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Jürgen Trittin im Interview: Grüne wollen die Mittelschicht entlasten

Jürgen Trittin im Interview : Grüne wollen die Mittelschicht entlasten

Fraktionschef Jürgen Trittin (Grüne) setzt im Bundestagswahlkampf darauf, die populäre Kanzlerin inhaltlich auszubremsen. Im Interview mit unserer Redaktion spricht er auch über Entlastungen für die Mittelschicht.

Sie haben im Scherz sich selbst und Co-Spitzenkandidatin der Grünen, Katrin Göring-Eckardt, mit Darth Vader und Mutter Teresa verglichen. Was ist dran an der Rollenverteilung?

Trittin Das war in der Tat ein Scherz. Und der Vergleich hatte nichts mit Politik, sondern nur mit Unterhaltung zu tun.

Viele fanden das Bild treffend, Sie als die dunkle Macht . . .

Trittin Das ist ok. Darth Vader war ja der Vater des Guten (lacht).

Nach ihrem Auftritt am Abend der Niedersachsen-Wahl in der ARD hat man den Eindruck, Sie könnten sich nur noch selbst schaden, so selbstgewiss, wie Sie sich gaben.

Trittin Wir haben trotz schwieriger Wahlkampfbedingungen in Niedersachsen ein hervorragendes Ergebnis bekommen. Darüber habe ich mich gefreut. Aber wenn die CDU-Arbeitsministerin Ursula von der Leyen in so einer Runde auftritt und so tut, als habe sie die Wahl gewonnen, dann müssen Sie dem selbstbewusst etwas entgegen setzen. Die CDU hat die Wahl verloren - weil wir so viel gewonnen haben.

Das klingt nach Bundestagswahlkampf.

Trittin Die einfache Lehre von Niedersachsen ist, dass die Themen entscheidend sind. Dort galt die Regierung als schlecht aber der Ministerpräsident war sehr populär. Und was ist passiert? Die Leute haben sich nach Themen entschieden! Energiewende, Agrarpolitik, Schulfrieden, weg mit den Studiengebühren. Die gleiche Situation haben wir im Bund: eine populäre Kanzlerin, eine schlechte Regierung, eine gute wirtschaftliche Lage, aber viele ungelöste Probleme: ein Gerechtigkeitsdefizit, eine stockende Energiewende, ein Betreuungsgeld, das eine gesellschaftspolitische Rolle rückwärts bedeutet. Mit anderen Worten: McAllister hat vorgelebt, was Frau Merkel noch bevorsteht.

Wird die Rolle der Spitzenkandidaten überschätzt?
Trittin Sie brauchen Menschen, die Themen verkörpern und sie gut erklären können. Personalisierung gehört dazu, um Inhalte zu transportieren.

Und wofür stehen Sie? FDP-Fraktionschef Brüderle meint, Sie stehen für den Möchtegern-Finanzminister im feinen Zwirn, unter dem das Mao-Jäckchen hervorkommt.

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Trittin Selten so gelacht. Im Ernst: Ich stehe für die Grünen. Ich stehe dafür, dass wir eine Gesellschaft wollen, die sich der Energiewende mit Nachdruck annimmt und sie nicht kaputt macht, wie die CDU. Ich stehe dafür, dass wir in dieser Gesellschaft mehr Gerechtigkeit schaffen und sie modernisieren. Ich stehe auch dafür, dass Frauen am Ende ihres Arbeitslebens nicht 59 Prozent weniger Rente haben als Männer. Ich stehe auch dafür, dass wir nicht nur die Neuverschuldung begrenzen, sondern Altschulden abbauen. Wir wollen, dass der Schuldenstand, der unter Merkel um 500 Milliarden Euro gewachsen ist, wieder sinkt.

Aha, Sie hätten also während der Eurokrise die Staatsschulden gesenkt?

Trittin Das habe ich nicht gesagt. Aber diese hohen Schulden müssen wieder heruntergefahren werden. Die Zinsen des Bundes belasten uns mit jährlich 36 Milliarden Euro.

Wie wollen Sie das finanzieren?
Trittin Mit unserem Konzept einer Abgabe auf private Vermögen oberhalb von einer Million Euro. Damit könnte man innerhalb von zehn Jahren den Schuldenberg um 100 Milliarden Euro senken.

Was wären die Sofortmaßnahmen, die Rot-Grün in der Regierung umsetzen würde?

Trittin Wir wollen als erstes einen gesetzlichen Mindestlohn einführen. Das spart Geld, weil wir dann nicht mehr Löhne aus Vollzeit-Jobs mit Steuermitteln aufstocken müssen. Wir wollen durch den Abbau ökologisch schädlicher Subventionen einen Energiesparfonds auflegen. Wir wollen ein Klimaschutzgesetz verabschieden und die Massentierhaltung beschränken. Und wir wollen alle Bürger mit einem Einkommen von weniger als 60.000 Euro jährlich steuerlich entlasten, indem wir das Existenzminimum anheben. Auch mit der Einführung einer Vermögensabgabe werden wir nicht lange warten. Und wir werden das Betreuungsgeld abschaffen und damit den Ausbau der Kita-Plätze finanzieren.

Was würde das Duo Steinbrück/Trittin von dem Duo Schröder/Fischer unterscheiden?

Trittin Ich bin nicht Fischer und Steinbrück ist nicht Schröder.

Es kommt ja nicht nur auf die Personen an, wie wir gerade gelernt haben. Wie sieht's denn inhaltlich aus?

Trittin Der Unterschied zwischen der früheren rot-grünen Bundesregierung und einer neuen wäre die stärkere Berücksichtigung sozialer Gerechtigkeit bei notwendigen Reformen.

Zum Beispiel?

Trittin Die Zeitarbeit. Ihre Liberalisierung war richtig. Draußen standen vier Millionen Arbeitslose, drinnen wurden Überstunden gekloppt. Ein Fehler war aber, dass die gleiche Bezahlung für Zeitarbeiter nicht festgeschrieben wurde.

Sind die Grünen inzwischen eine bürgerliche Partei?

Trittin Es gibt in Deutschland nur bürgerliche Parteien. Die Frage ist, ob sie rechte oder linke Bürger vertreten. Und darum geht es bei dieser Wahl.

Sind Sie ein Bürgerlicher?

Trittin Ein linker Bürger.

MICHAEL BRÖCKER, BIRGIT MARSCHALL UND EVA QUADBECK FÜHRTEN DAS INTERVIEW.

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(qua)