Elite-Einheit wurde vor 50 Jahren gegründet Zwischen Heldentum und Pannen – der Mythos GSG 9

Analyse | Bonn · Die Elite-Einheit der Bundespolizei hat durch den geglückten Einsatz 1977 in Mogadischu Weltruhm erreicht. Doch es gab auch Tiefen und Zweifel. Am Freitag feiert die GSG 9 ihr 50-jähriges Bestehen.

50 Jahre GSG 9: Bilder der Spezialeinheit und ihrer Einsätze
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50 Jahre GSG 9 – die Bilder der Spezialeinheit der Bundespolizei und ihrer Einsätze

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Foto: dpa/Roland Scheidemann

Noel Koch, Antiterror-Berater des US-Präsidenten Ronald Reagan, drückte seine Zigarette aus und bemerkte trocken: „Er ist der erste deutsche Held seit dem Zweiten Weltkrieg“. Das überschwengliche Kompliment galt dem Gründer der GSG 9, Ulrich Wegener. Der Satz spiegelte die Anerkennung für die Antiterror-Truppe nach der Befreiungsaktion in Mogadischu. Denn in der Nacht vom 18.Oktober 1977 befreite die Spezialeinheit die von palästinensischen Terroristen gekaperte Lufthansa-Maschine „Landshut“ und entriss 86 Passagiere und die Crew den Händen des vierköpfigen Kommandos. Der Coup trug der Grenzschutzgruppe 9, so genannt nach der Gliederung des ehemaligen Bundesgrenzschutzes (heute Bundespolizei), Weltruhm ein.

Ihre „Geburt“ verdankt der Verband mit Hauptsitz in Hangelar bei Bonn einem polizeitaktischen Fiasko bei den Olympischen Spielen von München 1972. Palästinensische Terroristen vom „Schwarzen September“ überfielen am 5. September das Quartier der israelischen Olympiamannschaft. Zwei Sportler wurden sofort getötet, neun weitere als Geisel genommen. Bei der anschließenden Befreiungsaktion kamen neun Israelis und ein deutscher Polizeibeamter ums Leben. Die Tragödie offenbarte die Defizite im Sicherheitssystem schonungslos. Es mangelte an gut ausgebildeten und ausgerüsteten Spezialeinheiten.

Der damalige Innenminister Hans Dietrich Genscher (FDP) ergriff die Initiative: Es kam zur Gründung der GSG 9. Der BGS-Offizier Wegener sollte die neue Einheit aufbauen. Er wurde zur Ausbildung zu den Antiterror-Experten nach Israel geschickt. Anschließend baute er mit den hochmotivierten Männern der ersten Stunde den Verband auf. Im Herbst des Jahres 1973 standen drei Einheiten einsatzbereit. Das operative Credo der GSG 9 bis heute bündelt sich in der Auftragstaktik und dem Prinzip „Geführt wird von vorn“.

Fünf Jahrzehnte seit ihrer Gründung zeigt die Chronik der GSG 9 alle Höhen und Tiefen eines Spezialverbandes. Glanzvoller Höhepunkt war zweifellos Mogadischu. Im Rückblick dazu sagt der aktuelle Kommandeur der GSG 9, Jerome Fuchs, im Gespräch unserer Redaktion: „Der Einsatz in Mogadishu ist Ansporn und Verpflichtung. Damit ist auch klar, dass sich weder die nachfolgenden Generationen noch die aktuelle GSG 9 auf diesem Erfolg ausgeruht haben beziehungsweise ausruhen.“

Zahlen über die Stärke gibt der Verband nicht preis. Der operative Kern der GSG 9 besteht aus den vier Einsatzeinheiten, jede mit speziellen Fertigkeiten und Qualitäten, Präzisionsschützen, Fallschirmspringer, Taucher. Die vierte Einheit ist in Berlin stationiert, spezialisiert auf schnelle Aktionen mit Motorrädern. Das hohe Anforderungsprofil des Verbandes fordert den besonnenen Mann, der körperlich fit ist, intelligent und teamfähig. Frauen gibt es bislang noch nicht in den Einsatzeinheiten. Der Eignungstest für Bewerber erstreckt sich über fünf Tage. In der Regel bestehen rund zehn Prozent die Härtewoche. Oft hat der Psychologe das letzte Wort. Nicht jeder Einsatz ist wie Mogadischu medial spektakulär. Über 2000 Einsätze listet jedoch die interne Datenbank auf. Nicht jeder Zugriff findet sich in den Medien. Erfolgreiche Einsätze gibt es – oft einmal pro Woche – gegen Terroristen und das organisierte Verbrechen (OK). Dabei unterstützt der Verband das BKA, die Polizeien der Länder sowie das Auswärtige Amt. Die Evakuierung der Deutschen Botschaft beispielsweise in Kabul im letzten August wurde maßgeblich von einem langjährigen GSG-9-Mann geleitet.

