschien sein Aufsatz "Israel und ich", in dem er dem Land vorwirft, "durch die schleichende Annexion der besetzten Gebiete den arabischen Staaten einen Vorwand für deren Angriff geliefert zu haben". Wie auch in dem Gedicht arbeitet Grass mit der Umkehrung von Opfer und Täter.

In dem Aufsatz wirft er Israel vor, für die Bedrohung selbst verantwortlich zu sein. Dass die Israelis eine solche Haltung nicht verstehen, war für Grass auch 1973 schon unverständlich: "Die Freunde in Israel begreifen mich nicht. Sie vermissen ein direktes, parteiergreifendes Wort. Sie fühlen sich verlassen, verraten. Enttäuscht stellen sie ungenaue Vergleiche an", schreibt Grass, auch diesmal die Kritik an seiner Haltung antizipierend.

Aber es gibt auch literarische Dokumente dieser Art. In der Novelle "Im Krebsgang" von 2002 ist von einem "nie gehörten Endschrei" beim Untergang des deutschen Flüchtlingsschiffes "Gustloff" am 30. Januar 1945 die Rede. Das ist, so der Philologe Klaus Briegleb, "eine Umdrehung in der Metapher von der Endlösung der Judenfrage und verrät einen bildlich wertenden Rollentausch der deutschen Opfer gegen die Opfer der Shoah".

Die Motive wiederholen sich beim Nobelpreisträger und formen sich zu einer Litanei, sagt Briegleb. Doch was steckt hinter den kritischen Beiträgen, hinter den Angriffen auf Israel? Auch eigene Schuldgefühle? Wird so der Versuch unternommen, die eigene Vergangenheit und die Vergangenheit seines Landes zu versöhnen?

Bei Grass, sagt Klaus Briegleb, "ist die Attacke eine Form der Verdrängung". Weil die Deutschen mit der Schuldfrage nicht fertig würden und diese nicht so analysierten, dass sie nicht zur Selbstzerfleischung, sondern zur Selbstrettung wird. Vielleicht trifft dann auch auf Grass diese bis heute unglaubliche Bemerkung des israelischen Psychoanalytikers Zvi Rex zu: "Die Deutschen werden den Juden Auschwitz nie verzeihen."

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(RP/nbe/csi)
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