Wahl in Stuttgart: Grüner Kuhn liegt mit 51,3 Prozent vorn

Wahl in Stuttgart : Grüner Kuhn liegt mit 51,3 Prozent vorn

Der Grünen-Politiker Fritz Kuhn liegt bei der Stuttgarter Oberbürgermeisterwahl nach Auszählung von 215 der 433 Wahlbezirke mit 51,3 Prozent der Stimmen vorn. Sein schärfster Konkurrent Sebastian Turner (parteilos), der von CDU, FDP und freien Wählern unterstützt wird, lag bei der Neuwahl am Sonntag bei 46,9 Prozent.

Rund 413.000 Bürger waren aufgerufen, aus insgesamt neun Kandidaten einen Nachfolger für den scheidenden OB Wolfgang Schuster (CDU) zu wählen. Im zweiten Wahlgang reicht die einfache Mehrheit für den Sieg. Gewinnt Kuhn den zweiten Wahlgang, wäre er der erste grüne Rathauschef in einer Landeshauptstadt.

Für den Grünen käme der Sieg einer Heimkehr gleich: Er gehörte vor mehr als 32 Jahren zu den Gründungsmitgliedern der Grünen in Baden-Württemberg. Vor rund zwölf Jahren verließ der Grünen-Realo dann jedoch Stuttgart, um in der Bundespolitik Karriere zu machen. Kuhn war Parteichef der Bundes-Grünen und Fraktionschef im Bundestag.

Im Bundestag war es zuletzt ruhig um den 1955 in Bad Mergentheim geborenen Grünen geworden. Den Posten als Vize-Fraktionschef legte er im Frühjahr nieder, um sich auf die OB-Kandidatur konzentrieren können. Kuhn, der nach wie vor ein Bundestagsmandat innehat, ist verheiratet und hat zwei Söhne. Zu seinen Hobbys sagt er: "Ich treibe regelmäßig Sport (Laufen), lese gerne Romane und koche urschwäbisch und italienisch - am liebsten Kässpätzle und Risotto."

Nun will der 57-Jährige seine politische Karriere im Südwesten krönen - und erster grüner Oberbürgermeister in einer Landeshauptstadt werden. Der Wahlkampf bleibt jedoch spannend — im ersten Wahlgang lag Kuhn mit 36,5 Prozent knapp vor Turner, der 34,5 Prozent erhielt.

Kann Turner das Blatt noch wenden?

Turner gilt als Werbe-Profi. Trotzdem ist aber die Strategie des parteilosen Unternehmers vor zwei Wochen nicht aufgegangen. Spannend ist nun, ob der 46-Jährige, der von CDU, FDP und Freien Wählern unterstützt wird, das Blatt noch wenden kann.

Sebastian Turner hat im Wahlkampf nichts dem Zufall überlassen. Er war mit dem größten Budget - rund 400.000 Euro - ins Rennen gegangen, mehr als doppelt so viel wie sein Konkurrent Kuhn. Der Unternehmer gibt sich bodenständig. Mit einer händeschüttelnden Brezel wirbt er auf Plakaten für seine wirtschafts- und bildungspolitischen Ziele. Für eine Karriere als Politiker entschied sich Turner spät. Warum überhaupt? "Mich reizt Neues", erklärte er.

Der Werdegang der beiden Kandidaten könnte nicht unterschiedlicher sein. Kuhn studierte Philosophie und Germanistik in Tübingen und München. Er gilt als Vordenker des Realo-Flügels der Grünen. Auf die Frage, ob ein Intellektueller zum Stuttgarter OB-Posten passe, antwortete Kuhn: "Wenn wir das Wort intellektuell einfach als Nachdenken verstehen, dann ist das eine urschwäbische Eigenschaft."

Anders beim Unternehmer Turner: Als Gründer einer Schülerzeitung und des Magazins "Medium" deutete bei ihm zunächst vieles auf einen journalistischen Berufsweg hin. So schrieb er als freier Autor für "Die Zeit", "Geo" und die "Frankfurter Allgemeine Zeitung". Nach dem Wehrdienst studierte er in Bonn und in den USA Politik und Betriebswirtschaft. Später machte sich der 1966 im Harz geborene Turner als Werbeprofi einen Namen.

"Stuttgart 21" im Wahlkampf

Das umstrittene Projekt "Stuttgart 21" haben beide Männer auf ihre Fahnen geschrieben. Kuhns Vision für Stuttgart ist eine Stadt, in der sich Ökonomie, Ökologie und soziale Gerechtigkeit verbinden. Auf ein Plakat hat er einen seiner typischen Slogans schreiben lassen: "Mit grünen Ideen schwarze Zahlen schreiben." Im Streit um das Bahnprojekt Stuttgart 21 will er ausgleichen, das Projekt selbst aber kritisch begleiten.

Sebastian Turner befürwortet hingegen das umstrittene Bahnprojekt Stuttgart 21, erklärte aber immer wieder, die alten Gräben, die der Konflikt in Stuttgart aufgerissen hat, zuschütten zu wollen - und selbst den Konflikt nicht zu scheuen. "Ich werde mich mit dem Land und der Bahn anlegen, weil ich einen guten Bahnhof haben will."

(dpa)
Mehr von RP ONLINE