Von ihrer Gründung bis heute legt die GSG 9 Wert auf Kooperation mit nationalen und internationalen Partnern. Besonders enger Kontakt besteht zu den Spezialeinheiten in Israel und in den USA. Eine würdevolle Geste gegenüber den 1972 getöteten israelischen Sportlern war am 22.Juni dieses Jahres ein Fallschirmabsprung der GSG 9 über Fürstenfeldbruck mit ihrem Kommandeur und den Männern der israelischen Antiterror-Einheit Yamam.

Ebenso wie Mogadischu haben zwei Ereignisse tiefe Spuren in der Geschichte der GSG 9 hinterlassen. Sie sind mit den Namen Bad Kleinen und Hansa Stavanger verknüpft. Am 27.Juni 1993 missglückte der Zugriff auf die RAF-Terroristen Grams und Hogefeld in Bad Kleinen. Hogefeld wurde zwar festgenommen, Grams erschoss bei seiner Flucht während des Feuergefechts den ihn verfolgenden GSG-9-Beamten Michael Newrzella. Im Kontext der Aktion kam es durch Presseberichte, besonders durch die Titelgeschichte des „Spiegel“, zu einer politischen Krise. Der Innenminister trat zurück, denn es wurde suggeriert, GSG-9-Beamte hätten den bereits kampfunfähigen angeschossenen Grams regelrecht „exekutiert“. Erst das Gutachten eines unabhängigen Schweizer Instituts stellte die Todesursache einwandfrei fest – Grams hatte Suizid mit der eigenen Pistole begangen. Dennoch „kratzte“ der Einsatz in Bad Kleinen an der Reputation der GSG 9.

Anders lag der Fall des deutschen Containerschiffs „Hansa Stavanger“. Dieses war am 4. April 2009 vor der somalischen Küste von Piraten entführt worden. Innen-, Außen- und Verteidigungsministerien bildeten einen Krisenstab. Der Zugriff wurde beschlossen. Die GSG 9 sollte ihn mit US-Unterstützung durchführen. Doch in letzter Sekunde wurde die Aktion durch Einwände vor allem aus Kreisen der Bundeswehr (zu risikoreich) abgeblasen. Die USA hörten auf ihren Nato-Partner und zogen daraufhin ihre Unterstützung zurück. Frust bei der GSG 9.

 Das am 13. Oktober 1977 entführte Flugzeug „Landshut“ steht nach der Landung auf dem Rollfeld. Die deutsche Antiterroreinheit GSG9 stürmte später die von palästinensischen Terroristen entführte Lufthansa-Maschine und befreite alle Geiseln.

Das am 13. Oktober 1977 entführte Flugzeug „Landshut“ steht nach der Landung auf dem Rollfeld. Die deutsche Antiterroreinheit GSG9 stürmte später die von palästinensischen Terroristen entführte Lufthansa-Maschine und befreite alle Geiseln.

Foto: dpa/UPI

Doch Bad Kleinen wie „Hansa Stavanger“ sind längst Geschichte für den Verband. Aber die GSG 9 ist Immer noch eine der besten Spezialeinheiten der Welt – ein Premium-Modul zur Bekämpfung von Terrorismus und Gewaltkriminalität. Daher ist der Trainingskalender stets randvoll: Geübt wird alles – vom Sturm auf gekaperte Schiffe bis zur Festnahme von Bossen der Organisierten Kriminalität. Wenn die GSG 9 zum Einsatz kommt, ist die Lage immer eng. „Denn nach uns kommt nichts mehr“, bringt es GSG-9-Chef Jerome Fuchs auf den Punkt.

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